Menschen in MV : Der Junge mit dem Dreiecksschädel

<p>Jona und seine Mutter Nicole Schuster</p>
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Jona und seine Mutter Nicole Schuster

„Mein kleines Nashörnchen…“ nannte Jonas Mutter ihren Sohn in den ersten Lebensmonaten – nach einer OP hat sein Kopf nun eine normale Form

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28. September 2015, 12:00 Uhr

Nicole Schuster kann ihren Sohn nur mit Mühe auf dem Schoß halten. Viel lieber möchte der Einjährige laufen. Zwar braucht er noch zwei Finger, an denen er sich festklammert, doch sein Tempo ist schon beachtlich.

Dass der Zwerg vor gerade einem Monat stundenlang am Kopf operiert und dabei sein Schädel „in Form“ gebracht wurde, verrät nur noch ein wenig Schorf, der durch die Haare schimmert. Halbkreisförmig zieht sich die Naht hinter den Ohren über den ganzen Schädel. „Schon bald wird davon nichts mehr zu sehen sein“, versichert Prof. Dr. Dr. Reinhard Bschorer, der Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG-Chirurgie) an den Schweriner Helios Kliniken. Doch selbst wenn eine sichtbare Narbe zurückbliebe, „das wäre uns auch egal. Wir sind nur froh, dass wir das jetzt alles gut überstanden haben“, betont Nicole Schuster.

Schon kurz nach Jonas Geburt am 18. September 2014 fiel den Eltern eine seltsame „Naht“ an seiner Stirn auf. „Es sah so aus, als wenn sein ganzer Kopf spitz nach vorn kam“, erinnert sich die Mutter. Natürlich hätte sie das gleich angesprochen, und von einer Osteopathin daraufhin den Rat bekommen, sie solle beim Stillen einfach zwei Finger auf Jonas Stirn legen. Doch auch durch den sanften Druck änderte sich nichts. Statt dessen wurde die Stirn des Babys immer spitzer. „Wenn ich von oben auf sein Köpfchen runterschaute, sah das aus wie ein Dreieck“, erinnert sich Nicole Schuster. Gleichzeitig hätte es gewirkt, als wenn seine großen Kulleraugen immer weiter zurücktreten. „,Mein kleines Nashörnchen‘ habe ich immer zu ihm gesagt“, erzählt sie.

Jonas Kinderärztin habe die Entwicklung des Schädels bei den Vorsorgeuntersuchung erst einmal beobachtet. Schließlich sei es aber auch ihr zu viel geworden – sie überwies den kleinen Jungen deshalb zur genauen Abklärung an die Schweriner MKG-Chirurgie.

Kraniosynostose heißt die Verknöcherungsstörung, die bei Jona festgestellt wurde. Bei Kindern, die daran leiden, schließen sich eine oder mehrere Wachstumsnähte zwischen den Schädelplatten sehr viel früher als bei gesunden Gleichaltrigen, zum Teil sogar bereits im Mutterleib. „Gesunde Babys haben noch keinen vollständig geschlossenen Schädel“, erläutert Prof. Bschorer. Dadurch, aber auch durch eine gewisse Formbarkeit der Schädelknochen sei möglich, dass das Gehirn den nötigen Platz für sein schnelles Wachstum erhält. Erst im Alter von etwa 18 Monaten sei dieser Entwicklungsabschnitt des schnellen Hirnschädelwachstums beendet, so der Mediziner.

Etwa eins von 2000 Babys kommt mit einer Kraniosynostose zur Welt. Bei einem von 15 000 Neugeborenen tritt die Erkrankung in der Form wie bei Jona auf: Bei ihm waren schon zum Zeitpunkt seiner Geburt die Schädelplatten im Stirnbereich fest miteinander verwachsen. Trigonocephalie ist der Fachbegriff dafür – oder einfach Dreiecksschädel.

Es können aber auch andere Nähte betroffen sein, und nicht immer ist es nur eine. Dann wird die Erkrankung wirklich gefährlich. „Denn das Hirn braucht seinen Platz. Wenn mehrere Nähte zu sind, steigt der Druck unter der Schädeldecke. Auch können wichtige Nerven wie der Sehnerv eingeklemmt sein“, zählt Prof. Bschorer mögliche Folgen auf. Anders als bei dem kleinen Jona könnte das alles auch Auswirkungen auf die geistige Entwicklung haben.

„Und man müsste wohl auch mit seelischen Schäden rechnen“, ergänzt Nicole Schuster nachdenklich. Denn wegen ihrer ungewöhnlichen Kopfform würden die Kinder später sicher gehänselt.

Prof. Bschorer pflichtet ihr bei. „Auch aus diesem Grund ist es wichtig, so früh wie möglich zu operieren.“ Optimal sei die Zeit zwischen sechstem und zwölftem Lebensmonat. In dieser Zeit könne man die Schädelknochen noch in eine andere Form biegen, auch sei es leichter, sie zu durchtrennen.

Nicole Schuster erinnert sich an den Tag der OP vor einem Monat nur noch schemenhaft. „Es hat wohl nur vier Stunden gedauert – aber uns kam es endlos vor.“ Eine Kinder-Anästhesistin, ein Kinder-Intensivmediziner, ein Neurochirurg und zwei MKG-Chirurgen bildeten bei der OP ein Team. Binnen eines Vierteljahres war Jona schon der zweite kleine Patient mit einer Verknöcherungsstörung, der in Schwerin operiert wurde.

Prof. Bschorer hat jeden Schritt des Eingriffs fotografieren lassen – doch den Eltern möchte er den Anblick der Bilder auch jetzt, wo definitiv alles gut gegangen ist, nicht zumuten. Dafür hat er noch immer das Modell, das er nach Jonas Kopfform anfertigen lassen hat und an dem er vor dem Eingriff plante, wo geschnitten und wie die vorhandenen Schädelknochen wieder zusammengesetzt werden mussten. Bei Jona wurde zum Beispiel durch eine einfache 90-Grad-Drehung der beiden entsprechenden Schädelplatten aus einer spitzen eine breite Stirn. Mit speziellen Zuckerschrauben und -platten fixierte der MKG-Chirurg die Knochen anschließend in ihrer neuen Position. „Der Zucker löst sich schon nach ganz kurzer Zeit wieder auf“, kommt er einer verwunderten Nachfrage zuvor. „Das reicht aber aus, denn dann wachsen die Schädelplatten von allein zusammen. Kinderknochen wachsen ja sehr, sehr schnell.“

Um den Schädel neu zu formen, brauche man vor allem plastisches Vorstellungsvermögen, meint der Operateur und witzelt dann: „Ich hab mir Mühe gegeben, die Stirn seiner Mutter nachzubilden.“ „Also meine Schwiegermutter meint, Jona sieht jetzt viel mehr aus wie sein Vater“, gibt Nicole Schuster zurück.

Jetzt kann sie wieder lachen. Aber die ersten Tage nach der Operation, die sie mit dem Kleinen auf der Kinder-Intensivstation verbrachte, waren hart, zumal zeitweise auch noch Jonas Entzündungswerte in die Höhe schnellten. Gut zwei Wochen nach der OP durfte er schließlich wieder nach Hause. Maximal sechs Wochen lang müssen die Eltern nun noch aufpassen, dass er sich nicht den Kopf stößt oder hinfällt – und das ausgerechnet jetzt, wo ihm das Laufen mit jedem Tag mehr Spaß macht…

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