zur Navigation springen

"Gorch Fock" : Das Vorzeigeschiff hat moralische Schlagseite

vom

svz.de von
erstellt am 20.Jan.2011 | 08:01 Uhr

Irgend etwas war im Busch. Das mutmaßten Beobachter, seit eine Offizieranwärterin am 6. November beim Herunterklettern aus den Masten der "Gorch Fock" zu Tode gestürzt war und Flottenkommando und Verteidigungsministerium beschlossen hatten, die Ausbildung auf dem Segelschulschiff der Marine vorerst auszusetzen. Denn es hatte schon fünf tödliche Unfälle an Bord gegeben - ohne so drastische Folgen. Nun ist klar: Das Vorzeigeschiff hat moralische Schlagseite. Angeblich gab es sexuelle Belästigung, angeblich pflegten die seemännischen Ausbilder einen Umgangston wie zu Nelsons Zeiten. Unter dem Schock des Unfalls hätten einige Kadetten sich schlicht geweigert, in die Masten zu klettern und seien von der Schiffsführung mit dem Vorwurf "Meuterei" unter Druck gesetzt worden. Offenbar sollte der Ausbildungsabbruch vor allem eine Eskalation verhindern.

Die Bundeswehr hatte sich mit der "Gorch Fock" einst entschieden, bei der Offiziersausbildung die traditionelle Seemannschaft zur Grundlage zu machen. Weil es Führungseigenschaften und Teamfähigkeit schule, sagen die Idealisten. Weil Marineoffiziere nicht nur Soldaten, sondern auch Seeleute sind, sagen die Romantiker. Weil so ein Segler die beste Werbung ist, sagen die Zyniker. Recht haben sie alle.

Die glänzende Fassade stimmte aber offenbar schon länger nicht mit der Wirklichkeit an Bord überein. Das war kein Geheimnis: Eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Bundeswehr hat eine generelle Zufriedenheit der Marineoffiziere mit ihrer Ausbildung ergeben. Nur die Zeit an Bord der "Gorch Fock" wurde kritisiert, unter anderem für den Umgangston. Die Bundeswehr erwähnt die Studie auf ihren Werbeseiten - die kritischen Teile aber unterschlägt sie.

Man sollte vor der weiteren Diskussion unterstreichen: Auf See gibt es keine absolute Sicherheit. Niemand ist aus Zwang an Bord der "Gorch Fock". Jeder Offizier- oder Unteroffizieranwärter weiß, dass die Arbeit in den Masten dazugehört und dass die 1958 gebaute Dreimast-Bark einen Ruf als exzellentes Schwerwetter-Schiff hat. Ein berühmtes Foto zeigt die "Gorch Fock", alle Segel gesetzt, in rasender Sturmfahrt. Bei vielen Segelschiff-Fans, Ex-Marineoffizieren oder Wassersportlern hängt es als Poster. Das oberste Segel des Großmastes befindet sich mehr als 40 Meter über dem Wasser. Die Arbeit in der Takelage ist gefährlich und wird es immer sein. Die angebliche "Freiwilligkeit" beim Aufentern, auf die der Wehrbeauftragte verweist, ist naive Augenwischerei: Welcher Soldat, welche Soldatin vor allem, bleibt an Oberdeck stehen, wenn alle anderen in die Wanten steigen? "Wer sagt, er will nicht, der gehört nicht auf das Schiff", betonte auch der legendäre Immo von Schnurbein, der die "Gorch Fock" sechs Jahre lang führte.

Die Vorwürfe der sexuellen Nötigung und der angeblich brutale Ton an Bord sind viel gefährlicher für den Ruf des Schiffes. Es war keine "Meuterei", wenn einige Kadetten nach dem tödlichen Absturz ihrer Kameradin - der bei der "Segelvorausbildung" in der Takelage des festgemachten Schiffes passierte - darauf drangen, nicht zur Tagesordnung überzugehen. Hier waren Kommandant und Wachoffiziere gefordert, Teamgeist und Führungseigenschaften über das Erteilen von Befehlen hinaus zu beweisen. Sie haben versagt.

Die "Gorch Fock" wartet nach der Rundung von Kap Hoorn, dem Ritterschlag für ein Segelschiff, in Argentinien auf ein Ermittlungsteam. Es ist klar: Es wird sich einiges ändern müssen. Denn wenn ein Ausbildungskonzept auf Teambildung setzt und dann nach einem Unfall wilde Vorwürfe über brutale Ausbilder und sexuelle Nötigungen die Runde machen - dann ist die Teambildung schiefgegangen und mit dem Ausbildungskonzept stimmt etwas nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen