Belastetes Trinkwasser : Gefahr aus der Pillendose

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Chemiecocktail am Wasserhahn? Sozialministerium warnt vor Arzneimitteln im Trinkwasser.

svz.de von
03. November 2015, 06:00 Uhr

In Mecklenburg-Vorpommern belasten Arzneimittel das Trinkwasser – davor hat das Sozialministerium jetzt ungewöhnlich deutlich gewarnt. Arzneimittelrückstände könnten „verheerende Folgen“ für die Gesundheit haben und Medikamente durch bestimmte Wirkstoffe ihre Wirkung verlieren. Zudem könne die Belastung des Wassers durch Antibiotika die Bildung multiresistenter Keime fördern und herkömmliche Antibiotika wirkungslos werden lassen. Bislang hatte das Land die offenbar zunehmende Belastung des Trinkwassers durch Medikamentenrückstände eher heruntergespielt.

Doch das Risiko steigt: So haben Arzneimittelrückstände längst das Grundwasser erreicht, aus dem in MV ein Großteil des Trinkwassers gewonnen wird. Mittlerweile haben Fachleute an fast jeder zehnten untersuchten Grundwassermessstelle im Land Arzneimittel nachgewiesen, musste das Sozialministerium in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des grünen Landtagsabgeordneten Jürgen Suhr im Sommer eingestehen.

Grebbin, Goldenstädt, Sülte, Gülze, Spoitgendorf, Karrenzin und Stolpe: Überall sind dem Land zufolge Wirkstoffkonzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm je Liter gemessen worden, gab auch das Umweltministerium in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der linken Landtagsabgeordneten Mignon Schwenke zu Jahresmitte zu. Kontrastmittel, krampflösende Mittel aber auch Schmerzmittel – im Grundwasser waren zwischen 2011 und 2013 in 13 der 155 Grundwassermessstellen Pharmareste gefunden worden. Wie auch in Fließgewässern, vor allem in kleineren mit einem erhöhten Anteil von Abwasser aus kommunalen Kläranlagen, ergab die Analyse. Dort waren zwischen 2011 und 2013 landesweit in 27 von insgesamt etwa 7400 Proben deutlich überhöhte Werte analysiert worden, teilte das Sozialministerium mit.

Die wachsende Belastung wundert kaum: Fast die Hälfte der Deutschen entsorge alte Medikamente in der Toilette oder im Waschbecken, hatte das Bundesforschungsministerium festgestellt.

Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) mahnt indes zur Veränderung: Arzneimittel, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen sei oder nicht mehr benötigt würden, gehörten nicht in den Ausguss oder die Toilette, sondern müssten fachgerecht entsorgt werden. Die kommunalen Abfallgesellschaften eines jeden Landkreises und einer jeden kreisfreien Stadt würden die umweltverträgliche Entsorgung der Medikamente anbieten.

Hesse lässt es allerdings beim Appell: Während die Opposition ein verpflichtendes Rücknahmesystem für nicht verbrauchte Arznei einklagt, an dem sich Pharmahersteller und Apotheken beteiligen solle, verweist die Sozialministerin lediglich auf das Internetportal www.arzneimittelentsorgung.de, dass Informationen enthalte, wo und wie Arzneireste ohne Umweltschäden entsorgt werden können. Bislang sind Apotheken nicht zur Rücknahme verpflichtet. Außerdem: Dem Sozialministerium zufolge entsorgen auch Apotheken Arzneimittelabfälle über den Hausmüll. Nur: Dem von Hesse empfohlenen Internetportal zufolge gibt es bei der Hausmüllentsorgung Mängel. Bei einer mechanisch-biologischen Vorbehandlung würden nicht alle Wirkstoffe vollständig zerstört, heißt es.

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