25 Jahre Mauerfall : „Ach, springste mal wieder über die Mauer“

West- und Ost-Berlin waren zwar durch eine Mauer getrennt, doch tagsüber konnten West-Berliner in die DDR gehen.
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West- und Ost-Berlin waren zwar durch eine Mauer getrennt, doch tagsüber konnten West-Berliner in die DDR gehen.

Für DDR-Bürger war die Mauer unüberwindlich, für West-Berliner hingegen nicht / Während der deutschen Teilung wagten Hunderte den Sprung in den Osten

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31. März 2014, 11:48 Uhr

Todesstreifen, Kalter Krieg, tragische Flüchtlingsschicksale – dafür steht die Berliner Mauer. Hinüber in die DDR zu klettern, erscheint im Rückblick absurd. West-Berliner konnten den Ostteil ja tageweise besuchen. Doch gab es in den 28 Jahren der Teilung mehr als 400 solcher Mauerspringer. Und sie hatten verständliche Gründe: Liebe und Sehnsucht, Wut auf die DDR, eine Wette oder Mutproben. Manche wollten ein politisches Zeichen setzen, andere waren verwirrt, gelangweilt – oder völlig betrunken.

Ein Sprung über den 164 Kilometer langen „antifaschistischen Schutzwall“ in den Osten war für die „Grenzverletzer West-Berlin“ – so der DDR-Jargon – gefährlich, aber recht problemlos. So wie für den 15-Jährigen, der im September 1974 am Lohmühlenplatz von Neukölln nach Treptow will. Der Schüler klettert von einem Podest über die Mauer, übersteigt die Drahtsperre und die Panzerhöcker, bricht aber auf dem Kolonnenweg plötzlich zusammen. Kein Wunder: Mit zwei Freunden hat er vier Liter Rotwein getrunken; an seine Wahnsinnstat kann er sich später nicht erinnern.

Anders Arnold Knabe, der Mauerspringer schlechthin. Im Laufe der Jahre hat der Kreuzberger Sozialhilfeempfänger etwa 15 Mal die Mauer überwunden, fast immer an derselben Stelle. Drüben ließ er sich stets widerstandslos festnehmen. Einmal sagte er den DDR-Grenzern: „Wenn es so still ist in der Wohnung und draußen so grau und gar nichts los ist, da denke ich: Ach, springste mal wieder über die Mauer.“

Die Grenztruppen waren angewiesen, Mauerspringer festzunehmen und an die Hauptabteilung IX der Staatssicherheit zu übergeben. Wer betrunken war oder unbeabsichtigt die DDR-Grenze verletzt hatte, wurde meist schnell zurückgeschickt. Alle anderen wurden intensiv zu ihren Motiven verhört, die meisten mussten sich auf ein Ermittlungsverfahren wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ gefasst machen.

Einer der bekanntesten „Grenzverletzer“ war der 68-jährige US-Rentner John Runnings: Eine Woche vor dem 25. Jahrestag des Mauerbaus, am 7. August 1986, sitzt er rittlings auf der Mauer, schlägt mit einem kiloschweren Vorschlaghammer auf die Betonrolle ein und spaziert anschließend ein Stück die Mauer entlang – Bilder, die um die Welt gehen.

Runnings hat schon gegen den Vietnamkrieg und gegen den atomaren Rüstungswettlauf demonstriert. Sein neuestes Projekt heißt: „Ghandischer Angriff“ auf die Mauer, basierend auf seinem Konzept „militanter Gewaltlosigkeit“. Runnings erkennt Staatsgrenzen generell nicht an und negiert sie, in dem er sie illegal zu überwinden versucht.

Die Staatssicherheit verzichtet zunächst auf eine Inhaftierung, um dem Amerikaner nicht den erhofften Publicity-Erfolg zu verschaffen. Deswegen wird er im Jahr 1986 mehrmals der US-Botschaft übergeben, die ihn aber jeweils prompt wieder auf freien Fuß setzt.

Am 18. November erreicht Runnings sein politisches Ziel: Nach einer neuen Vorschlaghammerattacke wird er verhaftet und im Februar 1987 vom Stadtbezirksgericht Lichtenberg zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Doch wieder will die Stasi ihn schnell loswerden – und setzt den Rentner nur Tage später in Prag in ein Flugzeug Richtung New York.

Beharrlich halten Mitte der 70er-Jahre auch der 25-jährige Transportarbeiter Udo Cürsgen und seine Ostberliner Verlobte Inge an ihrem Plan fest: Sie wollen heiraten und im Westen leben.

Sieben Jahre zuvor hat ihre Liebe mit einer Brieffreundschaft begonnen. Er zog aus Niedersachsen nach West-Berlin, sie aus Dessau nach Ost-Berlin, so können sie sich zumindest tagsüber treffen. Doch: Inges Ausreiseanträge werden abgelehnt. Als sie gezwungen wird, ihr Studium der Wasserwirtschaft abzubrechen und aus ihrer Wohnung verwiesen wird, schreitet Udo zu einer Verzweiflungstat: Am 23. Juni 1976 um 14.30 Uhr klettert er in der Kreuzberger Lindenstraße nahe des Springer-Hochhauses über die Mauer und lässt sich in den Todesstreifen hinabgleiten. Sein Ziel: Die DDR unter Druck zu setzen, Inge endlich ausreisen zu lassen.

Überraschend hat die Aktion Erfolg: Ganz ohne Gerichtsverfahren wird Cürsgen schon am nächsten Tag nach West-Berlin überstellt, und nur zehn Wochen später darf seine Verlobte ausreisen. Für die Presse eine abdruckträchtige Romanze: „Die Liebe war stärker als die Mauer“, dichtete etwa „Paris Match“.

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