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Korvette „Erfurt“ : Damoklesschwert über dem Libanon

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Korvette „Erfurt“ aus Rostock im östlichen Mittelmeer im Einsatz / Lage der syrischen Flüchtlinge dramatisch

von
erstellt am 05.Feb.2015 | 20:45 Uhr

Das Szenario mag sich niemand ausmalen. Aber es gedanklich durchspielen – diese Pflicht hat der Kommandeur des deutschen Unifil-Einsatzkontingents, Fregattenkapitän Sven Janssen. Der Marineoffizier ist gelernter U-Boot-Fahrer und Kommandeur einer Lehrgruppe an der Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund.

Seit Oktober 2014 befehligt er einen Verband der Marine, der hier im östlichen Mittelmeer patrouilliert, um den Waffenstillstand zwischen dem Libanon und dem früheren Kriegsgegner Israel zu sichern. Momentan ist die Korvette „Erfurt“ aus Rostock Hohe Düne im Einsatz.

Spätestens seit dem syrischen Bürgerkrieg, der weit mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien ins Nachbarland Libanon mit seinen 4,3 Millionen Einwohnern spülte, hängt eine andere Gefahr wie ein Damoklesschwert über der Region: Wenn den Flüchtlingen im Hochland der Bekaa-Ebene ihre Lage zu aussichtslos schiene und es ihnen gelänge, die Gebirgspässe zu überwinden und an die wohlhabende Küste vorzudringen, „dann bricht das Land auseinander“, ist sich Janssen sicher – und steht mit seiner Einschätzung nicht allein da.

Die Krise des Uno-Flüchtlingshilfswerks sei nur ein Aspekt, der Sorgen bereite. Die Gefahr ist nicht nur, dass ein solcher Flüchtlingsstrom sich nicht mehr austarieren ließe mit den seit Jahrzehnten im Land lebenden palästinensischen Flüchtlingen. Das sorgsam zwischen den religiösen Gruppen ausbalancierte Macht- und Gesellschaftsgefüge käme dann wohl aus dem Gleichgewicht. Der Staat, der seit dem Attentat auf seinen bis heute hoch geachteten Präsidenten Hariri ohne Staatsoberhaupt existiert, könnte die dann ausbrechenden Konflikte nicht mehr beherrschen, schätzt der Kommandeur ein. „Noch ist der Libanon geradezu beispielhaft, wie verschiedenste Religionen – Christen, Sunniten, Schiiten – friedlich zusammen leben können“, stellt Janssen fest.

Aber wie lange noch? In der Bekaa-Ebene unternimmt die Terrormiliz Islamischer Staat momentan alles, um die Lage zu destabilisieren. „Wenn ich eine Million Flüchtlinge habe, muss ich davon ausgehen, dass wenigstens 1000 IS-Terroristen unter ihnen sind“, schätzt Janssen.

Der Fregattenkapitän führt zwar das deutsche Unifil-Einsatzkontingen als Militär. Doch Janssen wirkt zugleich wie ein Diplomat, ist sehr bemüht, das ganze Bild hinter diesem Uno-Einsatz im Blick zu behalten und auch politisch mitzuwirken. Vor diesem Hintergrund zeigt er sich dankbar für den Besuch der Landespolitiker aus Mecklenburg-Vorpommern, wo die Korvetten ihren Heimathafen haben.

„Ich finde wichtig, dass sich Politiker ein eigenes Bild von der Situation vor Ort machen und dass in der Heimat wahrgenommen wird, was wir hier tun“, sagt der Kommandeur. „Der Innenminister kann natürlich schon über seine Funktion im Verteidigungsausschuss des Bundesrats Informationen transportieren, die hoffentlich dazu beitragen, dass der deutsche Einsatzschwerpunkt immer mehr zugunsten des Ausbildungsaspekts verschoben wird.“ Janssen sieht die von der Bundesmarine praktizierte „Hilfe zur Selbsthilfe“ als Schlüssel dafür, den Uno-Einsatz möglichst bald beenden zu können. Vo-raussetzung für eine solche „Exit-Strategie“ wäre, die libanesische Marine in den Stand zu versetzen, ihre Küste selbst abzusichern. Dafür ist mit der Installation von neun Radarstationen mit deutscher Hilfe sowie der Ausbildung der dafür nötigen Trainer im Libanon selbst sowie an der Marineschule Flensburg-Mürwik und der Marinetechnikschule Parow schon einiges getan worden. Aber es reicht nicht, ist sich Janssen sicher.

Deshalb ist ihm wichtig, in die Heimat zu vermitteln: „Die Menschen im Libanon haben mehrheitlich genug von Konflikten, sie wollen in Ruhe ihr Leben leben.“ Dafür ist der derzeitige Zustand einer „stabilen Instabilität“ nicht ausreichend, meint der Kommandeur.

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