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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 08:35 Uhr

Operation am lebenden Objekt

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erstellt am 01.Mär.2012 | 09:11 Uhr

Schwerin | Regierungsvertreter und Abgeordnete sitzen sich konfrontativ gegenüber und Besucher werden in die letzte Reihe verbannt - der jetzige Plenarsaal im Schweriner Schloss entspricht nicht dem Selbstverständnis eines demokratischen Plenums. Das war der erste Eindruck, den Architekt Tilman Joos vom aktuellen Sitz des Landtages hatte. Das Büro "Dannheimer & Joos Architekten" aus München hat den Wettbewerb zur Neugestaltung des Plenarsaals deshalb mit einem klaren Ziel gewonnen: "Wir möchten ein modernes Verständnis von Demokratie mit dem historischen Bau verbinden", sagt Joos.

Ein ehrgeiziges Projekt. Denn die Pläne für die Bauarbeiten waren anfangs mit vielen Unbekannten gespickt - und sind es teilweise immer noch. Der neue kreisrunde Plenarsaal mit nahe am Geschehen platzierter Zuschauergalerie und besserer Akustik soll im jetzigen Festsaal entstehen. "Unser Entwurf greift mit der Anordnung des Plenums im Kreis das Bild des demokratischen Dialogs auf", erläutert der Architekt. Aus dem alten Plenarsaal soll ein flexibel nutzbarer Konferenz- und Pressebereich werden. Bei den Voruntersuchungen hat sich allerdings herausgestellt, dass im sogenannten Schlossgartenflügel ein umfassender Sanierungsbedarf besteht.

Hintergrund: Der jetzige Festsaal ist Teil des ehemaligen Goldenen Saales, der sich bis in das heutige sechste Obergeschoss über dem Festsaal erstreckte. Der Goldene Saal wurde beim Schlossbrand 1913 zerstört. Danach wurden der Burgsee- und der Schlossgartenflügel in den vergangenen 100 Jahren mehrfach umgestaltet, wie das Büro Dannheimer & Joos bei seiner Recherche herausgefunden hat. Der Tragwerksplaner stellte außerdem fest, dass die vorhandenen Decken teilweise nicht oder nur bedingt tragfähig sind. An einer statischen Sicherung führt kein Weg vorbei. Die Abgeordnetenbüros im sechsten Obergeschoss sind deshalb schon leer gezogen. Im Deckenbereich des Schlosscafés muss außerdem beim Brandschutz nachgebessert werden. "Hier ist niemandem ein Vorwurf zu machen", betont Joos. Wenn man die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände zur jeweiligen Errichtungszeit berücksichtige, seien die damaligen Bauausführungen nachvollziehbar.

Landtagsdirektor Armin Tebben war selbst von den Recherche-Ergebnissen des Architekturbüros überrascht: "Gründung, Dächer, Fassaden - dass da viel getan werden musste, war klar. Aber mit einem maroden Zustand im Inneren hatten wir so nicht gerechnet." In der nächsten Zeit gehe es darum, weitere Erkenntnisse zu folgenden Fragen zu sammeln: Gibt es weitere Risiken, die beseitigt werden müssen? Und welche Fragmente fördern die Bauarbeiten unter denkmalpflegerischen Aspekten zutage? Joos rechnet beispielsweise mit historischen Wandgestaltungen im Lobbybereich, die dann sichtbar bleiben sollen.

"Ich bin gespannt, wie viel historische Substanz noch vorhanden ist", sagt Tebben. Der Vorfreude über mögliche Entdeckungen steht dabei die Kostenfrage gegenüber. Bauherr ist der Landtag selbst und nicht - wie bei anderen Arbeiten am Schloss - der Betrieb für Bau und Liegenschaften MV. Ein solches Vorgehen sei bei vielen anderen Parlamentsbauten üblich, sagt Tebben. Er hält es für richtig, dass der Landtag selbst die Verantwortung für seinen künftigen Plenarsaal übernimmt. Für die Kostenrisiken sei ein finanzielles Polster eingeplant worden.

Bislang sind rund 26 Millionen Euro veranschlagt, die sich wie folgt zusammensetzen: Die Beseitigung der Spätfolgen des Schlossbrandes und die Sanierung des Schlossgartenflügels werden etwa zehn Millionen Euro kosten. Rund sieben Millionen Euro sind für den neuen Plenarsaal vorgesehen. Sonstige Infrastrukturarbeiten wie der Umbau des jetzigen Plenarsaales zu Konferenzräumen werden mit vier Millionen Euro beziffert. Genaue Summe: 21,7 Millionen Euro. 4,3 Millionen Euro sind als Puffer gedacht, falls weitere Untersuchungen auch einen weiteren Sanierungsbedarf aufzeigen. Entstehende Mehrkosten sollen außerdem durch ein Verschieben anderer Baumaßnahmen am Schloss aufgefangen werden.

Die Sorgen einiger Abgeordneter, dass auch die 26 Millionen Euro nicht reichen werden, teilt Tebben nicht. "Wir haben alles Erdenkliche getan. Ich bin deshalb optimistisch und gehe davon aus, dass wir die Summe nicht über-, sondern eher unterschreiten werden." Keinesfalls sei eine Kostenexplosion wie beispielsweise bei der Elbphilharmonie in Hamburg zu erwarten.

Die ersten Arbeiten am Festsaal sowie weitere Untersuchungen sollen im Sommer beginnen. 2013 sind dann die schweren Abrissarbeiten geplant. Die Gesamtmaßnahme werde voraussichtlich nicht vor 2016 abgeschlossen sein, so Tebben.

Da bestimmte Bereiche zeitweise gesperrt werden müssen, seien Einschränkungen für Landtag, Museum und Gastronomie nicht zu vermeiden. Sie sollen aber möglichst begrenzt werden, betont der Landtagsdirektor. So werde diskutiert, ob nach der Sperrung des Festsaals der jetzige Plenarsaal stärker für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden könne. In der Phase, in der sowohl der alte, als auch der künftige Plenarsaal von den Bauarbeiten betroffen sind, käme auch eine längere Sommerpause des Parlaments infrage. Bei den Abgeordnetenbüros müsse vor allem die Linksfraktion mit Einschränkungen rechnen. Museum und Gastronomie sollen nach bisherigen Plänen geöffnet bleiben. Zugänge müssen aber voraussichtlich zeitweise verändert werden.

"Wir werden das gesamte Bauvorhaben transparent halten und über neue Erkenntnisse und Planungen informieren", verspricht Tebben. Den Auftakt dazu bildete gestern das 14. Schweriner Schlossgespräch, bei dem Tilman Joos über die Folgen des Schlossbrandes referierte. Weitere Veranstaltungen sollen folgen.

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