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Endzeitstimmung statt Sommermärchen

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erstellt am 07.Jun.2011 | 05:36 Uhr

Warschau | Bunte Wasserbälle segeln gemächlich von einer Hand zur anderen. Sogar eine aufblasbare Gummipalme findet schwebend ihren Weg durch die Zuschauerreihen. Schläfrigkeit liegt über dem Warschauer Legia-Stadion. Auf dem Rasen fertigen die Hauptstädter den Absteiger Polonia Bytom zum Saisonabschluss mit 4:0 ab. Doch die gefürchteten Hooligans auf der Nordtribüne geben kaum einen Laut von sich. Sie schwelgen in einer Sommerparty. Sieht so Polens neue heile Fußball-Welt aus? Eher ist es die Ruhe nach dem Sturm. Und es könnte eine trügerische Ruhe sein.

Hooligan-Krieg tobt in Polen

Seit Monaten hält ein Hooligan-Krieg mit Toten und Verletzten das Land in Atem. Anfang Mai zerlegten Randalierer beim Pokalfinale in Bydgoszcz (Bromberg) ein ganzes Stadion und lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei.

Premierminister Donald Tusk drohte sogar mit einer Absage der Europameisterschaft. "Auf den Rängen treiben Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle ihr Unwesen", erklärte er und ließ mehrere Stadien für Zuschauer sperren. Nun revanchieren sich die Fans für die Geisterspiele: Sie inszenieren eine Strandparty, statt für Stimmung zu sorgen.

Doch nicht nur wegen der Hooligan-Gewalt herrscht in Polen eine Art fußballerische Endzeiterwartung. Zwei Drittel der Bürger sind überzeugt, dass sich ihr Land blamieren werde. Sie hadern mit dem Zustand der eigenen Nationalmannschaft, vor allem aber mit den Verzögerungen beim Bau von Stadien, Straßen und Bahnhöfen.

Mikolaj Piotrowski ist Berufsoptimist und zählt zu jenen mageren drei Prozent aller Polen, die mit Blick auf die EM "keinen Grund zur Sorge" sehen. Der 37-Jährige ist PR-Direktor des Organisationskomitees PL.2012 und erklärt: "Die Menschen antworten bei solchen Umfragen aus dem Blickwinkel der aktuellen Situation." Dass es Probleme mit der Infrastruktur gibt, will Piotrowski durchaus nicht verhehlen. Aber Autobahnen und Arenen würden rechtzeitig fertig, versichert er. Piotrowski macht die Dinge gern plastisch. Und so versucht er die Lage mit einer Anekdote über den Baufortschritt am Warschauer EM-Stadion zu erklären. Dort soll am 8. Juni 2012 das Eröffnungsspiel der Euro stattfinden.

Nörgeln bis kurz vor Schluss

"Vor einem Jahr fahre ich mit dem Taxi an der Baustelle vorbei", erzählt Piotrowski, "der Fahrer flucht, das soll er sich ansehen, das wird nie etwas! Kürzlich steige ich wieder in ein Taxi und erkenne das Lästermaul von damals. Wieder geht die Fahrt am Stadion vorbei. Was glauben Sie, was der Mann sagt? Sehen Sie sich das an, was für ein tolles Stadion!" So seien die Polen nun einmal: "Sie nörgeln bis kurz vor Schluss, aber am Ende sind sie Feuer und Flamme."

Von Piotrowskis Büro ist es nicht weit bis zum EM-Stadion auf der anderen Flussseite. Aus der Ferne betrachtet macht die neue Arena mit ihrer luftigen Dachkonstruktion tatsächlich einen prächtigen Eindruck. Die Außenhaut schimmert in den Nationalfarben Weiß und Rot. Doch wer den Bau aus der Nähe besichtigen will, muss sich durch ein Brachland kämpfen. Im Asphalt klaffen metergroße Schlaglöcher. Von dem geplanten Sport- und Freizeitpark mit Stadion, Schwimmhalle und einer 15.000 Zuschauer fassenden Indoor-Arena ist kaum etwas zu erkennen. Eine terrassenförmige Promenade soll zur Weichsel hinunterführen. Im Notfall ist sie als Fluchtweg gedacht. Ersten Belastungstests hielten die Stufen jedoch nicht stand.

Ödes Picknick statt Stadion-Atmosphäre

Auch das für den 6. September angekündigte Einweihungsspiel gegen Deutschland steht auf der Kippe. Eine Verlegung wäre kein Novum. Erst kürzlich musste die Eröffnung der Danziger EM-Arena abgesagt werden, weil die Sicherheit nicht zu garantieren war. Nun spielt Polen am 9. Juni im Warschauer Legia-Stadion gegen Frankreich.

"Zu so einem öden Picknick kommen wir erst gar nicht", höhnt der 22-jährige Robert. Er ist ein Legia-Anhänger und rekelt sich müde auf der Nordtribüne. Picknick ist für die selbst ernannten "echten" polnischen Fans ein gängiges Schimpfwort. Zu einem Picknick finden sich nur Schönwetter-Gäste ein, die sich zwar in die Vereinsfarben hüllen und bunt anmalen. "Von Fußball verstehen die aber nichts", urteilt Robert und meint jene Zuschauer, auf die Uefa-Direktor Martin Kallen seine Hoffnungen gründet.

Zu einem Märchen gehört eine finstere Ausgangslage

"Zur Euro werden keine Hooligans anreisen, sondern friedliche Fans und Familien", sagt der Mann, der beim europäischen Verband für die EM-Organisation verantwortlich ist. Die Vorfreude auf ein Sommermärchen will sich auch PR-Mann Piotrowski nicht verderben lassen. "Wir werden 2012 ausgiebig mit unseren Gästen feiern", prophezeit er. Aber am Ende steht und fällt alles mit der Leistung der eigenen Mannschaft .

"Wenn wir früh ausscheiden, haben wir ein Problem", sagt Piotrowski.

Nationaltrainer Franciszek Smuda, dessen Stuhl seit Monaten kräftig wackelt sagt, die deutsche Mannschaft habe 2006 noch wenige Monate vor der WM 1:4 gegen Italien verloren, beim Turnier aber begeisternden Fußball geboten. Und zu einem echten Märchen gehöre schließlich die finstere Ausgangslage.

"Ich zähle auf die Unterstützung aller, die unseren Sport lieben." Mit Legia-Fan Robert sollte er besser nicht rechnen. "Die sollen ihr Picknick ohne mich veranstalten", sagt der.

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