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Prozess : Falsche Weihnachtsmänner

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwei Männern wird erpresserischer Menschenraub vorgeworfen – sie überfielen eine Familie in ihrem Haus

Sie waren falsche Weihnachtsmänner - und nicht gekommen, um zu geben, sondern um zu nehmen. Und das auf ungewöhnlich brutale Weise. Zwei Tage vor Heiligabend 2009 drangen zwei verkleidete Räuber gewaltsam in das Haus einer Familie im eher geruhsamen Schweriner Stadtteil Friedrichsthal ein. Zunächst überwältigen sie die Mutter, die ihnen arglos die Tür öffnet, dann den 11-jährigen Sohn. Schüsse aus einer Schreckschusspistole fallen, es gibt Schläge, die Frau wird verletzt. Die Täter fesseln ihre Opfer und warten auf den Vater, der – wie sie wussten – eine Baumarkt-Filiale leitet. Als der kommt, plündern sie dessen Portmonee und die Spardose des Sohnes, stecken knapp 200 Euro ein und nötigen den Mann, mit ihnen zum Baumarkt zu fahren. Der Tresor lässt sich nicht öffnen. So zwingen sie den Familienvater 1000 Euro Bargeld vom Automaten abzuheben. Danach lassen sie den Mann frei und suchen selbst das Weite. Ihr Fluchtfahrzeug, das Auto der Familie, findet die Polizei am nächsten Tag in einem See bei Schwerin.

Der Überfall erregt Aufsehen und schürt Angst bei den Einwohnern der Landeshauptstadt, die sich nun in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher fühlen. Lange Zeit tappen die Ermittler im Dunklen. Bis sich gut ein Jahr später einer der Täter von selbst offenbart. Er nennt es „Lebensgeständnis“. Der damals 27-Jährige hat eine Menge zu beichten – unter anderem jenen Überfall im Weihnachtsmann-Kostüm. Der gebürtige Crivitzer beschuldigt einen Komplizen aus Jena, dabei gewesen zu sein. Der bestreitet das damals.

Jetzt – vier Jahre später – sitzen beide im Schweriner Landgericht auf der Anklagebank. Erpresserischer Menschenraub und Körperverletzung werden ihnen vorgeworfen. Mit auf der Anklagebank auch die damalige Freundin des Älteren, der Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub vorgeworfen wird. Sie soll die Familie ausgespäht haben. Der Mann aus Jena, Denny P., inzwischen 26 Jahre alt, will vorerst nichts sagen. Was er am gestrigen ersten Verhandlungstag auch durchhält – wenn er sich nicht mit Rene P. verbal in die Haare kriegt. Denny P. im dunklen Anzug mit Krawatte gibt sich cool, trägt seine Sonnenbrille auch während der Verhandlung, kaut lässig an seinem Kaugummi und nimmt Rene P. fest ins Visier. Der, heute 30 Jahre alt, bleibt im Wesentlichen bei seinem Geständnis von damals. Und auch bei der Version, dass Denny P. auf die Idee mit dem Überfall kam. Der habe Baumarkt und Filialleiter von einem früheren Praktikum gekannt.

Viel Zeit ist seit dem ersten Geständnis von Rene P. vergangen. Weglaufen konnten beide Männer nicht. Seit Juni 2010 sitzen sie im Gefängnis. Fünf Monate nach dem Überfall auf die Familie, nämlich im Mai 2010, raubten sie eine Sparkasse in Leezen bei Schwerin aus und erbeuteten 15 000 Euro. Die Täter flogen auf, als die damalige Freundin des Älteren mit einem Geldschein aus der Beute bezahlt.

Das überraschende Weihnachtsmann-Geständnis hat Rene P. im Prozess wegen des Banküberfalls offenbar nicht viel genützt. Mehrfach vorbestraft, ist er inzwischen rechtskräftig verurteilt und bleibt nach der Anordnung von Sicherungsverwahrung auf unbestimmte Zeit hinter Gittern. Das könnte nun auch Denny P. drohen. Er sitzt gerade eine siebeneinhalbjährige Freiheitsstrafe ab. Ein psychiatrischer Sachverständiger wird im aktuellen Prozess seine Einschätzung zu dessen Gefährlichkeit abgeben. Bislang hat das Gericht Prozesstermine bis Ende Januar geplant.

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erstellt am 15.Jan.2014 | 22:00 Uhr

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