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Aus dem Gerichtssaal : Drogengeld als Miete

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Prozess vor Schweriner Landgericht um Cannabiszucht in Schwerin mit Zeugenbefragung fortgeführt

svz.de von
erstellt am 08.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Für ein versprochenes Monatsgehalt von 1000 Euro hat sich ein Vietnamese aus Berlin vor einem Jahr nach Schwerin locken lassen, um dort angeblich als Koch zu arbeiten. In Wirklichkeit landete der 19-jährige junge Mann in einem abgedunkelten und abgesperrten Keller unter einer großen Schweriner Gewerbehalle. Dort musste er fast zwei Monate lang für eine Drogenbande arbeiten, die in dem Keller nach und nach mehr als 2000 Cannabispflanzen großziehen wollte, um die Ernte als Marihuana zu verkaufen.

Der 19-Jährige ist der jüngste der neun Angeklagten, die sich zurzeit vor dem Schweriner Landgericht wegen Drogenhandels verantworten müssen – auch wenn es den Anschein hat, als seien er und vier weitere Hilfskräfte in dem Keller eher als billige Arbeitskräfte eingesperrt gewesen. „Als Jüngster musste ich tun, was die Älteren sagten. Das ist in Vietnam auch so üblich", sagte der Angeklagte. Er habe aus Angst um sich und seine Familie in Vietnam nicht versucht zu fliehen. Darum sage er auch heute nichts, was seine Familie gefährden könnte. Außerdem räumt er ein, er habe die 1000 Euro gut gebrauchen können.

Mitte Februar flog die Plantage kurz vor der ersten Ernte auf. Die Polizei hatte mindestens zwei Wochen vorher einen Tipp „aus der Bevölkerung“ bekommen. Die Schweriner Kripo fragte beim Vermieter der Halle nach, ob er wisse, was in seinem Keller vorgehe. Sie ahnte offenbar noch nicht, dass der 39-Jährige, der seit Jahren in Schwerin in der Veranstaltungs- und Werbebranche tätig ist, mit den Cannabis-Züchtern unter einer Decke steckte. Warum seine Komplizen und er nach der polizeilichen Nachfrage nicht das Weite suchten oder zumindest Spuren verwischten, bleibt vorerst ungeklärt.

Nun gehört der Schweriner zu den rund 40 Prozessbeteiligten – das sind Richter, Angeklagte, Verteidiger, Staatsanwälte und Dolmetscher sowie 16 Justizwachtmeister zur Bewachung der Untersuchungshäftlinge – , die einmal pro Woche den Saal 8 des Gerichtsgebäudes am Demmlerplatz füllen. Ein Beamter des Landeskriminalamtes (LKA) bestätigte gestern als Zeuge die Aussagen einiger Angeklagter, wonach der Schweriner ursprünglich für die Vermietung des gut 200 Quadratmeter großen Kellers 70 000 Euro pro Ernte bekommen sollte. In seinem „legalen“ Geschäftsbetrieb sind seine Lagerräume für unter fünf Euro pro Quadratmeter im Monat zu bekommen. Möglicherweise war er bei einem Treffen mit den Hintermännern des Drogendeals in Berlin, als er von den Nachfragen der Polizei bereits wusste, aber bereit, sich mit 30 000 bis 40 000 Euro zufrieden zu geben. Wirklich bekommen hat er laut Zeugen 15 000 Euro als Anzahlung.

Außerdem berichtete der LKA-Mann von der Auswertung von Smartphones und Navigationsgeräten, wodurch einige Mittäter erst später ermittelt werden konnten. Dazu gehört auch ein 35-jähriger Vietnamese, gegen den das Landgericht im November den Prozess eröffnet hat. Auch ihm wird besonders schwerer Drogenhandel vorgeworfen. Gegen weitere Hintermänner wird immer noch gefahndet – soweit sie bislang  identifiziert werden  konnten. Die Spuren führen auch in die Niederlande und nach Belgien.

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