Report : Die verbotene Halbinsel Wustrow

Die Mauern des einstigen Herrenhauses auf der Insel stehen von Pflanzen überwuchert wie die Reste eines verwunschenen Schlosses.
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Die Mauern des einstigen Herrenhauses auf der Insel stehen von Pflanzen überwuchert wie die Reste eines verwunschenen Schlosses.

Wo einst Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt Flak-Soldaten ausbildete, hat die Natur längst über den Beton gesiegt.

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20. August 2015, 12:00 Uhr

Am Strand von Rerik liegen die Badegäste dicht an dicht wie Ölsardinen. Gleich nebenan ist der Strand von Wustrow menschenleer. Beide Welten trennt ein hoher Zaun mit Schildern: „Lebensgefahr. Betreten strengstens verboten“. Hinter dem Zaun erstreckt sich auf einer Länge von 12 Kilometern und einer Breite bis zu 2,3 Kilometern das wohl verlassenste und geheimnisvollste Stück Mecklenburg-Vorpommern – die Halbinsel Wustrow.

Wir wollen wissen, wie es hinter dem Zaun aussieht, besorgen uns eine Sondergenehmigung und unterschreiben am Tor, dass wir auf eigenes Risiko Wustrow betreten.

Die verbotene Insel kennt viele Geschichten. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt war im Sommer 1943 hier als frisch verheirateter Oberleutnant und Ausbilder. Seine Frau Loki hatte Ferien, wohnte in diesen Wochen im nahen Kühlungsborn. Das junge Paar traf sich häufig am Strand, schrieb die Lehrerin in ihren Erinnerungen. Ihre Heimatstadt Hamburg verbrannte in den grausigen Bombennächten vom 24. Juli bis 3. August 1943. Danach verließ Helmut Schmidt die Halbinsel.

Adolf Hitler kam mit seinem Komplizen Benito Mussolini 1937 nach Wustrow, um dem italienischen Diktator Deutschlands größte Flak-Artillerie-Schule zu zeigen. Der Ausbildungskomplex war damals einer der modernsten seiner Art. 3000 Soldaten waren auf Wustrow stationiert. Die Offiziere wohnten in der Gartenstadt, die der in Rostock geborene Reformarchitekt Heinrich Tessenow entwarf. Mehr als hundert Ein- und Mehrfamilienhäuser, Kaufhaus, Kino, Krankenhaus, Mannschaftsunterkünfte, Flugplatz, zwei Häfen, Schwimmhalle entstanden – es fehlte an nichts.

Jahrzehntelang war Wustrow zuerst für die Wehrmacht und später für die Sowjetarmee militärisches Sperrgebiet. Auch nach Abzug der Russen 1993 durfte das Eiland nur eingeschränkt betreten werden. Seit 2004 ist es wieder vollständig gesperrt. Wer rauf will, braucht eine Genehmigung des Besitzers. Der ist seit 1998 der Geschäftsmann Anno August Jagdfeld. Die Sperrung begründet Unternehmenssprecher Christian Plöger mit der Gefahr durch ungesicherte und einsturzgefährdete Gebäude und militärische Altlasten, die im Gelände umherliegen: „Sicherheit geht vor.“

Wir gehen mit unserer Ausnahmegenehmigung los. 300 Meter hinter dem Tor stehen wir schon in der Gartenstadt, oder in dem, was von ihr übrig geblieben ist. Die Dächer und Fenster der meisten Häuser sind kaputt, seit Jahren regnet es rein. Die meisten Gebäude hätten bereits nach dem Abzug der Russen saniert werden müssen. „Viele sind vermutlich nicht mehr zu retten“, meint Plöger.

Anno August Jagdfeld hatte das Eiland 1998 für umgerechnet 7,5 Millionen Euro vom Bund gekauft . Die Gartenstadt sollte saniert und um 100 zusätzliche Häuser für betuchte Feriengäste erweitert werden. Außerdem waren ein Golfplatz mit Golfhotel, eine Marina für 240 Boote und ein Reiterhof geplant.

Für die Reriker Kommunalpolitiker um Bürgermeister Wolfgang Gulbis sind die Pläne bis heute überdimensioniert. Aus Angst vor einer nicht abreißenden Verkehrslawine sperrten die Stadtvertreter 2003 die einzige Straße zur Halbinsel auf dem Wustrower Hals per Beschluss. Bis heute gibt es keine Einigung über ein Verkehrskonzept und damit keinen Baubeginn.

Wir lassen die Gartenstadt hinter uns. Es schließt sich eine Heidelandschaft mit lichten Bäumen und wild wuchernden Sträuchern an. Wohl nirgendwo an der Ostseeküste gibt es so viele Mücken, Fliegen und Bremsen gleichzeitig.

Im hohen Gras steht nur hundert Meter von der Steilküste entfernt eine geheimnisvolle Hütte aus braunem Holz. „Die gehörte Günther Uecker“, erzählt Christian Plöger. Der Künstler, der mit seinen reliefartigen Nagelbildern Weltruhm erlangte, wuchs auf Wustrow auf. Sein Vater, Techniker der Wehrmacht, verprügelte Sohn Günther fast jeden Tag, wie Uecker später in einem Interview berichtete. 2002 kam der Künstler wieder und lebte tageweise als Einsiedler in der braunen Holzhütte. Jagdfeld und die Stadt waren sich ausnahmsweise einmal einig und hatten nichts gegen Ueckers Domzil. Die Landkreisverwaltung vertrieb Uecker dann nach sechs Jahren doch per Gerichtsurteil und mit dem Verweis auf den Naturschutz. Er sollte die Hütte selbst abreißen, was Uecker nicht tat. Sie steht noch heute so, als wenn sie gestern von ihm verlassen worden wäre.

Wir gehen weiter und kommen zum Flugplatz. Die Natur hat über den Beton gesiegt, die ehemalige Landebahn bedeckt kniehohes trockenes Gras. Auf den Tower kommen manchmal Jäger, die den Bestand an Füchsen und Wildschweinen im naturverträglichen Rahmen halten sollen. In der Abgeschiedenheit hat sich eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. 90 Brutvogelarten wurden auf der Insel nachgewiesen. Davon sind 25 Arten gemäß der Roten Liste vom Aussterben bedroht.

Zurück geht es über den alten Gutshof, von dem nur noch die Außenwände des Herrenhauses stehen, wieder zur Gartenstadt. Das Kino ist bereits eingestürzt. Weitere Gebäude werden folgen.

Wie wird Wustrow in zehn Jahren aussehen? „Wir hoffen natürlich, dass der Knoten irgendwann platzt und wir die Insel doch noch touristisch entwickeln können. Für den Bereich der Gartenstadt ist das ja auch grundsätzlich vorgesehen“, meint der Unternehmenssprecher. Doch nichts deutet derzeit auf eine Einigung hin.

Inzwischen gibt es auch andere Ideen. Jagdfeld könnte Wustrow gänzlich der Natur überlassen und das Gelände als Ausgleichsfläche für große Bauprojekt im Küstenbereich anbieten. „Solche Flächen an der Ostseeküste sind Goldstaub, damit könnte man Millionen verdienen“, sagt Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Für Christian Plöger ist das Thema nicht neu: „Die notwendigen Öko-Punkte sind genehmigt worden. Wir prüfen, wie wir damit umgehen.“ In der nächsten Zeit soll die Verbuschung gestoppt werden, damit der Lebensraum seltener Tierarten erhalten bleibt. Doch die Zukunft der Insel ist völlig offen.

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