25 Jahre Mauerfall : „Er ist in den Tod geschwommen“

Harald Nemitz blättert in Erinnerungen. Fotos: frost/nemitz
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Harald Nemitz blättert in Erinnerungen. Fotos: frost/nemitz

Harald Nemitz’ Jugendfreund Günter Müller gehört offenbar zu den bislang unbekannten Opfern der DDR-Grenze.

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03. Februar 2014, 09:00 Uhr

Noch immer beschleicht Harald Nemitz eine gewisse Traurigkeit, wenn er sich das 44 Jahre alte Foto anschaut. „Günter und ich haben aus Spaß meine Freundin am Strand eingebuddelt. Es ist das letzte Foto von ihm. In der folgenden Nacht ist er raus geschwommen.“

Für Harald Nemitz zählt sein Jugendfreund Günter Müller zu den Opfern des Grenzregimes der DDR, auch wenn er nicht erschossen oder von einer Mine getötet wurde. Für Nemitz steht fest, dass Günter jämmerlich ertrank, als er von Kühlungsborn nach Fehmarn in den Westen schwimmen wollte. Seit dem Fall der Mauer ist ein Vierteljahrhundert vergangen, zahllose Forscher haben die Akten der DDR-Staatssicherheit durchforstet. Aber den Namen seines Freundes hat Nemitz bislang auf keiner Opfer-Liste und keiner Gedenkplakette finden können. Darum sei es Zeit, von Günters Schicksal zu berichten, sagt Nemitz.

Am Küchentisch in Zepelin bei Bützow schlägt Harald Nemitz langsam die Seiten des querformatigen Fotoalbums um. Auf schwarzem Karton hat er Schwarz-Weiß Aufnahmen aus den 1960er-Jahren eingeklebt. Selbstbewusste Jungs beim Bummel durch ihre Heimatstadt Wolfen bei Bitterfeld. Jugendliche, die in gestreiften Bademänteln am Beckenrand auf den nächsten Schwimmwettkampf warten. Ein braungebrannter Junge beim Hechtsprung nach einem Ball am sonnigen Strand. Darunter immer wieder ein sportlicher Junge mit einer auffälligen blonden Tolle: Günter Müller. „Er war ein lustiger Mensch. Er tanzte gern. Und wie wir alle liebte er die Beatles“, erzählt Nemitz. Für die meisten ist die innerdeutsche Grenze „ganz weit weg“. Vorerst spielt sie keine Rolle in ihrem Leben.

1962 stieß der 13 Jahre alte Günter Müller zu Harald Nemitz und dessen Freunden in den Schwimmverein. Fast jeden Tag trainierten die Jungs. In den Sommerferien verbrachten sie ganze Tage im Schwimmbad. Günther hielt bald mit den anderen mit, fuhr 1964 zu den DDR-Jugendmeisterschaften. „Er war gut im Brustschwimmen“, erinnert sich Nemitz, „obwohl nach einem Unfall ein Bein leicht verkürzt war“. Lange hatte Günter 1961 im Krankenhaus gelegen. Deshalb sei es den Eltern nicht mehr gelungen, vor dem Bau der Mauer in die Bundesrepublik zu gehen. Allerdings hatten es zwei deutlich ältere Brüder bereits vorher in den Westen geschafft. Ab und an erzählte Günter, dass er seinen Brüdern hinterher wollte – „in die Freiheit“.

Nach seiner Kochlehre fand Günter Müller eine Anstellung im Rostock Restaurant „Nordland“. Er versuchte, so schrieb er Harald Nemitz, mit westdeutschen Seeleuten Kontakt zu bekommen, um sich auf ein Schiff schmuggeln zu lassen. Aber der Rostocker Hafen war schwer bewacht. Ein anderes Mal wollte er durch den Hafen zu einem Schiff aus dem „nichtsozialistischen Ausland“ schwimmen. Als sich ein DDR-Patrouillenboot näherte, kehrte er zum Ufer zurück.

Anfang August 1970 fuhr eine Jugendgruppe aus Wolfen zum Zelten nach Kühlungsborn. Für Günter war es, so schien es, eine gute Gelegenheit, alte Bekanntschaften wieder aufzuwärmen. Er wurde im Vorzelt bei Harald Nemitz und dessen damaliger Freundin einquartiert. „Es war sehr warm, auch das Wasser hatte mehr als 18 Grad“, erzählt Nemitz. Nachts sahen sie ein blinkendes Licht am nördlichen Horizont. „Wir haben gescherzt, das müsse der Leuchtturm von Fehmarn sein. Günter fragte, wie weit es wohl bis darüber sei. Aber gedacht habe ich mir dabei nichts.“ Den nächsten Tag verbrachte die Clique am Strand, abends gingen sie in eine Gastwirtschaft. Nemitz: „Günter aß zwei Schnitzel, also doppelt so viel wie die anderen. Aber das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.“

Als sich Harald und seine Freundin in ihre Schlafsäcke verzogen, „da schäkerte Günter mit meiner Schwester und deren Freundinnen vor dem Nachbarzelt. „Er sagte, er sei noch nicht müde.“ Am nächsten Morgen sah Harald Nemitz die leere Luftmatratze. Arglos glaubte er, Günter schlafe im Zelt nebenan, schließlich hatte er heftig geflirtet. Doch ihm kamen erste Zweifel, denn Günters Jeans lag im Vorzelt. Dann fragte seine Freundin, warum ihre Nivea-Dose leer sei. „Ich rannte zum Strand. Da standen seine Badelatschen. Meine Schwester sprach aus, was wir alle dachten: ,Der ist weg über die Ostsee.‘ Mit der Nivea-Creme wollte sich Günter offenbar vor der Kälte schützen. Am Nachmittag meldeten sie Günters Verschwinden bei der Volkspolizei. „Wir wurden mehrmals verhört. Ich stellte mich ahnungslos, denn ich konnte doch nicht zugeben, dass ich von Günters Fluchtgedanken wusste.“ Niemand aus der Clique wollte als mutmaßlicher Mitwisser einer „Republikflucht“ in die Mangel genommen werden. Also schwiegen sie – für lange Zeit.

Harald Nemitz hat nie wieder von seinem Freund gehört. Für ihn stand bald fest, dass Günter den Weg über die Ostsee nicht überlebt hat. „Er hatte keinen Schutzanzug, er hatte keine Schwimmflossen, er hatte keine Taucherbrille. Er hatte nichts.“ Als erfahrener Schwimmer wusste Nemitz, „wie schnell man friert und wie schnell einen dann die Kraft verlässt“. Nicht vorstellen mag er sich, wie Günter weit draußen in der dunklen Ostsee ertrunken ist.

Nemitz’ Gefühle schwanken zwischen Wehmut, Trauer um den verlorenen Freund und Verzweiflung über dessen verhängnisvollen Wagemut: „Ich hätte es ihm gegönnt, dass es klappt. Aber ich wusste: Er ist in den Tod geschwommen.“





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