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Ehe-Tüv : Eine Plakette für die Liebe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Paare sollten ihre Beziehung regelmäßig bei einem Ehe-Tüv durchchecken lassen.

von
erstellt am 08.Feb.2015 | 08:46 Uhr

Es ist der Klassiker: Er ist chaotisch und lässt überall seine Sachen rumliegen. Sie hat es gern ordentlich und räumt den ganzen Tag hinter ihm her. Dass es irgendwann mal knallt ist klar. Aber was ist, wenn der Gegensatz zum echten Problem in der Beziehung wird? Wenn aus harmlosen Kabbeleien ausgemachte Krisen werden? Wird das Problem erkannt, ist es oft schon zu spät. Jede dritte Ehe in Deutschland geht in die Brüche. Viele Paare schaffen es nicht einmal bis zur Silberhochzeit, 2013 dauerte eine Ehe im Schnitt 14 Jahre und 8 Monate. Doch so weit muss es nicht kommen. Um bei Reibungspunkten rechtzeitig gegenzusteuern, können Paare ihre Beziehung alle paar Jahre auf Herz und Nieren prüfen – bei einer Art Ehe-Tüv. Werden Mängel festgestellt, können diese repariert werden. Droht ein Totalschaden, bleibt im Zweifel immer noch die Entsorgung – wie beim Auto.

Ganz so einfach ist dann doch nicht, sagt Marita Schneider aus Hohenlockstedt. Die Diplom-Psychologin bietet schon seit einigen Jahren die Methode „Prepare Enrich“ an – ein spezielles Programm, das die Erfolgschancen und Risiken einer Beziehung objektiv messbar machen soll. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Schwächen und Risikobereichen einer Beziehung, um gezielt daran arbeiten zu können. Doch auch die Stärken werden herausgearbeitet, um den Paaren als eine Art Stützpfeiler zu dienen. Angst vor der „Entsorgung“ muss niemand haben. „Durchfallen kann man bei Prepare Enrich nicht“, versichert Schneider. Im Gegenteil: „Wer seine Schwächen kennt, kann auch daran arbeiten.“

Der Test selbst ist relativ unkompliziert: Jeder der Partner füllt einen Fragebogen mit etwa 250 Fragen aus, entweder schriftlich oder online im Internet. Aufgeteilt sind sie in verschiedene Bereiche wie Persönlichkeit, Finanzen, Freizeit, Sexualität oder Kommunikation. Die Antworten zeigen, wie kompatibel zwei Menschen sind. „Man sieht sofort die Knackpunkte“, sagt Marita Schneider. Gemeinsam mit dem Paar bespricht sie die Ergebnisse und gibt ihnen Übungen zur Verbesserung des Paarklimas oder Konfliktlösungen an die Hand. Angewendet werden kann die Methode sowohl als Prophylaxe vor oder auch als eine Art Tüv während der Ehe. Entscheidend ist der Gedanke, sich immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen.

Wie wichtig es ist, an einer Beziehung zu arbeiten, haben auch Anja und Christian Mandel festgestellt. Das Hohenlockstedter Paar ist seit 16 Jahren verheiratet und seit vielen Jahren selbst in der Ehearbeit ihrer Kirchengemeinde tätig. Als die beiden vor einem Jahr von der Prepare-Enrich-Methode hörten, wurden sie neugierig. Ihre Ehe lief gut, sie hatten viele gemeinsame Interessen und selten Streit. Trotzdem beschlossen sie den Test zu machen. „Die Ehe ist wie ein lebenslanger Pflegefall, man muss ständig daran arbeiten. Dafür muss man aber seine Schwachstellen kennen“, begründet Christian Mandel die Entscheidung.

Das Ergebnis überraschte die zwei nicht. „Wir wussten vorher schon, wo unsere Baustellen sind“, sagt der 41-Jährige. In den meisten Bereichen waren sie sich einig. Nur hier und da war noch ein wenig Optimierungsbedarf. Zum Beispiel im Umgang mit Stresssituationen. Der Test zeigte: „Mein Mann ist relativ unausgeglichen und kann schlecht mit Stress umgehen, ich hingegen bin eher ruhiger und kann besser organisieren“, sagt Anja Mandel. Was bringt ihr diese Erkenntnis? „Mittlerweile habe ich gelernt, solche Situationen zu entschärfen. Wenn ich merke, mein Mann hat beruflich viel zu tun, versuche ich ihm in diesen Tagen möglichst viel abzunehmen, um ihn nicht noch mehr zu stressen.“

Damit Probleme und Sorgen nicht unter den Teppich gekehrt werden, hat das Paar zu Hause eine feste „Sofa-Zeit“ eingeführt – ein fester Termin in der Woche, an dem die Kinder im Bett sind und sie sich ganz auf sich konzentrieren können. „Dann erzählen wir uns von unserem Tag oder was uns so beschäftigt. Ganz ohne Ablenkung.“ Es scheint zu wirken. „Wir haben seitdem einfach mehr Verständnis füreinander“, sagt Christian Mandel.

Ausruhen will sich das Paar auf seiner funktionierenden Beziehung aber nicht. Eine Ehe sei eben nicht statisch, sondern ständig in Bewegung. „Ähnlich wie beim Auto können im einen Jahr die Bremsen hinüber sein, im nächsten vielleicht die Kupplung oder das Getriebe“, vergleicht er.

Viele solcher Paare hat die Psychologin Marita Schneider schon nach der Prepare-Enrich-Methode beraten – und bisher zahlreiche positive Rückmeldungen erhalten. Aber lässt sich wirklich jede Beziehung wieder kitten? Nicht unbedingt, sagt die Hohenlockstedterin. „Wenn es mit der Persönlichkeit nicht passt, wird es schwierig.“ Die Theorie, dass Gegensätze sich anziehen, stimme leider nur zum Teil. „Die Unterschiede zwischen zwei Menschen dürfen nicht zu groß sein. Aber es ist wichtig, einen guten Ausgleich zu finden zwischen gemeinsam und allein verbrachter Zeit.“

Entscheidend für das Gelingen einer Beziehung sei, Probleme nicht erst auf die lange Bank zu schieben, sondern rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Und das möglichst schon vor dem Ja-Wort. „Viele denken, wenn man erst verheiratet ist, wird alles besser – aber die Ehe ist kein leichtes Geschäft.“ Stress im Job, Kinder, Geldsorgen oder Alltagstrott – die Arbeit fange nach dem Gang zum Standesamt meist erst an. Das Problem dabei: „Die Ehe kann man vorher nicht ausprobieren und die meisten Paare sind viel zu wenig darauf vorbereitet.“

Einen großen Bogen um den Traualtar zu machen, sei laut Paartherapeutin jedoch auch keine Lösung. „Zu einer glücklichen Beziehung gehören auch Verbindlichkeit und keine Angst vor Konkurrenz.“ Unterm Strich müsse jeder Partner bereit sein, die Unterschiede des anderen anzunehmen. „Wenn man das Gefühl hat, den Menschen fürs Leben gefunden zu haben, sollte man darum kämpfen.“

Mehr Verständnis für das Verhalten des anderen bekommen – das war auch das Ziel von Matthias und Janine Henning*. Seit Jahren schon war das Thema Ordnung ein Dauer-Streitpunkt zwischen den beiden. Immer wieder kam es deshalb zu kleinen Reibereien im Alltag. Vor zwei Jahren beschlossen sie deshalb, ihre Ehe einmal gründlich durchchecken zu lassen. „Wir waren einfach neugierig, woher diese Reibungspunkte kommen und ob sie vielleicht in unseren Persönlichkeiten begründet sind“, sagt Matthias.

Nach der Auswertung des Fragebogens hat sich für seine Frau Janine vor allem eines geändert: „Ich weiß jetzt, dass mein Mann ganz anders tickt als ich. Vorher hab ich oft gedacht, er macht bestimmte Sachen mit Absicht, um mich damit zu ärgern. Heute weiß ich, dass er gar nicht anders kann.“ Ihrem Mann ging es ähnlich. Früher habe er sich oft darüber geärgert, dass seine Frau durch ihren Ordnungstick so schnell aus der Ruhe zu bringen sei. Heute weiß der 28-Jährige: „Der größte Stressfaktor meiner Frau bin ich.“ Seitdem putzt er häufiger mal die Küche, macht das Bad sauber und bringt den Müll raus, ohne dass sie ihn erst dazu auffordern muss. „Weil ich weiß, dass es ihr wichtig ist.“

Vor sieben Jahren haben sich die beiden mit Anfang 20 schon früh vor den Traualtar gewagt – und es bisher noch nicht bereut. Natürlich sei auch jetzt nicht alles rosarot, sagt Janine Henning, aber dank des Tests könnten sie jetzt besser an ihren Streitpunkten arbeiten. Dass sich viele Paare schon nach wenigen Jahren wieder scheiden lassen, kann sie nicht nachvollziehen. „Wenn sie auf Probleme stoßen, suchen viele Menschen sich einfach den nächsten Partner. Und der sollte möglichst keine der Eigenschaften haben, die einen am letzten Partner gestört haben. Dabei vergessen sie aber, dass er dafür vielleicht ganz andere Macken und Schwachstellen hat.“ Für die 27-Jährige ist es deshalb wichtig, nicht gleich aufzugeben und an der Beziehung zu arbeiten. Denn egal wie lange man sucht, „den perfekten Partner gibt es nicht.“


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