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Älteste Behandlungsmethode : Die Frau mit den heilenden Händen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In der Mecklenburgischen Schweiz bewahrt eine Frau die älteste Behandlungsmethode der Welt.

Chris de Burgh hat einmal in einem Fernsehinterview verraten, dass er heilende Hände hätte, aber reden wolle er darüber nicht, weil er befürchtet, man könne ihm nicht glauben. Erfreulich, dass eine Frau aus Mecklenburg nach langer Überlegung bereit ist, über diese besondere Gabe zu sprechen. Ich nenne sie Marianne, denn ihren wahren Namen möchte sie nicht preisgeben. Die Begründung ist einleuchtend. „Ich will nicht, dass der Eindruck entsteht, dass ich mich mit dieser Gabe hervortun oder gar Werbung machen will“, sagt sie.

Obwohl das Handauflegen zu den ältesten Behandlungsmethoden der Menschheit gehört, wird sie oft noch als Spökenkiekerei oder Placebo-Effekt abgetan. Bisher konnte ihre Wirkung mit naturwissenschaftlichen Mitteln weder bewiesen noch widerlegt werden. Menschen, denen Schulmediziner nicht weiterhelfen konnten und die nach alternativen Heilmethoden suchten, empfanden eine Heilung durch das Handauflegen oft als Wunder, aber sprechen nicht gerne darüber. Und die wenigen Menschen, die die Gabe der heilenden Hände tatsächlich besitzen, halten sich zurück, was die Skepsis gegenüber dieser Heilmethode noch vergrößert. Hier ist Aufklärungsarbeit erforderlich. Weil Marianne das ähnlich sieht, ist sie schließlich zu einem Gespräch bereit. Ich frage sie, wann und wie sie von ihren heilenden Händen erfahren hat. Sie erzählt von ihrer Kindheit in Güstrow. Vom zweiten bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr lebte sie bei ihren Großeltern. Es war keine einfache Kindheit. Die drei lebten auf engstem Raum in einer 1 1/2 Raumwohnung. Das kleine Mädchen musste der Großmutter viel zur Hand gehen, weil diese im Rollstuhl saß. Oft kamen fremde Menschen, dann wurde das Kind rausgeschickt. Kurz vor der Schulzeit erfuhr Marianne von der Großmutter: „Ich helfe diesen Menschen, weil sie krank sind.“ Manche kamen wieder, um sich bei ihrer Oma zu bedanken. Marianne erinnert sich an eine Frau, die ihr Süßigkeiten schenkte. Die mochte sie natürlich. Als sie wieder einmal da war, hatte die Großmutter bereits so stark Gicht und Rheuma in den Händen, so dass sie diese kaum noch bewegen konnte. Sie schickte Marianne nicht raus, sondern legte die Hand des Mädchens auf eine entzündete Körperstelle der Frau. „Ich kann nicht mehr helfen, aber du kannst es“, hörte das Kind erstmals von der Großmutter. „Die ganze Situation war irgendwie unheimlich“, erinnert sich Marianne „aber ich war auch sehr glücklich über Omas Lob.“ Dieses Lob erhielt sie noch öfter. In der Pubertät empfand sie das Handauflegen belastend und zeigte das auch deutlich. Doch über die besondere Gabe hatte die Großmutter nie mit ihr gesprochen. Erst nach ihrem Tod wird Marianne wieder daran erinnert, dass auch sie diese Gabe besitzt. Sie war 23 Jahre alt und glaubte, dass niemand im dem Betrieb, in dem sie in einem Büro arbeitete, davon wusste. Doch dann bat sie eines Tages eine Kollegin wegen eines schmerzenden Hautekzems um Hilfe. „Die Mutter meiner Kollegin war einmal mit Problemen bei meiner Oma“, sagt Marianne. Lange bedrängte sie die Kollegin. Nach der Behandlung waren beide schockiert, weil es zu einer Erstverschlimmerung kam. Dass das oft bei dieser Heilmethode so ist, wusste Marianne damals noch nicht. Doch nach drei Tagen begann die Haut zu heilen. Das ist jetzt vierzig Jahre her. Obwohl Marianne nur ihrer Familie und ihrem Freundeskreis ihre besondere Gabe offenbart hat, finden Menschen über Mundpropaganda den Weg zu ihr. „Eine Reihe von Hautproblemen kann ich recht gut positiv beeinflussen“, erzählt sie. Aber es kommen auch Menschen mit seelischen Problemen zu ihr. Sie tut das, was auch von einem Arzt erwartet wird – sich Zeit nehmen, zuhören, Fragen stellen. Marianne hat kein Mitleid, aber ein aufrichtiges Mitgefühl. Ihre Erklärung, weshalb sie durch ihre Gabe helfen kann, lautet: „Wer zu mir kommt, vertraut meiner Hilfe und lässt sich fallen, dadurch wird im Körper, im Geist und in der Seele etwas freigesetzt, was den Selbstheilungsprozess stimuliert und in Gang setzt.“ Mehrmals betont sie, dass sie den Schulmediziner nicht ersetzen kann. Es gibt bei ihr keine Abwertung von anderen Heilmethoden, keine Selbstüberschätzung und unrealistische Versprechen.

Als Reiki auch in Mecklenburg plötzlich in aller Munde war, wurde sie neugierig. Sie wollte wissen, was sich dahinter verbarg. 2008 machte sie eine Reiki-Ausbildung an einer Heilpraktikerschule in Hamburg. „Reiki lehrt, dass jeder, der eine Einweihung empfangen hat, in der Lage ist sich selbst und andere zu behandeln“, sagt sie. Doch Marianne ist fest überzeugt, dass es nur einige wenige Menschen gibt, die diese besondere Gabe von anderen übernehmen können. Sie erhielt sie von ihrer Großmutter und konnte sie zwar nicht an ihren Sohn, aber an ihre Tochter weitergeben. Während der Ausbildung wurde sie gefragt, was bei ihr eine Behandlung kostet. Man war nicht nur erstaunt, sondern auch irgendwie entsetzt, als sie zehn Euro nannte. Sie will mit ihrer Gabe kein Geld verdienen. Das wäre ihr suspekt.

Das alte Haus, in dem sie und ihr Mann seit elf Jahren wohnen, haben sie liebevoll saniert und einen Garten angelegt. Aus den Fenstern blickt man auf die sanften Hügel der Mecklenburgischen Schweiz und auf ihren kleinen Gnadenhof. Ponys und Ziegen leben dort. Im letzten September hat sie sich Missi aus einem Tierheim geholt. Eine einjährige Hündin, die man ausgesetzt hatte. Das Tier hatte nur noch eine halbe Zunge und kaum noch Fell. „Wenn ich es finanziell könnte, dann würde ich gerne noch viel mehr Tieren helfen“ sagt sie. Heute hat Marianne ihren freien Tag als Helferin in einem Pflegeheim. Wir können noch einen Spaziergang machen. Die Sonne lässt sich nicht blicken, aber der Schlieffenberger See bringt die Landschaft dennoch irgendwie zum Leuchten. Das Leben hier tut ihr gut. Sie empfindet Dankbarkeit, dass sie mit ihrer Gabe Menschen helfen kann, den Dreiklang von Körper, Geist und Seele wieder wahr zunehmen.
 

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erstellt am 06.Apr.2014 | 08:55 Uhr

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