STREITBAR : Die kalkulierte Empörung

Provokation nur als Monolog: Thilo Sarrazin bei einer Buchlesung.
Foto:
Provokation nur als Monolog: Thilo Sarrazin bei einer Buchlesung.

Thilo Sarrazin spaltet mit bewußt gestreuten Thesen die Gesellschaft, analysiert Jan Philipp Hein.

svz.de von
09. März 2014, 09:00 Uhr

Als Thilo Sarrazins „Tugendterror“ übers Land kam, brachte er den Rezensionsterror gleich mit. Ich beging am Erscheinungstag den Fehler, meinem ganz normalen Medienkonsum nachzugehen. FAZ online lesen, Deutschlandfunk hören, die lokale Tageszeitung durchblättern, etwas Twitter hier, ein wenig Facebook da. Was man halt so tut. Sarrazin war auf allen Kanälen präsent. Am frühen Abend eskalierte die Sache: Binnen einer halben Stunde prasselten vier Beiträge, die sich mit dem neuen Werk des Ex-Bundesbankers befassten, auf mich ein. Zwei Kommentare, zwei Besprechungen und alles ohne dass ich nach Sarrazin gesucht hätte. Dem Mann war so wenig zu entrinnen wie der Sintflut ohne Noahs Arche. Eine aktualisierte Neuauflage des Alten Testaments könnte kaum ein größeres Medienecho nach sich ziehen.

Dabei ist die Debatte, die mit dem Erscheinen seines Pamphlets angezettelt wurde, so langweilig wie der Kampf um die Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga. Die zutreffende und überall gängige Kritik an „Der neue Tugendterror“ geht in etwa so: Sarrazin widerlege seine eigene These selbst, nach der es in Deutschland von zumeist linken Journalisten definierte Grenzen der Meinungsfreiheit gebe, da seine Bücher breit besprochen werden. Die Beweisführung dazu: „Deutschland schafft sich ab“ wurde in „Bild“ und „Spiegel“ vorabgedruckt.

Einwand: Liebe Kollegen, ihr unterschlagt dabei, dass er beim „Tugendterror“ auf das Nachrichtenmagazin verzichten muss. Er wird nur noch von Deutschlands größter Tageszeitung gedruckt. Das ist bitter. Wir bedauern.

Die andere Seite sagt: Seht nur: Überall bekommt Sarrazin auf die Nuss. Das belege die Richtigkeit seiner These.

Inszenierter Untergrundkämpfer

Was mir an allen Debatten rund um Sarrazin auf den Keks geht, ist, dass seine Verteidiger und Freunde sich als Untergrundkämpfer inszenieren, die ihrer Ansichten wegen schwerste Entbehrungen in Kauf zu nehmen hätten, weil die veröffentlichte Meinung gegen sie stünde. Ja, ich weiß: Der Mainzer Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger hat rausgefunden, dass die meisten Journalisten im Land mit Grünen und Roten sympathisieren. Diese akademische Arbeit ziehe ich selbst gerne heran, wenn mir die Branche mal wieder auf die Nerven geht. Nur: Was bedeutet das?

Diese Journalisten kommandieren Druckmaschinen und keine kasernierten Volkspolizisten, die die Meinungsrebellen aus ihren konspirativen Höhlen schleifen und ins nächste Sammellager abführen. Die sich so bedroht fühlen, sitzen oft in den besten bürgerlichen Gegenden der Großstädte. Aus meiner linksalternativen Öko-Klapsmühle rufe ich ihnen zu: Leute: Fahrt runter! Macht euch locker!

Ich mag es jedenfalls sehr, wenn sich nach einem Pro-Gentechnik, Pro-Atomkraft oder einem einseitigen Text zum Nahostkonflikt Widerspruch nicht nur beim Biohändler, sondern auch von Kollegen entwickelt.

Streit macht Spaß. Warum müssen die Kumpels vom Sarrazin und er selbst hingegen immer so schrecklich schnell so schrecklich beleidigt sein? Ist es der Neid auf das, was sie gerne in arabische Männer und Jugendliche projizieren? Härte, Brutalität, Entschlossenheit und die Abwesenheit von Angst? Klingt erstmal absurd. Aber anders kann ich mir diese Heulerei nicht mehr erklären. Und wenn schon dauernd die Analyse, nach der nur die grünen Weichei-Typen von der anderen Seite in den Redaktionen sitzen, dafür herhalten muss, dass die Diskurse so ablaufen, wie sie eben ablaufen, muss man sich auch mal mit der Frage beschäftigen, warum das eigene Lager im Medienbetrieb so unterrepräsentiert ist. Oder wollt ihr etwa eine Konservativen-Quote für den Medienbetrieb? Vielleicht als Ergänzung zur schrecklichen Frauenquote?

Wer sind wir? Das ist die Frage derer, die in der Sarrazin-Fankurve grölen. Und die Identitätskrise ist ihr großes Problem. Die Selbstwahrnehmung liegt irgendwo zwischen verfolgter Minderheit, schweigender Mehrheit, Elite, Klartextsprecher und Tabubrecher.

Mädels: Ihr seid nichts davon! Die Tabus, die ihr brecht, sind keine, der Klartext, den ihr zu sprechen glaubt, ist nicht mehr als Ressentiment und elitär seid ihr nur in dem Sinne, dass euer politischer Arm, die Alternative für Deutschland, recht klein ist. Eine Minderheit seid ihr hingegen wirklich, nur die Verfolgung ist eure Halluzination. Und nehmt der Mehrheit bitte nicht übel, dass sie nicht schweigt, sondern eure Gedanken ablehnt und das artikuliert. So funktionieren Debatten in freien Gesellschaften. Und das ist es doch, was ihr angeblich wollt?

Oder habe ich falsch verstanden, dass ihr euch als Bewahrer offener Gesellschaften versteht, die sich nicht vom Islam, den Veganern, den Feministen, Migranten, der Europäischen Union oder der Öko-Lobby Denkverbote aufdrücken lassen? Vor lauter Kampf habt ihr übersehen, dass ihr mittlerweile diejenigen seid, die mit Verbotswünschen durch die Gegend marschieren.

Das Ende Deutschlands als Masche

So tobt gerade ein nur noch mit der abgegriffenen Vokabel „bizarr“ zutreffend zu beschreibender Streit um einen Fragebogen, den Schüler in Baden-Württemberg bekommen und der sie sensibler für homosexuellenfeindliche Vorurteile machen soll. Darin heißt es: „Wissen deine Eltern, dass du heterosexuell bist?“ Oder: „Möchtest du, dass dein Kind heterosexuell ist, obwohl du die Probleme kennst, mit denen es konfrontiert würde?“

Wie ironiefeindlich muss man eigentlich sein, um die Intention dieser Fragen nicht zu verstehen und zu unterstellen, hiermit sollten Kinder zur Homosexualität erzogen werden? Wer solche Versuche der Aufklärung derart denunziert, ist nicht weit entfernt von den Islamisten, die ihren Töchtern das Kopftuch aufnötigen und ihnen die Ehepartner aussuchen.

Es gibt natürlich noch eine andere Möglichkeit: Es handelt sich um ein taktisches Missverständnis. Der Fragebogen wird von interessierten Kreisen bewusst falsch gedeutet. Dafür spricht nicht nur die Intelligenz derer, die es tun, sondern die Masche.

Es ist die Masche Sarrazin, nach der einfach nur ein skandalträchtiges Thema besetzt wird. So behauptet der Erfinder dieser Masche, dass arabischen Clans das Ende Deutschlands bedeuten würden oder alle Juden ein bestimmtes Gen teilten. Viel einfacher kann man keinen Skandal produzieren. Genau so einfach provoziert man sich in die Herzen, wenn man behauptet, dass Homosexualität ein Defekt der Natur sei, wie es in der oben erwähnten bizarren Debatte schon vorgekommen ist — im Jahr 2014 wohlgemerkt. Und wir hören da alle hin und diskutieren das ernsthaft. Gruselig.

Ich würde im Traum nicht auf die Idee kommen, in die SPD einzutreten, weil sie mir viel zu links ist. Sarrazin kommt im Traum und in der Realität nicht auf die Idee, seinen Genossen das Parteibuch vor die Füße zu werfen. Offenbar hält er sich nach wie vor für einen Sozialdemokraten. Auf Ämter und Ehrennadeln, so viel Bezug zur Wirklichkeit kann ihm gerade noch unterstellt werden, hofft er wahrscheinlich nicht. Er hat gar nicht wahrgenommen, wie weit er sich von seiner Partei entfernt hat. Es könnte ihm entgangen sein, weil es doch nur seine Masche ist und nichts Ernstes. Schade, dass wir da alle mitspielen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen