Flüchtlingsdebatte : „Ich kann nicht anders“

Diese  Christenfamilie aus Syrien   hofft auf Exil in Deutschland, weil ein Sohn medizinische Hilfe braucht.

Diese  Christenfamilie aus Syrien   hofft auf Exil in Deutschland, weil ein Sohn medizinische Hilfe braucht.

Schweriner Pensionär hilft unermüdlich Bedürftigen und versucht Politiker zum Frieden anzustiften.

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19. August 2015, 08:00 Uhr

Manche Mitmenschen halten ihn für etwas „spinnert“. Das weiß Volkbert Keßler. Aber er kann nicht anders. Der 72-Jährige Schweriner schreibt seit Jahren Ministern, Diktatoren, dem UNO-Generalsekretär wie auch dem Papst. Er appelliert an sie, Kriege zu verhindern oder humanitäre Katastrophen abzuwenden.  Er weiß, dass dies kaum etwas nützt. „Wenn sie aber wenigstens sehen, da interessiert sich ein Nicht-Politiker, ist das vielleicht nicht ganz ohne Wirkung“, hofft er. „Wenn man sieht, was alles möglich wäre, wenn Diplomaten umsichtiger handelten – das ist erdrückend."

So denkt er noch heute, der Irak-Krieg 2003 hätte vermieden werden können, wenn  sich Diplomaten ernsthafter bemüht hätten, Saddam Hussein zum Exil zu bewegen. Er selbst versuchte es: Er schrieb und faxte und telefonierte und flog schließlich persönlich nach Bagdad. „Aber da war nichts mehr aufzuhalten.“ 

Volkbert Keßler war Jugendstaatsanwalt in der DDR, stieß in der Wendezeit zum Team Regierungskriminalität beim Generalstaatsanwalt und verhaftete so 1990 „seinen“ Ex-Staats- und Parteichef Erich Honecker.  Er wäre gern in die Diplomatie gegangen, sagt er. Das war ihm nicht vergönnt. Seit der Bagdad-Geschichte sieht er sich nun als „Bürgerdiplomat“. Er hilft, wo er kann. Nach dem Tsunami in der Südsee flog er mit der in Kaufbeuren (Bayern) ansässigen Hilfsorganisation „Humedica“ nach Sri Lanka, half über Jahre einer Fischer-Familie dort (wir berichteten). Gerade war er im Libanon.  Hier sieht der belesene Pensionär Chancen, den Bürgerkrieg im benachbarten  Syrien, Ursache für  die Flüchtlingskatastrophe, zu beenden. „Es muss befriedete Zonen unter UNO-Kontrolle geben. Die Russen sind inzwischen gesprächsbereit. Bedingung  wäre, dass Assad   ins Exil ginge.“ Dies ist seine  private Meinung. Sie deckt sich  aber mit Aussagen von Diplomaten, wie sie etwa  MV-Innenminister Lorenz Caffier (CDU) bei seinem Besuch im Februar im Libanon zu hören bekam.  Keßler baut  nun auf Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU), der sich vehement  für eine diplomatische Offensive unter Einbeziehung des Assad-Regimes aussprach. 

Keßler  besuchte im Libanon, wieder mit „Humedica“, Flüchtlingslager und eine  aus Spenden finanzierte Schule für 130 Flüchtlingskinder. „Eine christliche Schule inmitten muslimischer Nachbarn. Das führte auch dort zu Reibungen.“ Die Schule muss nun umsiedeln. Er spendete dafür  10 000 Euro. „Nicht gerade zur Begeisterung meiner Frau, wir sind nicht wohlhabend.  Aber die Schule kann so ein halbes Jahr betrieben werden“, sagt er fast entschuldigend. Warum engagiert er sich so? „Ich bin nicht religiös, aber wenn Sie sich die dramatischen Geschichten dieser Menschen anhören, fangen Sie schon  an zu beten.“ Woher er das Geld nimmt? „Andere kaufen sich  neue Autos – ich helfe  Menschen. Wir leben recht bescheiden“, sagt er, „da bleibt ein bisschen übrig.“ Hier und da einige Spenden-Euro. Manchmal aber hilft er Menschen über Jahre. Übrigens sowohl in der Heimat als auch in der  Fremde. „Das muss sich die Waage halten“, findet Keßler. So unterstützt er mit seinem Gartenverein gerade eine junge Mutter, deren Laube abbrannte.   

Irgendwo zwischen der Zeit als Flüchtlingskind aus Breslau und den Erfahrungen als Jugendstaatsanwalt vermutet er den Ursprung seines „Helfersyndroms“. „Die ganze Welt brennt. Ich kann  Kriege nicht beenden. Aber immer wieder positive Beispiele schaffen.“

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