Männerüberschuss : Ostdeutschland als Männer-WG

 
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Die Folgen von Abwanderung sind nicht zu übersehen – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch zwischenmenschlich

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12. August 2015, 06:30 Uhr

Sie skypen, mailen und telefonieren mit ihren Töchtern und Söhnen, die jetzt in Berlin, Frankfurt/M., München, Hamburg oder Wien leben. In Ostdeutschland, so scheint es, pflegt eine Elterngeneration intensive Fernbeziehungen zu ihren Kindern. In Scharen haben vor allem die Jungen in den 1990er-Jahren und in einer zweiten Welle um die Jahrtausendwende die fünf neuen Länder verlassen – auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, nach Zukunft und einem guten Einkommen. Weil in den Wendewirren ohnehin wenige Kinder geboren wurden, sprechen Bevölkerungsforscher nun von der halbierten Generation. Und sie verweisen auf ein Phänomen: den Männerüberschuss. „Die ländlichen Räume Ostdeutschlands weisen ein großes Defizit an jungen Frauen auf, das selbst auf europäischer Ebene beispiellos ist“, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Wiesbaden) zu Ursachen und Folgen der Abwanderung aus den fünf neuen Bundesländern.

„Not am Mann“ überschrieb das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Untersuchung, die vor einigen Jahren erstmals auf das Problem und die schlechten Karten gering qualifizierter junger Männer auf dem ländlichen Heiratsmarkt aufmerksam machte. „Das ist immer noch so. Das ist eine Folge der Wanderungsbewegungen – erst zwischen Ost und West und jetzt zwischen Land und Stadt“, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Auch in ländlichen Regionen im Westen gebe es weniger Frauen. „Aber längst nicht in diesem Ausmaß.“ Im Gegensatz zur Not der Dörfer und Kleinstädte entwickeln sich einige Städte inzwischen wieder zu „Wachstumsinseln“ inmitten der „Schrumpfregion“ Ost, die seit der Wiedervereinigung 2,3 Millionen Menschen verloren hat. Zu den Inseln zählen die Hochschulstädte Jena, Greifswald oder Weimar, aber auch das Umland von Berlin sowie die Großstädte Leipzig, Dresden, Erfurt und neuerdings auch Magdeburg. Greifswald, das in einer eher strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommerns liegt, habe heute den höchsten Frauenanteil an der Bevölkerung der 18- bis 24-Jährigen, hat das Bundesinstitut errechnet.

Der Männerüberschuss hat seine Ursache in den besonders mobilen ostdeutschen Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren. Und in ihren im Vergleich zu Jungen tendenziell besseren Schulabschlüssen – darin sind sich alle Forscher einig. Die jungen Frauen packten vor allem in den Regionen die Koffer, die abseits der größeren Städte und der Pendlerregionen entlang der Landesgrenzen zu Bayern, Hessen oder Niedersachsen liegen.

In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gebe es viele Kreise mit bis zu 25 Prozent mehr Männern als Frauen, konstatiert das Bundesinstitut in Wiesbaden. „Das gilt vor allem für strukturschwache Regionen.“ Die Herausforderungen dort durch die schrumpfende und älter werdende Bevölkerung sind groß:  für den Arbeitsmarkt durch Fachkräftemangel, für Sozialsysteme, Infrastruktur, öffentliche Kassen bis hin zu rechtsextremen Tendenzen in von Männern geprägten Regionen.

Der Gegensatz zwischen Frauendefiziten in ländlichen Räumen und Frauenüberschüssen in Städten nehme noch zu. „Eine Trendwende ist nicht zu erkennen“, sagen die Bevölkerungsforscher.

Als Gegenden mit Frauenmangel in der Altersgruppe bis 39 Jahren gelten beispielsweise die Region Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, das Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, die brandenburgische Prignitz, Mittelsachsen oder der Kreis Schmalkalden-Meiningen im Süden Thüringens.

Allerdings spielt dieser statistische Effekt im Leben der Menschen gar keine so große Rolle: „Es fehlen die Jungen“, sagen Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister der ostthüringischen Kleinstadt Schkölen, Matthias Darnstädt. Dass es vor allem die jungen Frauen sind, sei vielen im Alltag gar nicht so bewusst. „Wer eine Frau sucht, findet sie auch. Wir haben nicht mehr Junggesellen als in anderen Zeiten auch.“

Hier herrscht Männerüberschuss

In allen fünf ostdeutschen Ländern leben weniger Frauen als Männer in der betrachteten Altersgruppe zwischen 18 und unter 40 Jahren. Eine Auswahl einiger Kreise mit einem hohen Defizit junger Frauen:

Brandenburg:
Elbe-Elster 809 Frauen pro 1000 Männer
Oberspreewald-Lausitz 825 Frauen pro 1000 Männer
Prignitz 817 Frauen pro 1000 Männer
Bundesland insgesamt 919 Frauen pro 1000 Männer

Mecklenburg-Vorpommern:
Ludwigslust-Parchim 836 Frauen auf 1000 Männer
Bundesland insgesamt 890 Frauen pro 1000 Männer

Sachsen:
Mittelsachsen 831 Frauen pro 1000 Männer
Freistaat Sachsen insgesamt 902 Frauen pro 1000 Männer

Sachsen-Anhalt:
Altmarkkreis Salzwedel sowie Anhalt-Bitterfeld jeweils 834 Frauen pro 1000 Männer
Jerichower Land 845 Frauen pro 1000 Männer
Land Sachsen-Anhalt insgesamt 884 Frauen pro 1000 Männer

Thüringen:
Schmalkalden-Meiningen 818 Frauen pro 1000 Männer
Ilm-Kreis 775 Frauen pro 1000 Männer
Altenburger Land 827 Frauen pro 1000 Männer
 

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