Opposition attackiert Spardiktat

'Symbolische Stadtmauern einreißen.' Das forderte gestern Bildungsminister Mathias Brodkorb in der Theaterdebatte. dpa
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"Symbolische Stadtmauern einreißen." Das forderte gestern Bildungsminister Mathias Brodkorb in der Theaterdebatte. dpa

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26. September 2012, 08:25 Uhr

Schwerin/Rostock | Die Lokalpolitiker in Schwerin und Rostock sollen ihre "symbolischen Stadtmauern" einreißen und sich für eine überregionale Zusammenarbeit ihrer Theater öffnen. Dazu hat sie Bildungsminister Mathias Brodkorb gestern im Landtag aufgefordert: "Raus aus den regionalen Lagern, ran an den Verhandlungstisch!", so der SPD-Politiker bei der ersten öffentlichen Debatte über die neun Modelle für eine neue Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern, die Brodkorb einen Tag zuvor vorgestellt hatte. Laut Brodkorb hängt es besonders von den Kommunalpolitikern der beiden größten Städte ab, ob die Theaterlandschaft im ganzen Land eine Zukunft hat.

Wer weiter auf der Eigenständigkeit aller Theater beharrt, liefere die Standorte dem "künstlerischen Niedergang aus", prophezeite Brodkorb. Darum müssten die Kommunalpolitiker "im Sinne ihrer Zuschauer" ihre "Nabelschau" beenden. Wenn - wie in einem der Modelle vorgesehen - Orchester zusammengelegt würden, könnten die Musikliebhaber in Rostock und in Schwerin Konzerte und Opern mit einem 120-köpfigen A-Orchester genießen, statt sich mit einem sehr viel kleineren B-Orchester zufriedengeben zu müssen. Das weitestgehende Reform-Modell verspricht jährliche Einsparungen von knapp 18 Millionen Euro, setzt aber den Abbau von 290 Stellen voraus.

Bestünden alle Standorte weiter auf ihrer Autonomie, "bleiben Künstler und Publikum auf der Strecke", appellierte Brodkorb. Allerdings warnte er erneut, die Landesregierung werde einem solchen Weg nicht mitgehen und über die Vergabe von Fördergelder gegebenenfalls die Richtung mitbestimmen.

Die Linkspartei konnte allerdings den neun Modellen wenig abgewinnen. Sie führten allesamt zu "Kulturkanibalismus", so der Abgeordnete Torsten Koplin. Entweder würden Musiker, Schauspieler und Theatertechniker entlassen, um die Gehälter und Gagen der übrigbleibenden Kollegen zahlen zu können, oder einige "Leuchtturm"-Standorte würden mehr das Geld bekommen, das bei anderen gestrichen werde. Es sei "grundfalsch", dass das Land bis 2020 seine Theater-Zuschüsse von derzeit 35,8 Millionen Euro pro Jahr nicht erhöhen wolle. So würden die Theater-Städte "im Regen stehen gelassen".

Dunkler noch malten die Grünen die Theater-Zukunft aus. "Die Perspektive war noch nie so bedrohlich", sagte der Fraktionsvorsitzende Jürgen Suhr, denn die Landesregierung sei nicht bereit, ihre Zuschüsse "an die reale Lage anzupassen". Brodkorb zwinge die Kommunen, "sich gegen die eigenen Theater zu wenden". Wer so vorgehe, führe die Debatte "nicht an der Seite der Geburtshelfer, sondern an der Seite der Totengräber".

Marc Reinhardt (CDU) warf den Linken vor: "Zukunft hat bei Ihnen immer nur mit mehr Geld zu tun, auch wenn man es nicht hat." Grundsätzlich begrüßt die CDU, dass die Theater-Diskussion wieder in Gang kommt. Allerdings seien viele Details noch zu klären, so Reinhardt. Sollte das Land zum Beispiel die Trägerschaft für das Musiktheater übernehmen, dürften die Kommunen nicht vollkommen aus der Verantwortung entlassen werden. Offen sei, wer Fusionskosten und Abfindungen zahlen muss. Jedes Theater-Konzept müsse zudem berücksichtigen, dass einige Theater im Osten des Landes - anders als etwa Schwerin und Rostock - bereits "Vorleistungen" erbracht hätten, indem sie schon längst den Rotstift angesetzt haben.

Neun Theaterkonzepte – das sagen die Chefs der Bühnen:

Joachim Kümmritz, Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters, bescheinigte den Metrum-Beratern, „unter den herrschenden Umständen ordentliche Arbeit abgeliefert zu haben“. Zwar seien viele Details noch unklar, dennoch gebe es nun eine gute Diskussionsgrundlage: „Details sind erstmal unwichtig. Wichtig ist, dass endlich etwas auf dem Tisch liegt. Denn so wie jetzt geht es nicht weiter“.

Thomas Ott-Albrecht, Intendant des auf Produktionen für Jugendliche spezialisierten Landestheaters Parchim, begrüßte die Theaterkonzepte: „Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass die Vorschläge einige neue Denkansätze enthalten, die man nicht ohne Weiteres verwerfen sollte.“ Da Parchim in allen Varianten weiter gefördert werden soll, sei es „natürlich erfreulich, dass wir so in unserem Bestand als produzierende Bühne und unserer Bedeutung für die kulturelle Bildung bestätigt worden sind.“

Stefan Rosinski, Geschäftsführer des Volkstheaters Rostock, sagt: „Unterm Strich ist mein Resümee positiv.“ Das Volkstheater habe gute Chancen, gestärkt als „Leuchtturmtheater“ aus dem Prozess hervorzugehen, aber nur, wenn es gelinge, bis 2018 ein neues Theatergebäude zu errichten. Allerdings sei das Finanzloch in Schwerin am größten, sagt Rosinski, deshalb habe „dieses Konzept allein den Zweck, das Mecklenburgische Staatstheater zu sanieren“.

Wolfgang Bordel, Chef der Landesbühne Anklam, betonte: „Wir müssen etwas tun – so geht es nicht weiter. Keines der Häuser kann alleine überleben. Jeder Vorschlag ist akzeptabel, der dazu führt, dass die produzierenden Standorte nicht reduziert werden.“

Wilhelm Denne hat den Humor noch nicht verloren: „Eigentlich wollte ich ja die beste Variante auswürfeln. Aber mein Würfel hat nur sechs Flächen“, kommentiert der Geschäftsführer der Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz. Dass die Träger sich innerhalb von Wochen einig werden können, hält Denne für „gewagt“, auch wenn Brodkorb sicher Gründe habe, Zeitdruck auszuüben, damit über das Thema „nicht noch 100 Jahre“ geredet werde.

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