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Zu viele Fälle für zu wenig Personal : Opferambulanz in Not

vom
Aus der Onlineredaktion

Sozialministerium will sich für eine Aufstockung der Landesförderung einsetzen

Die Rechtsmediziner in der Rostocker Opferambulanz müssen sich mit Verletzungen und Verbrechen auseinandersetzen, die die meisten Menschen nur aus Kriminalfilmen kennen. Oft sind es Blessuren durch Schläge oder Tritte, aber auch Verbrühungen oder Schnittverletzungen. Meist steckt ein Familiendrama dahinter.

Verena Blaas gehört zu dem Team, das sich im Einzugsbereich der Rostocker Universitätsmedizin um die Opfer kümmert. Und deren Zahl steigt vehement. 190-mal wurden sie und ihre Kollegen im vergangenen Jahr zur Begutachtung gerufen, im Jahr zuvor waren es 119 Fälle. Rund 30 Prozent der Opfer waren Kinder, auch Babys. „Dann geht es beispielsweise um Misshandlungen, ausgeschlagene Zähne, oft auch vermengt mit sexuellem Missbrauch“, berichtet Blaas. Begutachtet werden auch vernachlässigte Senioren etwa mit Durchliege-Geschwüren.

Auch die Greifswalder Opferambulanz kann sich über fehlende Arbeit nicht beklagen: „Gegen Ende 2016 hatten wir 145 Betroffene, die sich bei uns vorgestellt haben“, sagt Institutsdirektorin Britta Bockholdt. Wie bei ihren Rostocker Kollegen sind oft sehr lange und zeitaufwendige Fahrten zu den Betroffenen notwendig.

„Die Fallzahlen übersteigen unsere Kapazität bei weitem“, sagt der Chef der Rostocker Rechtsmedizin, Andreas Büttner. Doch seine Appelle an das Sozialministerium um Aufstockung der Mittel von bislang 60 000 Euro verhallten bislang. Im Moment verfüge die Ambulanz nur über eine halbe Mitarbeiterstelle, das sei bei der Fallzahl und den weiten Distanzen, die zurückgelegt werden müssen, nicht zu machen.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) sagt nun zu, die beiden Opferambulanzen weiter zu unterstützen und sprach sich für eine Erhöhung der Landesförderung aus. „Mir geht es um einen besseren Schutz von Opfern häuslicher Gewalt, sowie um eine stärkere Vernetzung, um Gewaltkreisläufe zu durchbrechen und Prävention zu betreiben.“ Sie wolle sich bei den Verhandlungen zum Doppelhaushalt 2018/19 für die Erhöhung einsetzen. Damit könne „ein höherer Stellenanteil“ finanziert werden.

Klar sei aber, dass ihr Ministerium nur einen Ausschnitt der Arbeit fördere. „Hier sind alle Bereiche gefordert, die von der Arbeit der Opferambulanzen profitieren.“ Für Büttner sind dies positive Nachrichten, allerdings müsse noch in diesem Jahr eine lange Durststrecke überwunden werden. „Mit einem bisschen guten Willen müsste es doch möglich sein, die Finanzierung auszubauen und dauerhaft zu gewährleisten“, unterstützt der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, die Bemühungen. Er sieht neben dem Sozialministerium auch das Justizministerium als zusätzliche Geldquelle. Es sei auch absurd, dass seit acht Jahren „ein Modell“ gefördert wird. Es wäre nun an der Zeit, angesichts der steigenden Fallzahlen, die Einrichtung der Opferambulanz zu verstetigen.

Ziel der Ambulanzarbeit sei, den Opfern zu gerichtsverwertbaren Befunden zu verhelfen, sagt Büttner. Von Anfang an sei jedoch die Finanzierung schwierig gewesen. Die Probleme hätten sich potenziert, 2011 seien in Rostock noch 47 Fälle gezählt worden.

Die stetig wachsende Zahl von Einsätzen sei laut Verena Blass aber hauptsächlich auf die vielen Fortbildungen zurückzuführen, die das Team der Rechtsmedizin auf dem Programm hat. Diese richteten sich an Lehrer, Erzieher, Hebammen oder Kinderärzte. Blaas geht nicht davon aus, dass sich die Zahl der Straftaten tatsächlich erhöht hat.

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