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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 06:53 Uhr

Verkehr : Ohne Schranke in den Tod

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ungesicherte Bahnübergänge werden immer wieder Schauplatz tragischer Unfälle. Die Bahn gibt den Autofahrern die Schuld.

von
erstellt am 28.Mai.2015 | 06:00 Uhr

Der fünfjährige Matteo verliert bei einem tragischen Unfall sein Leben. Zwei Wochen ist das her. An einem unbeschrankten Bahnübergang bei Gardingen in Nordfriesland stößt das Auto, in dem sich Matteo zusammen mit seiner Mutter, seiner zweijährigen Schwester sowie seinen Großeltern befindet, mit einem Regionalzug zusammen. Matteo stirbt, sein Großvater wird mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, seine Mutter, Marzia Plichta, und seine Großmutter werden schwer verletzt. Nur seiner Schwester passiert wie durch ein Wunder nichts. Der Unfall hätte verhindert werden können, meint Marzia Plichta. Durch eine Schranke.

Fünf Schienenunfälle in zwei Wochen

Mit einer Online-Petition auf der Plattform www.change.org kämpft die Mutter nun für mehr Sicherheit an Bahnübergängen. Keine vier Tage nach dem Unfall, am 15. Mai, knallt es wieder. Diesmal in Friedrichsruhe bei Parchim. Ein siebenjähriger Junge wird lebensbedrohlich verletzt. Wieder war es ein Zusammenstoß zwischen einem Auto und einer Bahn. Wieder war es ein unbeschrankter Bahnübergang.

Gleiches Szenario am vergangenen Donnerstag, 21. Mai, in Aukrug-Bünzen: ein Auto, ein Zug, ein unbeschrankter Bahnübergang, ein Zusammenstoß. Die 28-jährige Pkw-Fahrerin bleibt wie durch ein Wunder unverletzt. Ein Tag später kollidieren ein Auto 120 Kilometer westlich von Wien mit einem Zug. Fünf Menschen sterben, darunter drei Kinder. Wieder war es ein unbeschrankter Bahnübergang. Schließlich wird am Montag ein 63-jähriger Mann bei Wesenberg nahe Röbel in seinem Pkw von einem Zug erfasst. Auch er stirbt. Auch hier gab es keine Schranke.

Allein 2012 wurden bundesweit 44 Menschen bei Unfällen an Gleisübergängen getötet (neue Zahlen liegen nicht vor), drei davon in Mecklenburg-Vorpommern. Immer wieder fordern Bürger daher bessere Sicherungsmaßnahmen an den Schienen.

„Ich fordere von der Deutschen Bahn, von Bundesverkehrsminister Dobrindt und Deutschlands Gemeinden, alle unbeschrankten Bahnübergänge schnellstmöglich zu beschranken, durch Ampeln erheblich verkehrssicherer zu machen oder zumindest Stop-Schilder aufzustellen – denn egal was es kostet, jedes weitere Menschenleben ist mehr wert“, schreibt Marzia Plichta in ihre Petition vor rund einer Woche. Über 20 000 Unterstützer haben bereits unterschrieben.

36 Prozent der Übergänge ungesichert

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es 651 Bahnübergänge, 36 Prozent davon sind unbeschrankt – „nichttechnisch gesichert“ nennt das die Deutsche Bahn AG. Bundesweit sind es sogar 40 Prozent. „Bei nichttechnisch gesicherten Bahnübergängen muss sich der Straßenverkehrsteilnehmer vor dem Überqueren des Bahnübergangs Übersicht über die Bahnstrecke verschaffen und gegebenenfalls auf hörbare Signale der Eisenbahnfahrzeuge achten“, teilt ein Sprecher der Bahn mit.

Ob ein Übergang technisch gesichert werden muss, ist in der Eisenbahn-Bau und Betriebsordnung (EBO) festgelegt. Demnach seien Schranken beispielsweise nicht notwendig an eingleisigen Nebenstrecken, die mit Geschwindigkeiten von maximal 80 Stundenkilometern befahren werden. „Eine generelle Ausstattung aller Bahnübergänge mit Schranken ist nicht sinnvoll“, heißt es von der Deutschen Bahn. Außerdem seien 90 Prozent der Unfälle an unbeschrankten Bahngleisen auf das Fehlverhalten der Fahrer zurückzuführen, nur etwa fünf Prozent gingen auf technisches oder menschliches Versagen seitens der Deutschen Bahn zurück.

ADAC fordert mehr Sicherheit an Schienen

Auch der Automobilclub ADAC fordert mehr Sicherheit an Schienen. „Spätestens da, wo mehr als 2500 Kfz den Bahnsteig passieren, sind neue Sicherungsmaßnahmen notwendig“, so ein Sprecher. Wenn beispielsweise viele Schulkinder den Übergang nutzen, müsse man schon früher eingreifen. Außerdem fordert der ADAC eine Abschaffung von den Blinklichtern an Schienen, da es hier durch Irritationen zu vermehrten Unfällen käme. Um auf die Schienen hinzuweisen, empfiehlt der Club hingegen Haltelinien, die optisch signalisieren: Hier ist der Weg unterbrochen.

Eine Beschrankung für alle Bahnübergänge hält der ADAC nicht realistisch. Mit der Initiative „Geblickt? Sicher drüber“ engagiert er sich gemeinsam mit der Deutschen Bahn, der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft und der Eisenbahn-Unfallkasse für mehr Sicherheit an Bahnübergängen. „Das heißt, an ein Andreaskreuz langsam heranfahren, links, rechts gucken, wie bei einer Ampel“, erklärt der Sprecher des ADACs. „Ein Zug braucht bei Tempo 100 gut einen Kilometer Bremsweg. Wenn ein paar 100 Tonnen auf einen zugerast kommen, helfen auch die besten Sicherungssysteme im Fahrzeug nichts.“

Eine gute Nachricht gibt es: Der siebenjährige Junge, der am 15. Mai in Friedrichsruhe bei dem Bahnunglück schwer verletzt wurde, befindet sich inzwischen außer Lebensgefahr, teilte die Bundespolizei mit. Die Ermittlungen über den genauen Unfallhergang dauern noch an.

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