Erster EHEC-Todesfall in MV

Fieberhafte Suche: Eine Laborantin vergleicht  im Robert Koch Institut EHEC-Kolonien auf Nährboden. dpa
Fieberhafte Suche: Eine Laborantin vergleicht im Robert Koch Institut EHEC-Kolonien auf Nährboden. dpa

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30. Mai 2011, 04:10 Uhr

Berlin | In Mecklenburg-Vorpommern hat es einen ersten Todesfall im Zusammenhang mit dem EHEC-Darmkeim gegeben. Wie das Landesamt für Gesundheit und Soziales am Montag in Rostock berichtete, starb bereits am Samstag eine 87-jährige Frau in der Asklepios Klinik Parchim. Sie habe im Landkreis Parchim gelebt. Die Frau habe die typischen Krankheitssymptome inklusive denen der lebensgefährlichen Komplikation HUS entwickelt.

Damit hat sich die Zahl der Toten durch den Darmkeim EHEC in Deutschland auf zwölf erhöht. Wie das Landesamt weiter berichtete, hat sich die Zahl der EHEC-Erkrankungen in Mecklenburg-Vorpommern von 49 am Freitag auf jetzt 84 erhöht. 69 Patienten wurden in Krankenhäuser gebracht. 23 Patienten seien HUS-Fälle oder HUS-Verdachtsfälle, darunter vier Kinder.

Die Krankenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern sind nach Aussage von Gesundheitsministerin Manuela Schwesig (SPD) auf weitere schwere Fälle von EHEC-Erkrankungen vorbereitet. Derzeit gebe es keine Engpässe - auch nicht im Dialyse-Bereich, sagte sie am Montag in Lubmin bei Greifswald. Dies habe eine Kapazitätsabfrage ergeben.

Schwesig warnte vor Panikmache. „Die Menschen müssen wegen des Todesfalls nicht mehr Sorge haben als vorher“, sagte sie. Der Todesfall sei bedauerlich. Es habe sich um eine ältere Frau gehandelt, die bereits an Vorerkrankungen gelitten habe.

Die Ministerin warnte vor dem Verzehr von rohem Gemüse. „Die Gesundheit der Bevölkerung geht vor“, sagte sie. Solange nicht klar gesagt werden könne, von welchem Gemüse der Erreger stamme, empfehle sie, den Verzehr von rohem Gemüse zu vermeiden. „Ich tue das jetzt auch.“

Am Dienstagmorgen verständigen sich laut Schwesig zunächst die Gesundheitsminister der SPD-geführten Länder über die Ergebnisse und Konsequenzen nach dem Treffen des Bundesgesundheitsministers und der Bundesverbraucherministerin mit Experten des Robert-Koch-Instituts.
Am Mittwoch will sich die Ministerin im Uni-Klinikum Rostock informieren.
Von einer Kontrolle der EHEC-Infektionswelle kann bisher keine Rede sein. Täglich mehr Kranke und langsam, aber kontinuierlich steigende Totenzahlen lassen Ängste wachsen.

Anders als bei vielen anderen Erregern reichen wenige EHEC-Keime für eine Infektion. Doch woher die Erreger jetzt zu ihren Opfern kommen, ist unklar. "Die Quelle des Ausbruchs ist noch nicht gesichert", stellt die EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC fest. Mit Blick auf die EU insgesamt schreiben die obersten Seuchenwächter: "Das genaue Ausmaß des Ausbruchs wird wahrscheinlich in den kommenden Wochen deutlich."

Helge Karch stöhnt: "So etwas gab es bisher noch nie." Der führende Mikrobiologe für EHEC zeigt äußersten Respekt vor dem Keim: "Wenn so viele Menschen täglich erkranken, so ist der doch hochgefährlich!" Die Mosaiksteine wollen sich nicht zu einem erhellenden Bild zusammenfügen. Nach den in Hamburg gefundenen kontaminierten Gurken könnten auch drei in Mecklenburg-Vorpommern sichergestellte Gurken EHEC an sich haben - bewiesen ist das aber noch nicht.

Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) betont, die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse hätten Bestand. Gurken aus einer EHEC-verseuchten Charge kamen jetzt auch in Tschechien in den Handel.

Ist es eine Epidemie? Ende der Woche wollte das Robert Koch-Institut die EHEC-Welle nicht so einstufen. Fachlexika umschreiben eine Epidemie als "zeitlich und räumlich begrenzte Zunahme des Vorkommens von Infektionskrankheiten". Erstmals erkannt wurde EHEC 1982 in den USA - in Deutschland gab es bereits mehrere Ausbrüche. In einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen im Bundestag erläuterte das Gesundheitsministerium 1998 die Forschungen zu dem Bakterium. Auch der Hinweis findet sich: "Der über die Routinediagnostik und die institutionelle Forschung hinausgehende Forschungsbedarf muss entsprechend den finanziellen Möglichkeiten eingeordnet werden." Auch von großer epidemiologischer und diagnostischer Unsicherheit ist die Rede.

Die Bundesbürger reagieren auf den EHEC-Ausbruch. 58 Prozent verzichten laut einer Umfrage der "Bild am Sonntag" auf rohe Tomaten, Gurken und Salat. Eine andere Umfrage im Auftrag des "Kölner Stadt-Anzeigers" kommt hingegen zu dem Ergebnis, 58 Prozent hätten nichts an ihrer Ernährung umgestellt. Die meisten meinen, sie kämen mit dem Erreger nicht in Berührung. Statistisch gesehen dürfte das stimmen. Der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott mahnt: "Das größte Risiko beziehungsweise der größte Schutz für die Gesundheit ist das persönliche Ernährungsverhalten, also die durchschnittliche eigene Auswahl über längere Zeiträume." Viel Fett und Kohlenhydrate und wenig Rohkost - dazu sollte EHEC dauerhaft auf keinen Fall führen.


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