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Krankenhäuser in MV : Operieren ohne Hardrock

vom
Aus der Onlineredaktion

Praxistest für „Greys Anatomy“ und die Sachsenklinik: So sieht der Alltag im OP tatsächlich aus

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Es ist warm. Sehr warm. Das mag an der ungewohnten Haube liegen, unter der alle Haare verschwinden müssen. Oder am Mundschutz, der das Atmen erschwert. Ganz sicher liegt es auch an den gleißenden Scheinwerfern.

„Schweiß“ würde der operierende Arzt in der Fernsehserie jetzt sagen, und eine Schwester würde ihm vorsichtig die Stirn abtupfen. Aber im wahren Leben? Von den Profis im OP-Saal 9 der Schweriner Helios Kliniken lässt es sich zumindest keiner anmerken, wenn ihm warm sein sollte. Vielleicht, weil der Eingriff noch gar nicht begonnen hat? Oder weil sich alle vorher im kühlen Vorraum minutenlang die Hände gewaschen und desinfiziert haben – so, wie das auch in Krankenhausserien im Fernsehen der Fall ist?

Dass Händehygiene einen so hohen Stellenwert genießt, geht auf den ungarischen Gynäkologen Ignaz Semmelweis zurück, erklärt Assistenzärztin Dr. Ingrid Schnell, während sie sich selbst mehrmals Hände und Arme bis zu den Ellenbogen hinauf einseift. Semmelweis war während seiner Assistenzzeit an einer Wiener Klinik für Geburtshilfe aufgefallen, dass viele Gebärende starben, die von Ärzten oder Studenten versorgt wurden, es aber kaum Todesfälle gab, wo Hebammen die Betreuung übernahmen. Auch den Grund dafür fand er heraus: Die Mediziner hatten vor dem Gang in den Kreißsaal Verstorbene obduziert – und sich danach nicht die Hände gewaschen.

Dr. Ingrid Schnell weiß das alles auch deshalb so genau, weil sie selbst in Wien Medizin studiert hat. Inzwischen absolviert sie an den Schweriner Helios Kliniken das fünfte Jahr ihrer Facharztausbildung zur Chirurgin – und assistiert heute dem Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Prof. Jörg-Peter Ritz.

„Der Assistent hat die Aufgabe, alles vorzubereiten, bis der Operateur kommt“, erklärt sie, während sie mit den beiden OP-Schwestern Anna Szaniawska-Kapolka und Kerstin Cziehso die Scheinwerfer über dem OP-Tisch einrichtet und dann damit beginnt, den Patienten mit sterilen grünen Tüchern abzudecken und Bauch und Brust, die frei bleiben, zu desinfizieren. Der 28-jährige Patient bekommt von alldem nichts mit. Er ist unter der Obhut von Anästhesie-Fachärztin Maria Lazar schon im Vorbereitungsraum eingeschlafen.

Der junge Mann leidet an Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Sie hat dazu geführt, dass sich die Wand des Dünndarms stellenweise so verdickt hat, dass der Nahrungsbrei kaum noch passieren kann. Ein besonders betroffener Darmabschnitt soll deshalb heute entfernt werden – minimal-invasiv, also ohne großen Körperschnitt. Schlüsselloch-Chirurgie wird das Verfahren auch vereinfachend genannt.

„In der Bauchchirurgie werden inzwischen 60 bis 70 Prozent aller Operationen minimal-invasiv durchgeführt“, erklärt Prof. Ritz. Gallen-OPs erfolgen sogar zu 90 Prozent „durchs Schlüsselloch“. Solch ein Eingriff sei für den Patienten sehr viel schonender als eine konventionelle Operation, erläutert der Chirurg.

Dann setzt die normale OP-Routine ein: Bevor der erste Schnitt gesetzt wird, zählt der Operateur laut die wichtigsten Angaben über den Patienten und den vorgesehenen Eingriff auf. Eine Schwester protokolliert alles – „Qualitätssicherung“, erklärt Prof. Ritz knapp.

Seine Assistentin bereitet inzwischen alles für die Laparoskopie, die Bauchspiegelung, vor. Durch einen von drei kleinen Schnitten wird zunächst über ein dünnes Rohr Kohlendioxid in den Bauch des Patienten geleitet. Das Gas bläst den Bauch auf, trennt die sonst eng aufeinander liegenden Organe voneinander. Anschließend werden durch die nur gut einen Zentimeter langen Schnitte dünne Rohre mit einer Kamera und einem Greif- und Schneidinstrument in den Bauchraum eingeführt. Dann erlischt das Licht, und auf einem Monitor werden die Bilder aus dem Körperinneren für die Operateure sichtbar. Sie schauen nach vorn auf den Bildschirm und nicht auf ihre Hände – „das ist eine reine Übungssache“, meint Dr. Schnell, die wie andere junge Mediziner in der Klinik zum Trainieren einen Simulator nutzen kann.

Prof. Ritz trennt vorsichtig den Dünndarm von den benachbarten Organen und untersucht ihn dabei bereits auf Veränderungen hin. Nach etwa einer Viertelstunde werden dann die Instrumente entfernt, die Scheinwerfer wieder angeschaltet und zwei Schnitte von Dr. Schnell mit wenigen Stichen zugenäht. Den dritten, der nun zum Bergeschnitt wird, erweitert sie auf vielleicht sechs, sieben Zentimeter und deckt dann seine Ränder mit einer Folie ab.

Was jetzt passiert, zeigt keine Fernsehserie. Prof. Ritz greift mit der behandschuhten Rechten in den Bauch des Patienten und holt nach und nach den gesamten Dünndarm heraus. Dann vermisst er ihn und stellt vorsichtig tastend fest, wo die Krankheit die Darmwand besonders verändert hat: „4,20 Meter gesund, Befall, 4,50 bis 4,60 Meter Crohn, 6,10 Meter, 6,20 Meter, 6,50 Meter bis 6,80 Meter…“

Schwester Kerstin schreibt mit. Schwester Anna ordnet derweil am Fußende des Patienten die Instrumente, die gleich benötigt werden. Prof. Ritz erläutert seiner Assistentin, welche Darmabschnitte er ganz entfernen will und wo er nur durch einen Längsschnitt, der anschließend wieder quer vernäht wird, für eine bessere Durchlässigkeit sorgen will. „Die Maxime ist, so viel Darm wie möglich zu erhalten“, erklärt er. „Denn die Krankheit ist nicht heilbar, mindestens die Hälfte der Crohn-Patienten muss im Laufe ihres Lebens noch einmal operiert werden. Deswegen müssen wir so viel gesunden Darm erhalten wie möglich.“

Weil mehrere Darmabschnitte befallen sind und so der Eingriff voraussichtlich länger als geplant dauern wird, füllt die Anästhesistin Narkose- und Schmerzmittel nach. Auf den Monitoren flimmern unverändert die Werte für Blutdruck, Puls, Sauerstoffsättigung…

Dann wird abgebunden, geschnitten, genäht – fast wortlos. Schwester Anna reicht den Ärzten die meisten Instrumente zu, bevor sie sie dazu auffordern. „Ein eingespieltes Team mit erfahrenen Schwestern ist sehr viel wert“, lobt der Chefarzt. Musik wird – anders als in vielen Filmen – bei ihm im OP nicht gespielt. „Ich würde sie auch gar nicht hören“, meint er, „dazu bin ich viel zu sehr auf die OP fokussiert.“ Er hätte aber an einer anderen Klinik einen Kollegen gehabt, der bei Hardrock-Klängen operiert hätte. Und die Schwestern wissen, dass auch in Schwerin mancher Chirurg im OP Musik spielen lässt.

Die Unterhaltung überdeckt ein zischendes Geräusch. Es hat denselben Ursprung wie ein nicht wirklich angenehmer Geruch nach verbranntem Fleisch: Prof. Ritz arbeitet jetzt mit einem Elektroskalpell. Es schneidet nicht nur sehr präzise, sondern stillt durch Wärme gleichzeitig Blutungen an den Schnittstellen.

Nach knapp zwei Stunden neigt sich die Operation dem Ende zu. Anästhesistin Maria Lazar verlässt den Saal, um den nächsten Patienten vorzubereiten. Ein Kollege übernimmt derweil die Überwachung in Saal 9. Schwester Kerstin verstaut die drei herausgetrennten Darmabschnitte, der längste misst gute 30 Zentimeter, in Plastikgefäßen für die Pathologie. „Alles, was wir herausschneiden, wird dort untersucht“, erläutert Prof. Ritz. Er wechselt, ebenso wie seine Assistentin, noch einmal die Handschuhe. „Vor dem Zunähen und bei längeren Operationen auch schon früher ist das Standard“, erklärt Dr. Schnell. Während sie die letzten Stiche setzt, beginnen die Schwestern bereits die Instrumente zu zählen – damit nicht irgendetwas mit im Bauch eingenäht wird – und aufzuräumen. Für eine knappe halbe Stunde, in der der OP gereinigt wird, können sie Pause machen. Dann beginnt in Saal 9 die nächste Operation.

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