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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 16:38 Uhr

Pannenserie der Prestigeprojekte

vom

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erstellt am 19.Okt.2012 | 08:35 Uhr

Schwerin | Das hat System: Straßen, Brücken, Konzert- und Bürohäuser, Bahnhöfe, Häfen, Autobahnen - wenn die öffentliche Hand baue, würden die Projekte "regelmäßig klein- und auf Kante gerechnet, um parlamentarische Hürden zu umschiffen", weiß Reiner Holznagel. Der Kostenanstieg durch normale Preissteigerungen werde unterschätzt, zusätzliche Anforderungen wie höherer Lärmschutz oder bessere Sicherheitsanlagen auch, meint der Präsident des Steuerzahlerbundes: "Bei vielen öffentlichen Bauprojekten laufen die Kosten aus dem Ruder."

Terminpläne wackeln, Experten kämpfen mit technischen Tücken, der Bürgerprotest wächst: Deutschlands Prestigebauten in öffentlicher Regie sind in Verruf geraten. Langsam wird es peinlich: eine Dauerbaustelle auf dem neuen Großstadtflughafen Berlin, ebenso bei der Elb-Philharmonie in Hamburg, gesprengte Spundwände am Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, Baupfusch an der zehn Millionen Euro teuren Lüftungsanlage des neuen Geheimtempels des Bundesnachrichtendienstes in Berlin, explodierende Kosten für die Süd-Verlängerung der Autobahn 14 nach Magdeburg: die Planungsfehler kommen den Steuerzahlern teuer zu stehen. Allein für diese fünf Bauten wird die Staatskasse mit 2,2 Milliarden Euro zusätzlich belastet.

Es werde immer schwieriger, Großprojekte in Deutschland zu realisieren, meint Holznagel. Inzwischen lässt der Dauerstreit der Stadt mit dem Bauunternehmen Hochtief die Arbeiten auf der Baustelle der Elb-Philharmonie seit einem Jahr ruhen - und ein Durchbruch ist nicht in Sicht.

Die Ursachen sind unterschiedlich: Immer neue Ansprüche der Politik und Fehler der Baufirmen lassen die Vorzeigeprojekte zu einem Fass ohne Boden werden. Großprojekte mit tausenden Bauarbeitern sind komplex zu steuern, diverse Gewerke arbeiten para llel oder greifen teils ineinander. Mal werden Architekten als Schuldige ausgemacht, die Politik schimpft über Planer und Baumängel, mal geben die Architekten und Bauunternehmen den Schwarzen Peter weiter. Politiker schöben Prestigeprojekte gern mit eng berechneten Kosten und überehrgeizigen Zeitplänen über die Startlinie, kritisiert der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine.

Pleiten, Pech und Pannen: Inzwischen kratzen die Pannen auch am Image der Bauindustrie. Die Branche sorgt sich ums Geschäft. "Es ist Gefahr im Verzug", warnte der Chef des Bauindustrie-Verbands, Michael Knipper, angesichts der sich mehrenden Hiobsbotschaften. "Wenn wir nicht aufpassen, dann wird auch die deutsche Bauindustrie bei hochkomplexen Projekten Kernkompetenz verlieren." Mit Sorge beobachten die Unternehmen, wie Pannenserien die Zweifel an der Realisierbarkeit von Mega-Projekten nähren und die Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet. Die Folge: Der Fluss neuer Aufträge - wichtig, um Spezialkräfte zu halten - sei schwächer als bei europäischen Nachbarn. Es habe sich ein Stau aus mehr als 70 blockierten Großvorhaben von Schienentrassen bis zur Flussvertiefung gebildet. Investitionsvolumen: 48 Milliarden Euro.

Die Bauindustrie dringt auf eine gründlichere Steuerung, in die die Auftraggeber auch mehr investieren sollten. "Das rechnet sich im Vergleich zu den Gesamtkosten allemal", sagt Hauptgeschäftsführer Knipper. Außerdem gelte: "Lieber etwas länger und sorgfältiger planen als nachher Fehler ausbaden." Teils seien öffentliche Bauherren auch überfordert, heißt es beim Verband der Architekten- und Ingenieurvereine. Große Projekte bilden ein von außen kaum durchschaubares Dickicht an Verantwortlichkeiten - der eine macht die Ausschreibung, der andere die Bauüberwachung, wieder ein anderer die Kostenkontrolle. Und auch die Bauleitung liegt in anderen Händen. Zu oft würden Großprojekte von der öffentlichen Hand unterschätzt, warnt Steuerzahlerpräsident Holznagel. So sei beispielsweise für den Großflughafen Berlin eine Zweieinhalb-Mann-Behörde zuständig. Bei derartigen Mammutprojekten müsse der Staat auch die entsprechenden Strukturen schaffen, um die großen Bauvorhaben begleiten zu können, forderte Holznagel bessere Kontrollen. So dürften in den Aufsichtsräten nicht nur Politiker sitzen, sondern auch Fachleute, die eingreifen könnten, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Zudem müssten die öffentlichen Bauherren unabhängige Preisprüfer mit Sach- und Fachverstand einstellen, größere Puffer einplanen sowie Baufirmen stärker in die Pflicht nehmen und Regressregelungen einführen, forderte Holznagel.

Vorerst wird sich zumindest die Landespolitik in Berlin-Brandenburg für das Chaos auf dem neuen Großflughafen verantworten müssen. Gestern nahm in Berlin ein Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung des Flughafen-Debakels auf. Der Ausschuss soll bis Ende 2013, möglicherweise auch bis Anfang 2014 tagen. Geklärt werden soll, warum der Flughafen Baumängel aufweist, später als vorgesehen eröffnet und deutlich teurer wird als geplant. Das dürfte vor allem Klaus Wowereit unter Druck setzen: Der Bürgermeister Berlins ist ebenso als Zeuge geladen wie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck.

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