SOS-Dorfgemeinschaft : Eine Zeit des Probierens

Christine Helle-Koch (l.) ihr Mann Wilhelm Koch (2.v.l.) arbeiten seit 1998 als Hausbetreuer in der SOS-Dorfgemeinschaft in Grimmen
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Christine Helle-Koch (l.) ihr Mann Wilhelm Koch (2.v.l.) arbeiten seit 1998 als Hausbetreuer in der SOS-Dorfgemeinschaft in Grimmen

Leben in der SOS-Dorfgemeinschaft

svz.de von
27. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Sabrina Beelte nimmt es mit dem Weben sehr genau. Am Webstuhl „Gunnar“ fädelt sie mit einem Handschützen einen braunen Baumwollfaden durch die Kettfäden. Dann entdeckt sie ein Knötchen und macht alles wieder rückgängig.

„Man, das kann so nicht bleiben“, schimpft die 23-Jährige laut mit sich selbst. Sabrina hat eine Lernbeeinträchtigung. Deshalb geht ihr die Arbeit langsamer von der Hand als einer professionellen Webmeisterin. Doch in der Werkstatt der SOS-Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden ist das Arbeitstempo - anders als in der ungeschützten Arbeitswelt - keine bestimmende Größe.

Gänse grasen auf der Wiese, aus dem Stall dringt das Muhen von Kühen: Rund einen Kilometer vor Grimmen liegt das dörfliche Idyll der Einrichtung des SOS-Kinderdorf e. V. Die SOS-Dorfgemeinschaft, die anders als die Kinderdörfer eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für geistig beeinträchtigte und behinderte Erwachsene darstellt, wurde 1998 gegründet. Derzeit arbeiten 62 Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und geistigen Behinderungen in einem der neun Werkstattbereiche der Dorfgemeinschaft, 32 von ihnen leben dort in familiären Hausgemeinschaften.

Bundesweit gibt es drei SOS-Dorfgemeinschaften. Grimmen ist die nördlichste Einrichtung. Wie die beiden anderen Einrichtungen in Hohenroth (Bayern) und Bockum (Nordrhein-Westfalen) sind die landwirtschaftlichen Bereiche zertifizierte Ökobetriebe.

Aus der Küche von Hausbetreuerin Christine Helle-Koch dringt der Geruch von überbackenem Käse. Nudelauflauf mit Mangold und Tomaten steht auf dem mittaglichen Speiseplan im Haus Nr. 7. Die Hausgemeinschaft versammelt sich am großen Holztisch. Die Stimmung ist fröhlich, Christine Helle-Koch stellt Henry, einen neuen Mitbewohner vor. Die 52-Jährige und ihr Mann Wilhelm arbeiten seit 1998 als Hausbetreuer in der SOS-Dorfgemeinschaft. Die Entscheidung, mit ihren drei Töchtern die Verantwortung für eine Wohngemeinschaft mit acht Behinderten zu übernehmen, war wohlüberlegt und krempelte das gesamte Leben um.

„Wir haben uns zuvor in anderen Dorfgemeinschaften umgesehen“, sagt Christine Helle-Koch. Es ist kein normaler Acht-Stunden-Job. Wer hier als Hausbetreuer arbeitet, macht das mit Leib und Seele. Die Bewohner seien für sie eine erweiterte Familie, das Zusammenleben beschreibt sie als partnerschaftlich. „Eine zusätzliche Mutter sein zu wollen, das geht nicht“, sagt sie. Kochs begleiten die Behinderten zu Arzt- oder anderen Terminen, sorgen dafür, dass Tabletten genommen werden und haben ein offenes Ohr für ihre Schützlinge. Für ein Stück Privatheit sorgt die abgetrennte Wohnung in dem Haus, in die sich Helle-Kochs abends zurückziehen.

Die besondere Betreuungsform in den familienähnlichen Strukturen ist ein Alleinstellungsmerkmal der SOS-Dorfgemeinschaft. Spenden tragen dazu bei, dass der Betreuungsschlüssel mit 1:7 weitaus besser ist als vorgeschrieben. Die Bezugspersonen wechseln nicht, das gebe den Bewohnern Sicherheit, ist Einrichtungsleiter Hans-Peter Fromm überzeugt. Das Leben in der Dorfgemeinschaft sei eine Phase des Probierens. „Die Bewohner können austesten, welchen Grad an Selbstständigkeit sie sich zutrauen und meistern können.“ Wer sein Leben weitgehend selbstständig meistern kann, zieht in eine Trainingswohngruppe - wenn er will.

Sabrina Beelte will. Unbedingt! Anfang Januar wird sie nach vier Jahren ihre Hausgemeinschaft in der SOS-Dorfgemeinschaft verlassen und in eine Wohngemeinschaft nach Grimmen ziehen. „Das hat mir hier gut gefallen. Aber selbst Wäsche waschen, einkaufen, das ist toll“, freut sie sich. Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder ist die Hamburgerin in einem SOS-Kinderdorf aufgewachsen. 2009 zogen sie nach Grimmen-Hohenwieden. Ihren Arbeitsplatz in der SOS-Dorfgemeinschaft wird sie behalten.

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