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DDR-Bürger waren Weltmeister im Schnapsverbrauch : Gefangen in der Schnapserei

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SED-Chef Walter Ulbricht hatte eine klare Linie. Der "neue Mensch" des Realsozialismus sollte beim Übergang zum Kommunismus ein mäßiger Weintrinker werden. Kampagnen zielten auf Trockenlegung der Werktätigen.

svz.de von
erstellt am 05.Apr.2011 | 12:07 Uhr

Berlin | SED-Chef Walter Ulbricht hatte eine klare Linie. Der "neue Mensch" des Realsozialismus sollte beim Übergang zum realen Kommunismus ein mäßiger Weintrinker werden. Finstere Kneipen, in denen wie am Fließband Klare gekippt wurden, Bierströme bei Brigadefeiern und Saufen in der Produktion, in der DDR erstaunlich weit verbreitet, sollten überwunden werden. Diverse Kampagnen zielten auf Trockenlegung der Werktätigen, die Partei erfand die "Klubgaststätte" für Betriebs- und Hausgemeinschaftsfeste, ein Kontrollmechanismus. Doch die Kulturrevolution konnte weder Ulbricht noch sein Nachfolger Honecker durchpauken. Im ersten so genannten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden wurde munter weitergesoffen.

Thomas Kochan, 1968 im brandenburgischen Bad Saarow geboren, ist Ethnologe und neugieriger Historiker. Ihn interessieren Besonderheiten eines Volkes, er arbeitet das Thema nicht süffisant, sondern sachlich auf. Er hat unzählige Verbrauchsstatistiken, Stasi-Dokumente und Gesundheitsratgeber gesichtet, Romane, medizinische Artikel, Getränkekarten und Schlager studiert und mit Menschen geredet, die am kollektiven Trinken teilhatten. Jeder "gelernte DDR-Bürger" wird einer von Kochans logischen Erklärungen folgen: Allein weil es oft nur Klaren und bulgarischen Rotwein der Sorte "Rosenthaler Kadarka" gab, und das auch noch mit Engpässen bei der Lieferung, konnten die Arbeiter, Bauern und Funktionäre nicht zu Weintrinkern werden.

Schon früh rangierte die DDR beim Verbrauch von Schnaps unter den weltweit führenden Ländern, 1988 kam es zum Weltrekord. Kippten DDR-Bürger 1982 pro Kopf noch 12,7 Liter Schnaps, waren es 1988 16,1 Liter, dazu 143 Liter Bier und 12,1 Liter Wein. Das bedeutet: Jeder Bürger konsumierte elf Liter reinen Alkohols. Oder in Kochans Bild: 23 Standardflaschen Schnaps pro Jahr. Im Westen wurde ähnlich viel Alkohol getrunken, aber viel mehr Wein als "harte Sachen". Was bisher nur Verbraucherexperten bekannt war: Im ersten gemeinsamen statistischen Jahr 1990 ließen die meisten Ostdeutschen vom Schnaps und stellten, wie ihre Brüder und Schwestern im Westen, auf Wein um.

Kochan fragt, warum in der DDR die Schnapserei so verbreitet war. Man spürt seine Vorsicht, er möchte keine Vorurteile verstärken. Als erstes führt er den sowjetischen Einfluss an: Wodka trinken war üblich. Der "Kristall-Wodka" zum Beispiel besaß 40 Prozent Alkohol, der Volksmund nannte ihn "Blauer Würger". Aber der Ethnologe fand auch heraus, dass die DDR, auf ostelbischem Gebiet gelegen, die Branntwein-Tradition sozusagen vererbt bekommen hatte. In Ostelbien wurden im 19. Jahrhundert mehr Spirituosen als anderer Alkohol getrunken.

Vor diesem Hintergrund hatte "Alkoholkonsum nichts Anrüchiges, nichts Verdorbenes, nichts Verpöntes, nichts Krankhaftes." Kochans These: "Die Ostdeutschen benutzten und betrachteten die alkoholischen Getränke, wie man heutzutage Lebensmittel benutzt und betrachtet. Sie tranken, wie gemeinhin gegessen wird. Das heißt zuerst einmal, dass Alkoholtrinken in der DDR als etwas Elementares galt - gleich der Nahrungsaufnahme."

Natürlich gab es auch Trinken gegen das Grau des sozialistischen Alltags, Komasaufen und Alkoholismus. Aber der Alkohol hatte weniger ein Stigma als im Westen, er gehörte - vom LPG-Bauern, der auf dem Feld seinen Braunen unterm Traktorensitz deponiert hatte, bis zum Oberbonzen, der mit seinesgleichen bei Partei-Galas mehrere Wodkagläser leerte - einfach dazu. Das gemeinsame Trinken schaffte eine ritualisierte Gleichheit. Bis 1989, als die gegen das Regime gerichteten Demonstrationen einsetzten.

Gorbatschow hatte in der Sowjetunion den Wodkakonsum drastisch reduziert, das war ein Signal bis in die DDR. Wer demonstrierte, tat es nüchtern, Alkoholtrinken war am Leipziger Ring verpönt. Die Folge: 1989 brach der Schnapskonsum ziemlich ein und die DDR zusammen.

Thomas Kochan: "Blauer Würger. So trank die DDR", Aufbau Verlag 2011, 336 S., 19,95 Euro

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