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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 20:27 Uhr

Theater : Old William gerockt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Romeo und Julia“ nach Shakespeare feierte im Innenhof des Schweriner Doms Premiere

„Was mach ich hier eigentlich?“, fragt sich Escalus, der Prinz von Verona, der Frieden stiften müsste in seiner beunruhigten Stadt. Er bekennt: „Ich kann es nicht“, und zieht sich wohl deshalb aus bis auf die Haut. Riskante Einlage in Christoph Bornmüllers Inszenierung von „Romeo und Julia“ im Innenhof des Schweriner Doms, denn der Zuschauer kann sich fragen: Was sehe ich hier eigentlich?

Aus Angst, kein Aufsehen zu erregen, traut kaum noch ein Regisseur dem Publikum zu, in einem alten Stück ein Bei-Spiel für die Gegenwart zu entdecken. Alles auf heute! So spielt Shakespeares Tragödie auf einer Baustelle. Das liegt obenhin nahe, weil Liebe selbst eine Baustelle ist, kompliziert wie die der Elbphilharmonie, und nur wenn die Partner Glück haben, dauert die Beziehung auch so lange. „Liebe wagt, was Liebe irgend kann“, denkt Romeo, doch er und Julia haben kein Glück. Sie werden Opfer eines Baustellenunglücks. Das geht aus von der Hilfskonstruktion des Bruders Lorenzo, der infolge seiner Ohn-Macht als Gebildeter eine List benötigt für das Paar, die unsicher ist. Sein aufklärender Brief bleibt aus, was Irrtum und Freitod zur Folge hat. Doch der Tod der Liebenden wird zum Quell ihrer Unsterblichkeit. So bei Shakespeare.

Hier, „nach Shakespeare“, geht es anders zu. Nur das Domgemäuer lässt an Überlieferung denken, davor tanzt und tobt die Comedy. Zum Auftakt schießt Tybalt ein tänzelndes Paar nieder. Graf Paris als Witzfigur mit Fahrrad. Wie ein Proll verflucht Graf Capulet die eigenwillige Tochter. Tödlich verwundet, spaßt Mercutio: „Ich bin ein armes Würstchen“ und verlangt nach Ketchup zum Bekleckern. Die Toten Mercutio und Tybalt wedeln in der Gruft als Cheerleader. Wie überwiegend, von Stephanie Dorn puppig kostümiert, mehr gekaspert wird als gestaltet. Ohne Notwendigkeit hat Julia eine Kletternummer. Hauptsache Effekte noch und nöcher. Vielerlei Spott. Der zündet, wenn Sonja Isemer und Christoph Götz als Mercutio und Benvolio im Interludium lästernd aus dem Spiel steigen. Und im besten Falle Ironie, wie sie im vielsagenden Lachen und Mienenspiel von Brigitte Peters als Amme aufscheint.

Das Soziale, das Shakespeares Geschichte grundiert, wird begraben unter aufgesetzter Komik. Wie forderte Hamlet? „Mehr Inhalt, weniger Kunst!“ Hier rumort, von lodernder Phantasie inszeniert und vom Ensemble hitzig bewegt, Shakespeare-Material-Mingle-Mangle für die Disco-Szene. Old William light und gerockt. Pulsiert von John R. Carlsons Rhythmen, die manchmal den Text zudröhnen. Daneben zarte Klänge für das Titelpaar, das mit ein paar innigen Momenten die Shakespeare-Romantiker tröstet. Die Julia von Caroline Wybranietz hat die Energie des Mädchens, das seine freie Liebeswahl durchsetzt. Simon Jensens Romeo ist ein Feuerkopf, der sich in dieses Abenteuer stürzt.

„Und alles wandelt sich ins Gegenteil“, bemerkt Capulet. Ziemlich recht hat er. Aber sei’s drum! Poptheater muss auch mal sein. „So wilde Freude nimmt ein wildes Ende.“ Ein Requiem mit Krächzen, und vom Dach ruft Benvolio: „Niemand starb so schön wie Romeo und Julia“. Recht hat er nicht.



Termine:

23. und 24. Mai,

6., 7., 8., 22., 23. Juni,

jeweils 20.30 Uhr.

Karten: (0385) 5300123;

kasse@theater-schwerin.de


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