Kulturlandschaft MV : Die zwei Leben des Ostens

Schriftsteller Wladimir Kaminer – der in Berlin lebt – beschreibt in „Kulturlandschaften“ seine Eindrücke aus fünf verschiedenen deutschen Provinzen.
Schriftsteller Wladimir Kaminer – der in Berlin lebt – beschreibt in „Kulturlandschaften“ seine Eindrücke aus fünf verschiedenen deutschen Provinzen.

Schriftsteller Wladimir Kaminer auf Streifzug durch deutsche Provinzen: Mecklenburg-Vorpommern weckt Erinnerungen wie Sehnsüchte

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24. August 2015, 12:00 Uhr

Wer prägt das Gesicht einer Stadt oder einer Region? Die, die Spuren hinterlassen. In den Köpfen der Menschen, in der Architektur, auf Bühnen und Leinwänden. Manch regionaler Künstler ist sogar über seine Heimat hinausgewachsen. Der Kulturkanal 3sat beleuchtet ab heute zusammen mit Schriftsteller Wladimir Kaminer die reiche Kulturszene Deutschlands abseits der Metropolen.

Großzügige Landschaften, klare Seen, viel Meer, Wälder und bestellte Felder – das alles ist Mecklenburg-Vorpommern. Doch auch die Vergangenheit mit sowjetischer Besatzermacht ist mancherorts noch deutlich sichtbar. Und mitten zwischen Gegenwart und Vergangenheit, ist ein Schriftsteller mit seinem Landrover unterwegs.

Wladimir Kaminer ist auf Streifzug durch Deutschland, um nicht nur dem Heimatgefühl, sondern auch der Kultur in den Provinzen nachzugehen. Dabei führt ihn sein Weg unter anderem nach Greifswald, Rostock, Wismar und Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten. In letzterer, deutlicher Provinz- Ortschaft besucht Kaminer zusammen mit Fotograf Heiko Krause einen ehemaligen russischen Flugplatz.

Am 11. April 1994 hoben dort die letzten MiG 29 Kampfjets ab. Krause hat es der Wandel der Region durch die Wende besonders angetan. Wo andere nur Verfall sehen – wie Überbleibsel von Fahrzeugen, Deponien und Lagerhallen–, hält er das Besondere mit seiner Kamera fest. Wladimir Kaminer will in seinen Fotografien eine gewisse Melancholie erkennen. Und „der Osten ist genau der richtige Ort, für so eine Einstellung“, sagt er. Wohl auch, weil man hier an jeder Ecke sowjetische Spuren finden kann, wie Kaminer sagt. Sie erinnern ihn nicht nur dieses eine Mal an seine Kindheit in Russland. An die Heimat, die er verloren, neu gesucht und inzwischen irgendwie wiedergefunden hat. Besonders auf dem ehemaligen Flugplatz und Truppenübungsgelände erlangt der Schriftsteller den Eindruck, der Osten habe zwei Leben. „In jedem Gebäude war früher einmal etwas anderes.“

Doch Mecklenburg-Vorpommern bietet viel mehr als das. Nur ein paar Kilometer weiter beispielsweise Punkrock der feinsten Sorte. Der russischstämmige Schriftsteller trifft in Rostock auf die Kultband „Feine Sahne Fischfilet“.

Früher, erklärt Kaminer, habe Mecklenburg-Vorpommern für ihn kein richtiges Gesicht gehabt. Doch je länger er mit den sechs Bandmitgliedern spricht, sie kennenlernt, desto klarer wird sein Eindruck. „Man bekommt zwar die Jungs aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus den Jungs“, erklärt „Feine Sahne Fischfilet“-Frontmann Jan Gorkow.

Die sechsköpfige Band stammt fast ausschließlich aus Dörfern zwischen Wismar und Greifswald und ist inzwischen nicht nur deutschlandweit, sondern international bekannt. Bei Rock am Ring sind sie ebenso gern gesehene Gäste, wie auf Festivals in Österreich, der Schweiz oder Russland.

Doch egal, wo es sie heute hinzieht, sie werden immer echte Mecklenburger bleiben. Und so trage jeder, der in MV aufgewachsen ist auch zum Bild der Region bei, schlussfolgert Kaminer. Und bald kann er sich einem – für Außenstehende überraschenden – Eindruck nicht erwehren: „Unglaublich nett sind sie, diese Punks.“

Dem Schriftsteller ergeht es nach einigen Tagen wie vielen, die MV als Touristen besuchen. Denn obwohl hier nur vergleichsweise wenige Menschen leben und nicht alle Städte und Ortschaften fein herausgeputzt sind, hatte unser Bundesland schon früh eine lebendige Künstlerszene. Persönlichkeiten wie Gerhart Hauptmann, Hans Fallada und Ernst Barlach sind nur einige, in deren große Fußstapfen nun jüngere Künstler treten wollen, die bereits international Aufmerksamkeit erregen. Und nicht nur das: MV lädt zum Bleiben ein.

Auch Wladimir Kaminer fällt es schwer, Mecklenburg-Vorpommern wieder zu verlassen. Was jedoch bleibt, sind seine gegensätzlichen Eindrücke – nicht nur aus unserer Region–, an denen er uns ab heute Abend in gewohnt lakonischer Manier und mit viel Humor teilhaben lässt.

TV-Tipp
Der Kulturkanal 3sat beleuchtet in der fünfteiligen Reportagereihe „Kulturlandschaften. Wladimir Kaminer in der deutschen Provinz“ die reiche Kulturszene Deutschlands abseits der Metropolen und entdeckt Orte der Kunst in Stadt und Land. Jeweils 19.30 Uhr auf 3sat:
Teil 1: Schwarzwald (Montag, 24. August)
Teil 2: Wuppertal (Dienstag, 25. August)
Teil 3: Saarland (Mittwoch, 26. August)
Teil 4: MV (Donnerstag, 27. August)
Teil 5: Eifel (Freitag, 28. August)

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