Enkel-Trick : „Opa – rate mal, wer hier ist“

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Warum funktioniert der Enkel-Trick schon seit 15 Jahren? Seniorenberater haben Betrügern Kampf angesagt

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11. August 2015, 12:00 Uhr

Ein schwer erklärbares Phänomen: Vor 15 Jahren warnten die Landeskriminalämter zum ersten Mal vor dem Enkel-Trick. Immer wieder wurde seitdem in den Medien über die perfide Betrugsmasche berichtet – doch der Trick funktioniert bis heute.

Erst vor drei Wochen erbeuteten Betrüger bei einem 89 Jahre alten Schweriner die Summe von 46400 Euro. „Opa – rate mal, wer hier ist“, hatte sich eine Frauenstimme am Telefon gemeldet. Der Mann nannte den Namen seiner Enkelin und ein verhängnisvolles Gespräch entwickelte sich. Schließlich bat die vermeintliche Enkelin um Geld für den Kauf einer Wohnung ganz in der Nähe. Der Mann sagte seine Hilfe zu. Wie anschließend verabredet, kam eine angebliche Bekannte der falschen Enkelin zur Wohnung des alten Herrn und nahm dankend die 46  400 Euro mit.

„Der Klassiker“, sagt Bernd Fritsch, pensionierter Polizist und Seniorensicherheitsberater. 43 Jahre war er im Polizeidienst, zuletzt in der Präventionsarbeit. Dem 63-Jährigen fallen eine Reihe von Gründen ein, warum der Enkel-Trick immer wieder und wieder funktioniert: „Die Älteren wollen höflich und hilfsbereit sein, sie legen eben nicht gleich den Hörer auf, sondern lassen sich auf ein Gespräch ein.“ Hinzu komme eine im Alter weit verbreitete Vereinsamung. Für viele Rentner sei die Freude deshalb riesengroß, wenn ein Enkel nach Jahren anruft und die Älteren um Hilfe bittet. „Dann setzt mitunter der gesunde Menschenverstand einfach aus“, so Fritsch.

Auf der anderen Seite der Leitung sitzen rhetorisch hoch begabte Profis. Mit Fragen wie „Was, kennst Du mich nicht mehr?“ bringen sie ihre möglicherweise schon etwas gedächtnisschwachen Opfer in die Defensive. Wundern sich die Senioren über stimmliche Unterschiede zu den tatsächlichen Enkeln, dann werden die Zweifel schnell weggehustet: „Entschuldigung, bin leider total erkältet.“

Die Tricks der Betrüger:

Der falsche Paketdienst

In  Schwerin trieben Ende vergangenen Jahres falsche Postboten ihr Unwesen. In mindestens drei Fällen hatten die Gauner Pakete bei kleineren Unternehmen abgegeben, die die Empfänger angeblich per Nachnahme bestellt haben sollen. Ahnungslose Mitarbeiter nahmen die Pakete an und legten in allen Fällen die geforderten 61,48 Euro für den Chef aus. Später stellte sich heraus, dass die Pakete nie bestellt wurden. „Inhalt waren diverse kostenlose Flyer“, sagte eine Schweriner  Polizeisprecherin. Die Polizei geht davon aus, dass die Täter weiter mit dem Trick unterwegs sind.

Der große Gewinn

Einer 63-jährigen Frau  aus dem Landkreis Mecklenburger Seenplatte entstanden vor zwei  Woche   durch Betrug über 10000 Euro Schaden. Der Anrufer gab sich als Mitarbeiter einer Behörde aus und erklärte, gegen sie gäbe es offene Forderungen aus einem länger zurückliegenden Gewinnspiel.

Er konnte ihr über zwei Tage hinweg glaubhaft versichern, dass ihr bei Zahlung einer Kaution ein fünfstelliger Gewinn ausgeschüttet würde. Trotz ihrer Vorsicht war es dem oder den Tätern möglich, die Zahlungen an ein ausländisches Konto zu veranlassen.

Der „Schockanruf“

Bisher Unbekannte versuchten im Juni dieses Jahres  aus Russland stammende Frauen in Ratzeburg mit „Schockanrufen“ um ihr Geld zu bringen. So rief eine unbekannte Frau bei einer 63- jährigen Ratzeburgerin  an und teilte ihr mit, dass ihre Tochter angeblich einen Unfall gehabt hätte. Die unbekannte Frau sprach Russisch. Anschließend reichte die Unbekannte den Telefonhörer an einen Mann weiter, der für die Operation ihrer Tochter 30000 Euro forderte. Die 63- jährige legte auf. Sie rief ihre Tochter an. Die Tochter war wohlauf. Anschließend informierte sie die Polizei.

Der falsche BKA-Beamte

In Schwerin  befragte im August 2014 ein  angeblicher BKA-Beamter eine Seniorin zu einem Gewinnspiel, an dem sie teilgenommen hatte. Er behauptete, die Gewinnspielfirma sei wegen Betrugs unter Beobachtung der Polizei und diese bräuchte  jetzt die Hilfe der Frau. Dazu solle sie zum Schein auf Geldforderungen der Spielfirma eingehen. Das Geld bekomme sie später von der Polizei zurück. Wenig später meldete sich die Gewinnspielfirma bei der älteren Dame und forderte, sie solle  1300 Euro bei einer Bank in Wismar einzahlen. Die  Taxi-Fahrerin schöpfte Verdacht und warnte die Dame.

Der falsche Schornsteinfeger

In der Region Parchim haben  im November 2014 drei Männer an Haustüren geklingelt und sich in Wessin, Lutheran und Venzkow als Schornsteinfeger ausgegeben. Unter dem Vorwand, sie sollen die Heizwerte kontrollieren, wollten sich die Männer Zugang zu den Wohnungen verschaffen. Zuvor waren sie   mit dem Trick in Nordwestmecklenburg in Kasendorf und Hindenberg erfolgreich. Für fünf Minuten Aufwand forderten sie anschließend einen Arbeitslohn von 50 Euro ein. Bei einer 93-jährigen Rentnerin stahlen sie außerdem 200 Euro.

Auch das Bundeskriminalamt (BKA) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Enkel-Trick. Nach Erkenntnissen der Behörde sitzen die Täter zumeist in osteuropäischen Ländern. Vor ihren Anrufen gehen sie dicke deutsche Telefonbücher auf der Suche nach alt klingenden Vornamen durch. Dann arbeiten sie ihre Liste ab. Sie sprechen akzentfrei deutsch, weil sie zumeist Jahre im Bundesgebiet gelebt haben. In Schwerin meldeten sich Ende Mai dieses Jahres an nur einem Tag 16 Senioren bei der Polizei, die Anrufe von Enkel-Trick-Betrügern bekommen hatten. „In wenigen Fällen wurde leider Auskunft über das vorhandene Bargeldvermögen erteilt“, sagte Steffen Salow, Sprecher der Schweriner Polizei. Glücklicherweise kam es es an diesem Tag aber in keinem Fall zu einer Geldübergabe.

Das Abholen der Beute besorgen in der Regel Komplizen vor Ort. Das sind die, die die Polizei bei einem Fahndungserfolg zu fassen bekommt. Die Hintermänner bleiben meistens im Dunkeln.

Das Landeskriminalamt (LKA) in Mecklenburg-Vorpommern beobachtet seit Jahresbeginn landesweit einen leichten Anstieg der Fallzahlen. „Wir hatten seit Jahresbeginn etwas mehr als 100 versuchte und durchgeführte Enkel-Trick–Betrügereien“, sagte LKA-Sprecherin Synke Kern. Im vergangenen Jahr waren es im Gegensatz dazu insgesamt etwas weniger als 200 angezeigte Delikte. Der Gesamtschaden beträgt mehr als 300  000 Euro. Die Dunkelziffern sind erheblich höher. „Längst nicht jeder Versuch wird der Polizei gemeldet“, berichtet Bernd Fritsch. Sogar betrogene Senioren würden auf eine Anzeige verzichten – aus Scham, weil sie Betrügern auf den Leim gegangen sind.

Neben der Fahndung nach den Tätern setzt die Polizei vor allem auf Aufklärung unter älteren Menschen. Seit Januar 2014 sind dafür Seniorensicherheitsberater im Einsatz. „Ich möchte auch nach 43 Dienstjahren bei der Polizei einen Beitrag leisten, wenn es um den Schutz vor Kriminalität geht“, sagt Bernd Fritsch.

Die pensionierten Polizisten klärten allein im vergangenen Jahr mehr als 700 ältere Menschen bei 18 Veranstaltungen über Betrugsmaschen und Möglichkeiten auf, sich vor Dieben und Einbrechern zu schützen. Im ersten Halbjahr 2015 legten sie mit 40 Veranstaltungen und mehr als 1200 Teilnehmern noch einmal deutlich zu. „Das Interesse ist groß und die Resonanz gut“, sagt Seniorenberater Bernd Fritsch. Doch der Kampf gegen den Enkel-Trick wird wohl noch Jahre dauern.

Tipps der Polizei: So können Sie sich schützen

• Seien Sie misstrauisch, wenn sich jemand am Telefon nicht selbst mit Namen vorstellt.

• Legen Sie einfach den Telefonhörer auf, sobald Ihr Gesprächspartner Geld von Ihnen fordert.

• Vergewissern Sie sich, ob der Anrufer wirklich ein Verwandter ist: Rufen Sie die jeweilige Person unter der bisher bekannten und benutzten Nummer an und lassen Sie sich den Sachverhalt bestätigen.

• Geben Sie keine Details zu Ihren familiären oder finanziellen Verhältnissen preis.

• Übergeben Sie niemals Geld an unbekannte Personen. Informieren Sie sofort die Polizei über die Notrufnummer 110, wenn Ihnen ein Anruf verdächtig vorkommt.

• Wenn Sie Opfer geworden sind: Wenden Sie sich an  die Polizei und erstatten Sie Anzeige.

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