Medizintechnik in Rostock : Operiert von einem Roboter

Letzte Phase der OP-Vorbereitung: Dr. Atiqullah Aziz (links) und Prof. Oliver Hakenberg (dahinter) schließen den OP-Roboter an.  Fotos: Karin Koslik
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Letzte Phase der OP-Vorbereitung: Dr. Atiqullah Aziz (links) und Prof. Oliver Hakenberg (dahinter) schließen den OP-Roboter an. Fotos: Karin Koslik

Die Geschichte hinter der Nachricht: Auch wenn modernste Technik im OP-Saal Einzug hält, sind Spezialisten dort unverzichtbar.

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25. Januar 2018, 12:00 Uhr

Die Urologie der Rostocker Universitätsmedizin setzt als erste Krankenhausabteilung in Mecklenburg-Vorpommern einen OP-Roboter ein. Das Da-Vinci-Operationssystem kommt dort seit kurzem bei der Entfernung der Prostata und bei Nierentumoren zum Einsatz. Die kurze Meldung darüber, die wir Ende November veröffentlichten, machte neugierig. Wir haben uns deshalb bei Prof. Dr. Oliver Hakenberg, dem Direktor der Klinik für Urologie, angemeldet, um bei einer Roboter-OP dabeizusein.

Es ist kurz nach 9 Uhr, als der bereits narkotisierte Patient aus dem Vorbereitungsraum in den OP-Saal gebracht wird. Privatdozent Dr. Atiqullah Aziz, der an diesem Tag Prof. Hakenberg assistieren wird, bereitet den Patienten zusammen mit der Anästhesistin und zwei Schwestern auf den bevorstehenden Eingriff vor. Behutsam wird der Mann, dem die Prostata entfernt werden soll, auf den OP-Tisch gebettet und dort fixiert. „Das ist wichtig, weil wir später seinen Kopf leicht absenken werden“, so Dr. Aziz. Durch diese Lagerung rutschen die inneren Organe in Richtung Kopf, die am Beckenboden anhaftende Prostata wird so leichter zugänglich, erläutert der Oberarzt. Während die Schwestern den Bauch des Patienten rasieren und anschließend desinfizieren, steht der Operationsroboter noch in einer Ecke des Raumes. Er ist komplett in eine durchsichtige, sterile Folie gehüllt, die auch während des Eingriffs nicht entfernt wird.

Gut eine dreiviertel Stunde dauern die vorbereitenden Arbeiten, die sich nicht von denen bei einer offenen OP unterscheiden. Dann stößt auch der Operateur zum Team. Erst jetzt wird der Roboter an den Tisch gerollt. Zusammen mit Dr. Aziz legt Prof. Hakenberg an sechs Stellen Zugänge in den zuvor prall aufgeblasenen Bauch des Patienten. Durch die Trokare, die jeweils wie ein angespitztes Rohr aussehen, werden dann Kamera, Lichtquelle und die benötigten chirurgischen Instrumente in den Bauch eingeführt.

Zwei auswechselbare Spezialinstrumente und die Kamera sind dabei an je einem Roboterarm befestigt. Nur die Lichtquelle und den Sauger oder nach Bedarf auch ein anderes Instrument führt Dr. Aziz per Hand. Er erklärt den Unterschied zwischen einer herkömmlichen Schlüsselloch-Operation und einer roboterunterstützten: „Bei der ,normalen‘ laparoskopischen OP sind die Instrumente starr. Bei der Roboter-OP ist die Beweglichkeit der Instrumente viel größer, denn die Roboterarme vollziehen nicht nur alle Bewegungen des Armes und der Hand nach, sie haben sogar einen noch größeren Bewegungsradius.“

Prof. Hakenberg hat sich unterdessen vom OP-Tisch abgewandt. In einer Ecke des Raumes setzt er sich an die Steuereinheit des Roboters – mit dem Rücken zum Rest des Teams und auch zum Patienten. Vorher hat er sich die Schuhe ausgezogen, denn der Roboter wird auch mit den Füßen gelenkt. Tritt der Operateur auf die entsprechenden Pedale, schneiden oder veröden die Instrumente im Körper des Patienten: das mit der linken Hand bediente durch Befehle vom linken Fuß, das mit der rechten Hand gesteuerte durch die Pedale rechts. Mit einem weiteren Pedal wird die Kamera bedient, Prof. Hakenberg kann sich ihre Bilder so bis auf das Zwanzigfache vergrößern. Dabei zeigt ihm der Monitor der Steuereinheit, anders als der über dem Operationstisch befestigte, ein dreidimensionales Bild aus dem Körperinneren. Selbst feine Strukturen wie Nerven oder winzige Gefäße sind darauf gut zu erkennen.

Hakenbergs Hände umschließen zwei Joysticks. Mit ihnen bewegt er die Instrumente im Körper des Patienten. Sie bahnen sich vorsichtig ihren Weg, greifen, drehen, schieben, lösen den Darm von der Bauchwand, stillen kleinere Blutungen. Immer wieder wird störendes Fettgewebe aus dem Weg geräumt.

Er hat, so erzählt der Professor, viel geübt, bis er es dabei zu seiner jetzigen Fingerfertigkeit gebracht hat. „Ich gehöre ja nicht zu der Generation, die mit Konsolenspielen aufgewachsen ist“, meint er. Der Hersteller schreibe generell zuerst einmal ein 40-stündiges „Trockentraining“ vor, bei dem zum Beispiel mit einem Greifer Ringe über eine Stange geschoben werden müssen. Später habe er dann in anderen Kliniken hospitiert, die bereits mit dem Roboter operieren, so Hakenberg. „Denn auch wenn das hier für uns in Rostock Neuland ist, anderswo wird das System bereits seit Jahren eingesetzt.“

Während der OP ist es sehr still. Nur gelegentlich gibt der Operateur seinem Assistenten knappe Anweisungen. Mal muss der die Lage eines Trokars verändern, mal Blut absaugen. Dann wieder soll er die Kamera oder ein Instrument herausziehen, das eine der beiden OP-Schwestern schnell säubert. Bei stärkeren Blutungen lässt Prof. Hakenberg Dr. Aziz die Wunden mit Clips unterschiedlicher Größen wieder verschließen.

Aus der Ferne betrachtet wirkt die Szenerie unwirklich. Die Roboterarme scheinen sich wie von Geisterhand gesteuert im Körper des Patienten auf und ab, vor und zurück zu bewegen. Die hellen Strahler über dem OP-Tisch, die man für eine konventionelle OP braucht, sind ausgeschaltet. Weil nur wenig Tageslicht durch die Fenster fällt, verbreiten vor allem die Monitore und kleine blaue Lämpchen an den Roboterarmen Helligkeit.

Nach knapp zwei Stunden ist endlich die Prostata in Sicht. Es dauert noch beinahe eine weitere Stunde, bis sie entfernt und geborgen ist. Das ist, so gesteht der Professor, derzeit noch länger, als eine konventionelle Operation dauert. „Aber mit zunehmender Routine werden wir sicher bald auch schneller sein“, ist er überzeugt.

Für Patienten, so erklärt Prof. Hakenberg, ist der robotergestützte Eingriff in jedem Fall sehr viel schonender als eine große Operation. „Sie sind schneller wieder fit, haben weniger Blutverlust und profitieren außerdem von einem kürzeren stationären Aufenthalt.“ Zudem bleiben kleinere Narben zurück, sodass sich auch das Risiko für Wundheilungsstörungen deutlich verringert.

Allerdings ist nicht jeder dafür geeignet, mit dem Roboter operiert zu werden. Wer bereits eine große Narbe nach einer offenen Bauch-OP hat, kommt dafür ebenso wenig in Frage wie Menschen mit schweren Herzfehlern.

Doch dieser Personenkreis ist vergleichsweise klein. Prof. Hakenberg ist überzeugt: „Roboterunterstützte Operationen sind die Zukunft.“ Schon bald sollen deshalb auch in Rostock weitere Operateure im Umgang mit dem modernen Helfer ausgebildet werden. Dafür hat die Unimedizin extra eine Doppel-Steuerkonsole angeschafft. Schon in diesem Jahr sollen Hakenberg zufolge 100 Operationen mit Unterstützung des Roboters erfolgen.

Stichwort Roboter-assistierte Technik

Es ist präziser, beweglicher und ruhiger als die menschliche Hand - hinter dem Da-Vinci-Operationssystem steckt modernste roboter-assistierte Medizintechnologie. Entwickelt wurde das Chirurgiesystem von der US-Armee. Damit sollten ursprünglich ferngesteuerte Operationen in Krisengebieten unternommen werden. Über größere Distanzen war die Echtzeitkontrolle allerdings nicht zuverlässig möglich. In der operativen Medizin hat sich die roboter-assistierte Technik trotzdem bewährt.
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