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Bildung : Aus der Wirtschaft in die Schule

vom
Aus der Redaktion des Ludwigsluster Tageblatt

Ingenieur unterrichtet in Hagenow Physik und AWT: Holger Piehl sieht Bildungspolitik in MV als Chance für Seiteneinsteiger, sich zu verwirklichen

Es klingelt. Schüler rennen aus dem Schulhaus. Draußen an der Haltestelle warten Kinder auf ihren Schulbus. Holger Piehl hört sie lachen als er die Fenster im Werkraum schließen will. 15 Uhr. Feierabend. Piehl klappt die Tafel zu, schiebt die Bücher in seine Tasche und kramt nach dem Autoschlüssel. Er wohnt in Nauen. Wenn es gut läuft, ist er in zwei Stunden zuhause. Manchmal werden es aber auch drei. Seit gut einem Jahr unterrichtet der 57-Jährige die Fächer „Arbeit-Wirtschaft-Technik“ und Physik an der Europaschule in Hagenow. Ohne jemals ein Lehramtsstudium absolviert zu haben. Piehl hat an der Fachhochschule Wirtschaftsingenieurwesen studiert, danach lange Zeit als Verkaufsleiter in einer Firma gearbeitet, bevor diese abgewickelt wurde. Dann liest er in der Zeitung die Anzeige „Lehrer gesucht“. „Mein Sohn war damals im Gymnasium. Als Elternvertreter habe ich die Schüler oft auf Klassenfahrten begleitet. Da war immer schnell ein guter Draht zu den Kindern da.“ Piehl kennt den Lehreralltag ganz gut. Vater und Mutter waren Lehrer. „Da konnte ich mir schon als Kind ein Bild machen.“

Seine Bewerbung hat Erfolg. In Berlin-Lichtenberg arbeitet er als Berufsschullehrer, unterrichtet später an einer Förderschule in Berlin-Hellersdorf. Nie blieb er lange. „In Berlin wurde immer kritisiert, dass ich keinen Uni-Abschluss habe. Deshalb wurden die Verträge nicht verlängert und ich war jahrelang als Springer von Schule zu Schule zu unterwegs.“

Als er im Internet die ausgeschriebene Stelle in Hagenow findet, zögert er nicht lange. „Hier bekomme ich erstmals die Chance unbefristet zu arbeiten.“ Eineinhalb Jahre ist das jetzt her. Schulleiterin Sabine Janitz erinnert sich noch gut an das erste Gespräch. „Er machte einen ruhigen, kompetenten und engagierten Eindruck.“ Für sie steht und fällt der Lehrerberuf mit der Person. „Was bringt er fachlich mit und wie arbeitet er mit den Kindern?“ Fachlich sei Piehl ein „Glücksgriff“ für die Schule. „Wir haben im Werkunterricht lange nicht mehr so schön praktisch gearbeitet“, sagt sie. Es sei bemerkenswert, wie jemand aus einem anderen Beruf sich bemüht, hier Fuß zu fassen. „Er hat das pädagogische Gefühl, ist konsequent und herzlich. Das passt.“

Für die pädagogische Ausbildung muss Piehl einen Kurs für Seiteneinsteiger in Greifswald belegen. 25 Seiteneinsteiger aus ganz MV, die meisten von ihnen sind Fachhochschulabsolventen, werden hier auf den Lehrerberuf vorbereitet.“

Fitnesstrainer, Bundeswehrsoldaten und auch ein Doktor der Biologie ist dabei. Einmal im Monat, am Mittwoch, lernt Piehl hier Methodik und Didaktik. Den theoretischen Teil hat er so gut wie geschafft, jetzt muss er sich auf die praktische Lehrprobe vorbereiten. „Zwei Stunden Unterricht vor Lehrkräften und Prüfern. Das wird aufregend.“ Wenn er die Prüfung besteht, wird seine Stelle entfristet. Piehl ist gerne Lehrer. „Es ist spannend zu sehen, wie Kinder die Welt entdecken und begreifen.“ Das Erstaunen in ihrem Gesicht, der Moment, in dem sie Neues verstehen, begeistert auch den Lehrer immer wieder. Er weiß, dass er aufpassen muss, sich nicht an den Schülern vorbeizubewegen. „Ich muss mich in sie hineindenken. Andere Perspektiven einnehmen.“ Konsequenz ist wichtig, sagt er. Und Anerkennung. Er erzählt von einem „kleinen Störenfried“ in der Klasse.

Seitdem Piehl ihm die Verantwortung für die Schränke übertragen hat und er die Werkzeuge austeilen darf, macht der Junge mit. Kleine Erfolgserlebnisse, die Piehl bestärken. Vier Stunden ist er täglich auf der Autobahn unterwegs, pendelt zwischen Wohnort Nauen und Arbeitsort Hagenow. „Anstrengend, na klar“, sagt er. Aber am Ende sei alles eine Frage der Planung. „Das Team hier an der Schule ist super nett. Die Kollegen helfen und unterstützen mich.“ Dafür lohne am Ende auch der Aufwand. „Was wäre denn die Alternative gewesen?“, fragt er. „Zu hause sitzen und Hartz IV bekommen?“ Hier könne er etwas bewegen und das mit Freude. Man glaubt ihm, wenn er sagt: „Ich will, dass die Kinder glücklich nach Hause gehen.“

 

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erstellt am 10.Jan.2014 | 10:30 Uhr

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