Fischerei : Ostseehering sorgt für volle Netze

Guter Fang:  Die Netze auf der „Wie 47“ sind voll.
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Guter Fang: Die Netze auf der „Wie 47“ sind voll.

Stellnetzfischer in Mecklenburg-Vorpommern sind in die Heringssaison gestartet. Sorgen bereiten ihnen die Robben

svz.de von
08. März 2016, 11:45 Uhr

Die Möwen erweisen sich im Gegensatz zu den Fischern als Langschläfer. Während sie noch im Tiefschlaf liegen, herrscht bei den Fischern im Hafen von Freest bei Peenemünde kurz vor 3 Uhr geschäftiges Treiben. Motoren tuckern, Fischkisten klappern. Auch Fischer Dirk Baumann macht seinen Kutter startklar für den Heringsfang an Vorpommerns Küste.

Bei nächtlichen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt steuert der 49-Jährige seinen Kutter „Wie 47“ nach Norden, über den Peenestrom raus auf den Greifswalder Bodden. Dorthin, wo der Hering wartet. Dorthin, wo die stabilen Erträge warten. „Mit dem Hering“, sagt Baumann, „kannst du die Kosten fürs Jahr decken.“ Der Hering gilt als Brotfisch und Stabilitätsfaktor für die Fischer, weil er 70 bis 80 Prozent der Fänge ausmacht.

Die Fischereigenossenschaft Freest, der größte Zusammenschluss von Fischern in MV, hat die Heringssaison eröffnet. Mit dem Frühling strömt der Hering zum Laichen in die küstennahen Gewässer der Ostsee. Nach Probefängen gehen seit letzter Woche die Stellnetzkutter im großen Stil auf Heringsjagd.

Windstärke 4, „Wie 47“ schaukelt rhythmisch in den Wellen. „Der Fisch ist nicht dumm“, schmunzelt der Fischer und tippt aufs Echolot. Der Monitor zeigt: In der Fahrrinne stehen Schwärme von tausenden Fischen. Nur fangen darf Baumann dort nicht.

Der Fischer, seit 31 Jahren im Beruf, kennt den Greifswalder Bodden wie seine Westentasche. Ihn zieht es vor Zudar, einer Halbinsel von Rügen. Dort hat er am Vortag die Netze gestellt. Dort hofft er auf einen großen Fang. Warum er annimmt, dass gerade dort der Hering ins Netz geht? „Erfahrungswerte“ antwortet Baumann knapp.

Wie sein Kutter in den Wellen schwanken seit Jahren die Fangquoten für den Hering. In diesem Jahr geht es mit der Fangmenge in der Ostsee um 18 Prozent nach oben. Dennoch ist Baumann nicht euphorisch. „Wir liegen jetzt bei 65 Prozent der Fangmengen vor den großen Kürzungen.“

Baumann ist Fischer mit Herzblut. Doch die Unwägbarkeiten der letzten Jahre, neue Reglementierungen der EU zu Beifängen oder zur Dokumentation, haben auch an ihm genagt. „Diese Ungewissheit. Du hast nichts mehr, mit dem du langfristig planen kannst.“

Seit vergangenem Jahr setzen die Kegelrobben den Fischern im Greifswalder Bodden zu. Fischer sehen in ihnen Konkurrenten. Im vergangenen Jahr habe er auf einer Tour 1200 Kilogramm Verlust durch Robbenfraß verzeichnen müssen, sagt Baumann. „Alle Fische waren angefressen.“ Der Chef der Fischereigenossenschaft, Michael Schütt, ahnt: „Dieses Problem werden wir nicht gelöst bekommen.“ Die Robbe ist geschützt, Umweltverbände und auch große Teile der Bevölkerung begrüßen die Rückkehr der vor rund 100 Jahren an der südlichen Ostseeküste ausgerotteten Raubtiere.

Umstritten unter den Fischern ist das MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei. „Alle Beobachtungen sagen, dass es langfristig nicht mehr Geld gibt, wenn die gesamte Fischerei in der Ostsee zertifiziert ist“, zeigt sich der Landesvorsitzende des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer, Norbert Kahlfuß, sorgenvoll.

Seit einem Jahr trägt die Schleppnetzfischerei in der Ostsee das Öko-Siegel, das die Branche viel Geld kostete. In großen Handelsketten wie Edeka prangt das Zertifikat auf Fischdosen und Tiefkühlfisch. Ohne Siegel, so wissen auch die Stellnetzfischer, ist ihr Hering nur schwer vermarktbar. „Besser ist der Fisch dadurch aber nicht.“ Die Stellnetzfischer befinden sich in einem Dilemma, weil sie mit ihrem nichtzertifizierten Fisch derzeit niedrigere Preise erzielen.

Es ist noch dunkel, als kurz vor 5 Uhr die „Wie 47“ den Fangplatz vor Zudar erreicht. „Jeder Tag ist ein Arbeitstag, aber nicht jeder Tag ist ein Fischtag“, zitiert Baumann eine alte Fischerweisheit. Für Baumann ist heute „Fischtag“. Über die Rolle gleiten schwere, prall gefüllte Netze an Bord. Mit dreieinhalb bis vier Tonnen Hering schaukelt sich der Kutter gegen 8 Uhr zurück in den Hafen, wo die Arbeit weitergeht. Baumann hat Helfer angeheuert, die ihm beim „Pulen“ der Heringe aus den Netzen helfen. „Der Umsatz ist okay“, sagt Baumann und schaut auf den in Kisten verpackten Fang. „Aber was unterm Strich steht, ist mager.“

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