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Libanon : Die Flüchtlinge vom Camp Bar Elias

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mehr als eine Million Menschen in Syrien wurden vom Bürgerkrieg in den Libanon vertrieben – die Zustände in den Lagern sind katastrophal

von
erstellt am 05.Feb.2015 | 11:55 Uhr

Die kleinen Füße stecken nackt in Badelatschen. Ein Jersey-Hausanzug hält die vielleicht acht Jahre alte Yasmin leidlich warm bei Temperaturen um die sieben Grad. Dennoch strahlt die Kleine und müht sich redlich, mit drei Worten Englisch ihre Schwestern und Brüder vorzustellen: Hanin, Khalid, Maria, Sahra, Amer. Die Kleinen und etwas Größeren heißen die Deutschen, die da in Begleitung des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in ihr Camp „einfallen“, wahrlich herzlich willkommen. Ein großer Tag offenbar für diese syrischen Flüchtlingskinder.


Nur das Nötigste


Das Zeltlager einige Kilometer abseits der Stadt Bar Elias ist nur eines von 38 Camps mit insgesamt fast 20 000 Flüchtlingen hier in der kühlen Hochebene zwischen Libanon- und Anti-Libanon-Gebirge, die von der in Bayern ansässigen Hilfsorganisation Humedica medizinisch betreut werden.

Susanne Karl ist Projektkoordinatorin und organisiert reihum Sprechstunden in den Lagern. Bezahlt vom Auswärtigen Amt, leistet die Nichtregierungsorganisation basismedizinische Versorgung, behandelt Husten und Fieber, organisiert aber bei schwereren Erkrankungen oder Verletzungen sowie etwa bei Entbindungen den Kontakt zu professionellen Kliniken im Umfeld.

Insgesamt existieren nach UNO-Angaben etwa 600 Zeltsiedlungen im Bekaa-Tal. Das heißt: Flüchtlinge lassen sich nieder, wo sie von Bauern ein Stück Acker zur Verfügung gestellt bekommen, oft in Gebieten, zu denen es verwandtschaftliche oder etwa Kontakte von syrischen Saisonarbeitern gab. Aber oftmals auch einfach dort, wo niemand sie verscheucht. In jedem Fall ist der Boden in aller Regel privates Land, auf dem so mancher Syrer vor dem Bürgerkrieg als Saisonarbeiter seinen Lebensunterhalt verdient hatte.


Ausgebombt


Andere Familien sind aus einem geordneten Leben in die totale Bedürftigkeit abgestürzt. So etwa die Familie von Fatima, die ihren wahren Namen aus Sicherheitsgründen nicht sagen will. Mit ihrem Mann und den neun Kindern wohnte sie Homs, erzählt sie in ihrem bescheidenen Zelt. Sie hatten ein schönes Haus in der Stadt und noch ein Landhaus außerhalb. Die ganze Familie war in Beschäftigung. Die Mutter Grundschullehrerin, der Vater betrieb einen Supermarkt, eine Tochter arbeitete als Frisörin. Dann fiel eine sogenannte Fassbombe auf ihr Haus, mutmaßlich von der regulären Armee abgeworfen. Alles wurde zerstört. Der Vater erlitt schwere Verletzungen am Bein bis hinauf zum Rücken. Seitdem leidet er ständig unter starken Schmerzen, sagt Fatima mitfühlend. Und ein Blick in das Gesicht des Vaters spricht Bände. Die Familie flüchtete ins Landhaus, erzählt Fatima, umringt von ihren Kindern. Doch auch das wurde von der Armee zusammengeschossen. Mehrere Verwandte wurden Opfer von Heckenschützen, berichtet sie.

Dennoch wollten die Familie die Heimat nicht verlassen. Doch als die jungen Männer und Schwiegerkinder von beiden syrischen Konfliktparteien – der regulären wie der Rebellen-Armee – rekrutiert werden sollten, mussten sie fort, sagt Fatima. „Unsere Söhne konnten doch nicht akzeptieren, dass sie vielleicht ihre eigenen Brüder töten müssten.“

Die Frontlinie würde immer unübersichtlicher, die Lage gefährlicher, da sind sie dann doch schweren Herzens aus der Heimat fort.

Nun haben sie gar nichts mehr außer einer Flüchtlingsregistrierung, die ihnen ermöglicht, mit dem Lebensnotwendigsten versorgt zu werden. Und einem Zelt, das aus Planen zusammengebaut ist. Dank eines „Winter-Kits“, dass die die Organisation Humedica verteilt, können sie das Zelt mit einem kleinen Holzofen beheizen. Vor dem Zelt steht eine Plaste-Tonne, die regelmäßig mit Frischwasser aufgefüllt wird. Daneben wurde eine Latrine platziert, die zumindest in Abständen entsorgt wird. Das ist die „Infrastruktur“ eines solchen Camps.


Ein Provisorium


Diese Bedingungen sind meilenweit von den Standards entfernt, die etwa in den von der Türkei staatlich eingerichteten und verwalteten Flüchtlingslagern herrschen. Doch im Libanon scheut sich der Staat noch immer, solche auf sehr lange Zeit angelegten Lösungen zu errichten. Das hat Gründe: So waren auch die Palästinenser-Lager im Süden des Landes einst nur als Provisorium gedacht. Doch nichts hält in den Kriegen des Nahen Ostens länger als ein Provisorium. Und die Palästinenser sind immer noch dort – 400 000, in quasi exterritorialen Gebieten, die von der Hisbollah verwaltet werden.

Fakt ist: Aus Syrien sind seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 2012 rund 1,1 Millionen Flüchtlinge in die Bekaa-Ebene geströmt. Manche Regierungsstellen sprechen sogar von weiteren bis zu 400 000, die nicht registriert sind – etwa, weil sie vor dem Krieg schon als Billiglöhner auf libanesischen Baustellen oder als Saisonarbeiter auf den Feldern im Bekaa-Tal gearbeitet hatten. Oder weil sie schlicht bei Verwandten oder Bekannten untergekommen sind oder sich selbst eine Wohnung gemietet haben.


Völlige Abhängigkeit


In Schüben kommen die Flüchtlinge, wie das UNHCR bestätigt. Mit jeder Eskalation des Konflikts in einer Region schwappte ein neuer Schwung über die kalten Gebirgspässe. So wie Fatimas Familie, die Mitte 2013 nach dem Dauerbeschuss von Homs herüberkam.

Hier müssen sie sich auf viel Neues einstellen: Das syrische Assad-Regime hatte das Gesundheitssystem staatlich organisiert. Im Libanon dagegen ist alles privatisiert, jeder einzelne ärztliche Handgriff muss bezahlt werden – von Geld, das diese Flüchtlinge nicht haben. Von den Hilfsorganisationen gibt es schmale Pauschalsätze pro Kopf. Die Flüchtlinge erhalten Geldkarten, die monatlich aufgeladen werden. Mit denen können sie bargeldlos in Läden einkaufen, die sich beim UNHCR registrieren müssen und sich um die Lager angesiedelt haben. Damit soll sichergestellt werden, dass das Geld nicht zweckentfremdet ausgegeben wird und zugleich sollen die regionalen Wirtschaftskreisläufe wenigstens so von den Flüchtlingen profitieren.

Susanne Carl von Humedica erhofft sich mehr internationale Hilfe: Zum einen, um hier vor Ort den Menschen zu helfen, und um so zu verhindern, dass sie weiterziehen nach Europa oder an die wohlhabenderen Küstenregionen des Libanon drängen, wo sie wohl – das befürchtet auch der libanesische Sozialminister Rashid Derbas – das fragile Gleichgewicht destablisieren könnten. Das austarierte Machtgefüge zwischen Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen könnte so aus der Bahn geworfen werden. Für die meisten Syrer sind die Flucht vor Krieg, Zerstörung und Zwangsrekrutierung nicht nur der Verlust von Hab und Gut, sondern ein Absturz in totale Abhängigkeit von Fürsorge und Transferleistungen.


Das Bekaa-Tal

Das Bekaa-Tal ist eine etwa 70 Kilometer lange und zwischen sechs und zehn Kilometer breite Hochebene. Sie gilt als die Futterkammer des Libanon: Auf den fruchtbaren Böden wird der Großteil an Obst- und Gemüse für den Libanon und den Export hergestellt. Dennoch gilt die Region als weit weniger wohlhabend als die Küstenregionen unterhalb des Libanon-Gebirges. Die Hauptstadtregion um Beirut zählt rund 1,1 Millionen Einwohner. Beirut galt lange als die Schweiz des Nahen Ostens. Große Banken machen hier seit Ende des Bürgerkrieges wieder gute Geschäfte vor allem mit den Golf-Staaten. Deshalb stellt  das einstige Stammland der Phönizier für wohlhabende Araber heute nicht nur ein mediterranes Urlaubsparadies dar, in dem man zwar arabisch spricht, ansonsten aber ein sehr tolerantes Miteinander der Kulturen und Religionen vorfindet  – und das nicht zuletzt alle „Segnungen westlicher Dekadenz“ bereit hält.

Zudem heißt es, die Kliniken und Ärzte im Libanon zählten zu den besten und höchstqualifizierten in ganz Nahost. Dritte große Einnahme-Quelle für den Libanon sind Transferzahlungen der geschätzt zwölf Millionen in der ganzen Welt verstreut lebenden Auslands-Libanesen.

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