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Rückblick2015: Terror in Paris : Das Böse kommt mit Kalaschnikows

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Frankreich trauert: Ein dreiviertel Jahr nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo kehrt der Terror nach Paris zurück

svz.de von
erstellt am 30.Dez.2015 | 16:08 Uhr

Sie tragen schwarze Kleidung. Sturmmasken verdecken ihr Gesicht. In ihren Händen Kalaschnikows. Am 7. Januar 2015 stürmen Terroristen die Räume der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und exekutieren dabei nach und nach Redaktionsmitglieder, unter anderem den Herausgeber Stéphane Charbonnier – mit gezielten Schüssen in den Kopf. Dabei rufen sie „Allahu Akbar“ – „Gott ist groß“. „Es ist ein Gemetzel, ein Blutbad“, der erste Hilferuf kommt von Redakteur Laurent Léger. Horror, mitten in der Stadt der Liebe.

„Paris ist ein Fest“, sagt Micheline Bouchez, Leiterin des Institut franco-allemand de Rostock und zitiert damit den Schriftsteller Ernest Hemingway. „Ein Fest fürs Leben.“ Bouchez lächelt. Ein schmerzverzerrtes Lächeln. Doch ein Lächeln voller Hoffnung. „Die Welt bricht nicht zusammen, aber wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen, wir müssen wachsamer, kritischer sein. Wir müssen handeln, dürfen nicht tolerieren.“

Die gebürtige Französin kannte einen Teil der Satiriker, die am 7. Januar gegen 11.30 Uhr durch Maschinengewehre getötet worden waren, persönlich. Als sie von dem Anschlag hörte, musste sie weinen. Bittere Tränen. „Für mich brach eine Welt zusammen“, erinnert sie sich. „Da sind Leute gestorben, die meine Jugend mitbegleitet haben.“ Bouchez kauft die Zeitschrift noch immer. Aber von seinem Zynismus, dem bitterbösen schwarzen Humor, habe das Blatt eingebüßt. „Weil der Kopf weg ist, weil Charbonnier nicht mehr da ist.“

In Micheline Bouchez’ Büro hängt ein eingerahmter Ausdruck der Titelseite von Charlie Hebdo. „Je suis Charlie“– „Ich bin Charlie“. Eine Mohamed-Karrikatur bekennt sich zu dem Satire-Magazin. Sie weint. Der Cover-Hintergrund ist grün, die Farbe des Propheten. „Tout est pardonné“– alles ist vergeben.

Bis zum 13. November. Bis islamistische Terroristen mordend durch Paris ziehen und dabei 130 Menschen hinrichten. „Das war ein Angriff auf den europäischen Lebensstil“, ist sich Micheline Bouchez sicher. „Die Attentäter wollten töten. Und es war ihnen egal, wen sie umbringen. Diese Willkür hat die ganze Welt erschüttert.“ Am Stade de France, während des Fußballspiels zwischen Deutschland und Frankreich, sprengen sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft, ein weiterer verübt einen Anschlag auf das Café Comptoir Voltaire. In dem Konzerthaus Bataclan schießen drei Männer mit Schnellfeuergewehren um sich und nehmen Geiseln. Mehrere Bewaffnete feuern rund um die Place de la République aus einem Auto auf Bar- und Restaurant-Besucher. Später bekennt sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu den Taten.

Was hat sich seit den Anschlägen verändert? „Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft, am Pariser Nordbahnhof wird das Gepäck Reisender durchleuchtet“, weiß Bouchez. „Was die Attentäter wollten, war, den Franzosen ihre Lebensfreude zu nehmen. Das haben sie nicht geschafft“, betont Bouchez. Die Anschläge hätten die Nation zusammengeschweißt, gleichzeitig hätten sie aber auch der rechtsextremen Partei Front National zum Aufschwung verholfen. „Die Extremen werden noch extremer“, sagt Bouchez. „Das politische System in Frankreich ist so etabliert, dass es sich wie ein Kater nach einer durchzechten Nacht anfühlt. Die Menschen geben der Front National nicht wegen des guten Parteiprogramms ihre Stimme, sondern weil sie keine Alternative sehen“, erklärt Bouchez.

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