Film-Profi aus MV : Ohne Moos nix los

Eine Elfe im Birkenkleid,  Fotos: Basthorster  Filmmanufaktur
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Eine Elfe im Birkenkleid, Fotos: Basthorster Filmmanufaktur

Warum der erfolgreichste Dokumentarfilmer Mecklenburg-Vorpommerns seinen neuen Kinofilm über den deutschen Wald nicht an der Müritz, sondern im Bayerischen Wald dreht

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10. Februar 2018, 16:00 Uhr

Schumann ist sauer. Richtig sauer. Aber auch froh. Freude und Ärger hängen mit seinem neuen Film zusammen – und mit dem Land, in dem Dieter Schumann, der erfolgreichste Dokumentarfilmer Mecklenburg-Vorpommerns, lebt.

„Peters Wald oder die Grotte der schlafenden Seelen“ heißt dieser neuer Film. Ein Kinofilm, ein Kinodokumentarfilm, ein Kinodokumentarfilm für Kinder.

Wald und schlafende Seelen – mit diesen Worten ließe sich spielen, um zu beschreiben, warum Schumann sich ärgert. Hinterwäldlerische Filmförderung. Verschlafene Chancen in einer modernen Medienlandschaft und so weiter. Doch in diesen Dschungel wollen wir später eindringen.

Wenden wir uns vorerst Peter zu. Er ist der Grund, warum Schumann sich freut. Denn nachdem der Bund gerade eine weitere Förderung in Höhe von 250 000 Euro zugesagt hat, steht fest: Peter kommt im Frühjahr des nächsten Jahres in die Kinos.

Peter ist der Held im neuen Film des Dokumentarfilm-Regisseurs Dieter Schumann, der in Basthorst bei Crivitz lebt und der mit Filmen wie „flüstern & SCHREIEN“ (1988), „Wadans Welt“ (2010) oder „Neben den Gleisen“ (2017) Erfolge an den Kinokassen hatte und auf internationalen Festivals gefeiert wurde und wird.

Peter verschwand vor 70 Jahren beim Versteckspiel im Bayerischen Wald. Eine wahre, traurige Geschichte. Peter wurde nie gefunden. Die Leute sagten, er sei in eine Felsspalte gestürzt, die dort Teufelsloch genannt wird. Der Volksmund spann diese Geschichte weiter. Peter wurde zu einer Legende, die im Dörfchen Waldhäuser noch heute jeder kennt. Bei seinem Sturz soll Peter, so erzählt man sich, vom Waldgeist aufgefangen worden sein. Der kannte den Jungen gut, weil Peter den Wald liebte und in ihm zu Hause war. In die Menschenwelt zurückschicken konnte der Geist den Jungen nicht, aber er verwandelte ihn in tausend Wassertropfen. In dieser Form konnte Peter weiter den Geheimnissen des Waldes nahe sein – im Bach mit den Forellen schwimmen oder mit dem Morgennebel über den Bergen schweben.

„Am Ende seiner Reise wird Peter in die Grotte der schlafenden Seelen fließen“, verrät Regisseur und Drehbuchautor Schumann. „Dort muss er warten. Erst wenn die Menschen, die kleinen und die großen, wieder in den Wald kommen und seine Wunder neu entdecken, also die schlafenden Seelen wecken, wird sich die Grotte öffnen und Peter darf zu den Menschen zurückkehren.“

Was so märchenhaft klingt, hat auch einen ökologisch-pä-dagogischen Hintergrund: „Kinder kennen den Wald heute doch nur noch aus Hochglanzfilmen, die Natur wird von ihnen virtuell wahrgenommen. Wenn sie dann selbst mal draußen unterwegs sind, empfinden sie sie oft als langweilig und damit auch als nicht schützenswert.“ Wenn der Film es schaffen könnte, dass Kinder ihre Eltern überreden, gemeinsam mit ihnen in den Wald zu gehen, ihm eines der vielen Geheimisse abzulauschen und so zu Peters Befreiung beizutragen, wären die Filmemacher glücklich.

Helden in diesem Film sind die Jungen Florian, Vincenz und Ludwig, die tatsächlich in Bayerischen Wald zu Hause sind. Sie treffen dort die Mädchen Lynn und Lene aus dem Norden und durchstromern mit ihnen auf den Spuren von Peter die Natur. Lynn und Lene sind Schumanns Nachbarskinder aus Basthorst. Ein Treffen der Dialekte. Beim Spielen im Wald begegnen die Kinder skurrilen Typen, wie man sie ähnlich aus Schumanns früheren Filmen kennt: der Kuchenoma, dem Ranger Günther mit seiner Harley, der weisen Waldfrau Ursula…

Im Frühjahr beginnen die Dreharbeiten. Schumann hätte seinen Film gern an der Müritz oder auf Rügen gedreht. „Dann wären eben bayerische Kinder zu uns in den Norden gekommen. Aber die Filmförderung in MV treibt uns Filmemacher aus dem Land“, sagt der Regisseur. Womit wir uns den Ursachen für Schumanns Ärger nähern. „Wir müssen dort drehen, wo wir die meiste Unterstützung bekommen. Und das ist in diesem Fall Bayern.“

Zwar unterstützt die Kulturelle Filmförderung MV das Projekt mit 20 000 Euro – die Höchstsumme, die ein Film aus dem Topf von 215 000 Euro Filmförderung pro Jahr aus MV bekommen kann. Das Gesamtbudget von „Peters Wald“ beträgt aber 480 000 Euro. Davon kommen 360 000 Euro aus Bundesmitteln. Aus Bayern sind 80 000 Euro avisiert. „Die Bayern holen sich also mit 80 000 Euro 360 000 Bundesmittel ins Land“, rechnet Schumann vor, der an den 35 Drehtagen nun mit einem bayerischen Kameramann und Technik aus München arbeiten wird. Auch Schnitt sowie Ton- und Bildbearbeitung übernehmen bayerische Firmen. Hinzu kommen Catering, Hotelkosten, Statisten vor Ort…

„Die Produzenten in MV sind durch die geringe Landesförderung einfach nicht in der Lage, große Filme zu produzieren“, beklagt Schumann. „TV-Krimis am Ostseestrand sind ja gut und schön, aber die eh schon wenigen Filmemacher im Land haben nichts davon. Und was für ein Bild wird in diesen Filmen von den Menschen hier gezeichnet?“ Die Frage sei, ob MV eine Rolle in der Medien- und Filmwirtschaft spielen wolle oder nicht. „Filmförderung ist eben nicht Kulturförderung“, so Schumann, der sich zugleich darüber aufregt, dass bei der vor fast einem Jahr in der Schweriner Staatskanzlei begonnenen Neuregelung der Filmförderung derzeit mit den Bürgermeistern um Standorte – Wismar oder Schwerin – und Posten geschachert werde. So aber zäume man das Pferd von hinten auf. „Wir müssen doch zuerst darüber nachdenken, was das spezifische filmische Profil unseres Landes sein könnte.

„Starke Filmstoffe aus dem Land und Drehbuchautorenförderung, um über die Menschen hier zu berichten, die natürlich nicht nur rechts oder kriminell sind. Man könnte kurze, nicht sehr teure Dokumentarfilme fördern, da gibt es eine lange Tradition. Und was wissen wir über unsere Nachbarn? Deutsch-polnische Koproduktionen wären ein Alleinstellungsmerkmal. Auch Spielfilme, die Geschichten aus der Region erzählen, sollten gefördert werden.“

Dieter Schumann, der auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Film- und Medienproduzenten MV ist, ist an dieser Stelle kaum zu bremsen. Sein Verband hat der Landesregierung Vorschläge unterbreitet, wie durch eine kulturwirtschaftliche Filmförderung, die mit so viel Geld ausgestattet wird wie andere Industrien auch, eine Medienbranche entstehen könnte, die diesen Namen verdient. Woran sich auch ZDF und NDR mit Geldern aus dem Rundfunkbeiträgen beteiligen könnten.

Bis es so weit ist, kann sich Dieter Schumann erst einmal auf die Abenteuer in „Peters Wald“ konzentrieren – dank funktionierender bayerischer und Bundesfilmförderung.

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