Vietlübbe : Engel trampeln nicht

Gespannt auf den großen Auftritt: Pastorin de Boor, Gerrit Hasirçi, Holger Teubler,  Christian Neumann (hinten, v.r.) und  die Kinder vom Krippenspiel  Fotos: herder
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Gespannt auf den großen Auftritt: Pastorin de Boor, Gerrit Hasirçi, Holger Teubler, Christian Neumann (hinten, v.r.) und die Kinder vom Krippenspiel

13 Kinder und drei Erwachsene führen am Heiligabend in der Vietlübber Kirche ein ganz besonderes Stück auf

Die schweren Winterstiefel unter den langen weißen Gewändern der drei kleinen Engel poltern laut auf der hölzernen Bühne im Altarraum der Kirche, als die Himmelsboten hervortreten. „Engel trampeln nicht, Engel fliegen“, mahnt Pastorin Irene de Boor. Beim nächsten Mal klappt es besser: Fast geräuschlos treten die Engel mit ihren langen weißen Kleidern, den Häubchen und goldenen Haarreifen ins Bild, singen fehlerfrei ihre Zeilen. Rund zwei Monate haben die Schauspieler ihre Rollen geübt, nun, kurz vor dem großen Auftritt am Heiligen Abend, stecken sie mitten in der Generalprobe.

Es ist ein ganz besonderes Krippenspiel, das zu Weihnachten in der kleinen Vietlübber Kirche zur Aufführung kommt: Am Heiligen Abend spielt und singt die 16-köpfige Gruppe der verbundenen Kirchengemeinden Vietlübbe/ Mühlen Eichsen die Geschichte von Schuster Martin nach einer Vorlage von Leo Tolstoi. Sie erzählt von Schuster Martin, der sich am Heiligabend alleine fühlt – und es doch längst nicht mehr ist, weil er sich um andere Menschen kümmert und zuletzt einen Besucher empfängt, den er sich sehr gewünscht hat.

Es ist aber auch ein ganz besonderes Ensemble, das das Stück zur Aufführung bringt: Ein Ensemble, in dem Kinder ebenso mitspielen wie Erwachsene, ein blinder Musiker ebenso Sehende. Zu 13 Kindern zwischen fünf und zehn Jahren kommen drei Erwachsene. In einem Stück, das die Sensibilität für andere Menschen zum Thema hat, ist die Sensibilität füreinander bei den kleinen und großen Akteuren selbstverständlich.

„Ich finde es gut, dass Erwachsene mitmachen. Das passt einfach gut“, sagt die siebenjährige Luna aus Driberg, die einen Hirten spielt. „Es ist schön mit den Kindern, etwas ganz anderes für mich“, sagt Holger Teubler, der das Stück mit dem Akkordeon begleitet. Erst im März ist der blinde 35-Jährige aus Schleswig-Holstein nach Dragun gezogen, in der Gemeinde hat er einen Anlaufpunkt gefunden. Seine Behinderung spielt für die Kinder schlichtweg keine Rolle. „Die Musik ist gut, auch wenn ich es erst ein bisschen komisch fand, dass in diesem Jahr auch Erwachsene mitspielen“, sagt die achtjährige Inga, einer der kleinen Engel, aus Groß Eichsen. „Wir sitzen alle zusammen in einem Boot: Wenn ich nicht weiter weiß, helfen mir die Kinder, wenn sie nicht weiter wissen, helfe ich ihnen“, sagt Christian Neumann, eigentlich Lehrer in Gadebusch, im Stück Schuster Martin. „Die Erwachsenen haben manchmal auch gute Tipps“, sagt die achtjährige Vanessa, die Maria spielt. „Mit Kindern zu arbeiten ist eine Herausforderung, in der Vergangenheit habe ich vor allem mit Senioren gearbeitet. Aber ich habe selbst als Kind Theater gespielt und kann mich gut in die Kinder versetzen“, sagt der 35-jährige Gerrit Hasirçi aus Dragun, der nicht nur Gitarre spielt und singt, sondern auch die Rolle des Straßenfegers Ivan übernommen hat.

All das, sagt Pastorin Irene de Boor, diese besonderen Wahrnehmungen voneinander, diesen besonderen Umgang miteinander, habe sie beabsichtigt, als sie entschieden habe, ein generationenübergreifendes Krippenspiel aufzuführen. „Ich finde das sehr spannend. Man merkt, wie die Kleinen gucken, wenn der große Ivan singt, aber umgekehrt ebenso. Diese Wechselbeziehungen – nicht nur unter den Kindern, sondern auch unter Kindern und Erwachsenen – sind einfach schön.“

Das Miteinander ist es dann auch, dass im Zentrum des ausgewählten Stücks „Schuster Martin feiert Weihnachten“ -zwar kein klassisches Krippenspiel und doch eins, in dem Josef, Maria und das Jesuskind, die Hirten, die Engel und die heiligen drei Könige einen Platz finden – steht: „Schuster Martin ist zu Weihnachten alleine und erlebt doch, dass das Fest schön ist, weil er gastfreundlich ist und die Menschen zu sich einlädt. Weihnachten wird nicht überhöht, stattdessen wird ein anständiger Mensch gezeigt, der anderen zuhört und mitfühlt“, so de Boor. Das Bühnenbild, die kleine Schusterwerkstatt mit alten Werkzeugen, mit hölzernen Schuhspannern, Lederschuhen und Leisten, hat die Pastorin selbst gebaut. „Vieles davon habe ich über Jahre zusammengesammelt. Vieles ist mir aber auch gebracht worden, von Menschen, die gehört haben, was wir machen.“ Und so ist es nicht zuletzt ein Stück, bei dem viel mehr Menschen mitgeholfen haben, als nun tatsächlich am 24. Dezember auf der kleinen Bühne stehen werden: „Die Gemeinde überlegt mit, viele haben sich eingebracht. Wenn die Menschen neugierig sind, das beflügelt einen in der Arbeit natürlich auch“, sagt die Pastorin. Für die 16 Akteure jedenfalls wird der morgige Heiligabend ein ganz besonderer. Lampenfieber gehört zu jeder Premiere. Und das gilt – so verschieden sie auch sein mögen – für die kleinen genauso wie für die großen Mitspieler.

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