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Teufelskreis bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung : Opfer von gestern oft Beschuldigte von heute

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Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 200 Kinder durch Gewalt und Gleichgültigkeit der Eltern. Beschuldigte geben bei Vernehmungen dann häufig an, dass sie selbst als Kind geschlagen oder vernachlässigt wurden.

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erstellt am 06.Dez.2011 | 08:30 Uhr

Güstrow | Das Bild zeigt einen Kinderkäfig, aus dem Berliner Polizeibeamte einen dreijährigen Jungen vor den eigenen Eltern retten mussten. Akribisch hatte der Vater das Bettchen mit Utensilien aus dem Baumarkt umgebaut. Das Kleinkind sei ihm einfach lästig geworden, gab er später bei den Vernehmungen an. Der Kleine durfte nur noch aus dem Bett, wenn es dem Vater passte.

"Viele Menschen können sich nicht vorstellen, wie herzlos und brutal Eltern gegen das eigene Kind sein können", sagte Gina Graichen. Sie leitet im Berliner Landeskriminalamt das Kommissariat 125, das sich - als einziges in Deutschland - auf die Verfolgung von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung spezialisiert hat. An der Güstrower Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege beschrieb die Berliner Polizistin gestern vor künftigen Polizeiführern die Ursachen der Brutalität. "Viele Eltern sind überfordert und ratlos, selbst wenn ihr Kind gewünscht war. Es verhält sich überhaupt nicht so, wie man das bei den süßen Babys im Fernsehen gesehen hat. Es will trinken, essen, schreit Tag und Nacht, wird als quälend empfunden."

Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 200 Kinder durch Gewalt und Gleichgültigkeit der Eltern. Beschuldigte geben bei Vernehmungen dann häufig an, dass sie selbst als Kind geschlagen oder vernachlässigt wurden, berichtete Gina Graichen. Zwar wollen diese Eltern für ihre Kinder einen besseren Start ins Leben, fallen dann aber wieder in die Verhaltensmuster zurück, die sie von ihren Eltern erlebt haben. Die Kriminalistin: "Ich habe heute die Beschuldigten, die ich vor Jahren als Opfer hatte."

Um den Teufelskreis zu durchbrechen, setzt die Polizei in Berlin seit 2003 verstärkt auf Prävention und auf schnellere Intervention.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es seit 1. Februar 2008 eine Kinderschutzhotlinie. Unter der Telefonnummer 0800 - 14 14 007 können sich die Menschen rund um die Uhr an die Mitarbeiter der Hotline wenden. Bis Februar 2011 hatten in 1050 Fällen Anrufer auf mögliche Kindeswohlgefährdungen aufmerksam gemacht. Etwa die Hälfte waren Akutmeldungen, die ein sofortiges Handeln der zuständigen Behörden erforderten.

"Die Erfolge der Präventionsarbeit sind spürbar", sagte Gina Graichen. Die Zahl der Ermittlungsverfahren ist seitdem deutlich gestiegen. Für die Kriminalistin ein Hinweis darauf, dass Licht in das große Dunkelfeld der Kindesmisshandlungen- und vernachlässigungen kommt, und dass weniger weggeschaut wird.

Dennoch gibt es Nachholbedarf, sagt Rainer Becker, Landesbeauftragter Nord der Deutschen Kinderhilfe. "Wir fordern für das im Grunde gescheiterte Bundeskinderschutzgesetz und das für MV geplante Landeskinderschutzgesetz mehr als unverbindliche Appelle", so Becker. Konkret soll beispielsweise die Einbeziehung eines Rechtsmediziners bei allen konkreten Hinweisen auf Spuren von Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch im Gesetz festgeschrieben sein.

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