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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 03:23 Uhr

Ohne Handy auf Robinsons Spuren

vom

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2013 | 10:26 Uhr

Winterzeit ist für mich Lesezeit. Zurzeit liegt neben meinem Bett der Roman "Robinson Crusoe". Fast 300 Jahre ist das Werk alt und hat nichts von seiner Faszination eingebüßt. Insgeheim habe ich den Gestrandeten schon beneidet, obwohl er auf einer Insel gefangen ist, weit weg von der Zivilisation sein Dasein fristet, an Hunger und Einsamkeit leidet. Wie Crusoes Leben wohl im 21. Jahrhundert ausgesehen hätte? Was wäre seine einsame Insel? Ganz sicher müsste er ohne moderne Kommunikationsmittel auskommen, hätte keinen Kontakt zur Außenwelt.

Eine wunderbare Idee: Kein nerviges Telefonklingen, einfach mal nicht erreichbar sein, eine Auszeit vom Alltag. Das möchte ich einen Tag lang ausprobieren. 24 Stunden ohne moderne Medien. "Was? Du ohne Handy?" heißt es ungläubig aus meinem Freundeskreis. Ha, denen werde ich es zeigen!

Punkt Mitternacht schalte ich meinen ständigen Begleiter aus und bin gespannt, was die nächsten 24 Stunden bringen werden. Bereits am nächsten Morgen merke ich, dass dieser Tag anders als sonst verlaufen wird. Denn mein Mobiltelefon ist nicht nur zum Telefonieren da, sondern für mich auch Uhr und Wecker. Deutlich später als üblich wache ich auf, werde geweckt von den kitzelnden Sonnenstrahlen und nicht vom nervig-monotonen Piepen. Das wird heute bestimmt ein entspannter Tag.

Der Blick auf meinen Kalender zeigt mir die erste Aufgabe des Tages: Eine gute Freundin hat Geburtstag, natürlich muss ich ihr gratulieren. Nur wie? Normalerweise würde ich sie umgehend anrufen, doch das Handy ist und bleibt aus. Jetzt kann ich nicht einknicken. Ein Brief würde zu spät ankommen, eine SMS oder eine E-Mail kann ich nicht schreiben.

Aber es gibt doch bestimmt noch Telefonzellen. Also los! Die Suche gestaltet sich aber alles andere als einfach. Stand hier früher nicht mal eine Zelle? Es fängt an zu regnen. Ich gehe weiter über den Marktplatz, doch auch hier: Fehlanzeige. Der Wind weht, die grauen Wolken trüben meine Stimmung, ich irre umher. Aber am Bahnhof, da muss doch eine Telefonzelle sein, schießt es mir durch den Kopf. Bingo! Dort angekommen, überrascht mich der mit Regentropfen übersäte Telefonhörer. "Igitt!"

Mühsam krame ich ein bisschen Kleingeld aus meinem Portemonnaie, doch: Ich kenne die Nummer meiner Freundin gar nicht auswendig. Die Auskunft hilft mir zum Glück weiter. Nach wenigen Minuten und einigen gezahlten Münzen erreiche ich das Geburtstagskind. Endlich. Nach dem Telefonat gehe ich wieder zurück in meine Wohnung. Meine kleine, einsame Insel. Mit Tee und Lektüre mache ich es mir gemütlich. Und stelle fest: Es ist ruhig. Verdammt ruhig. Kein Telefonklingeln, keine Fernsehgeräusche, keine SMS, die mich erreicht. Wie entspannend, denke ich und lehne mich zurück in den Sessel.

Wahn beginnt in der Menschenmasse

Nach vielen gelesenen Seiten und so mancher Tasse Tee wird es doch ein wenig zu still um mich herum, die Einsamkeit erwischt mich kalt. Langsam geht mir die Ruhe auf meiner selbstgewählten Insel auf die Nerven, ich fühle mich allein und habe ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Was nun? Ich gehe ins nächstgelegene Einkaufszentrum, um auf ein paar Mitmenschen zu treffen. Doch die schwappen mir dort nur anonym entgegen: Viele telefonieren, laufen wortlos aneinander vorbei. Ich schwimme ein wenig in der unbekannten Masse mit. Wie spät ist es eigentlich? Normalerweise würde mir mein treuer Begleiter das jetzt sagen, doch das Display bleibt schwarz. Langsam verliere ich das Zeitgefühl. Außerdem scheint plötzlich das Handy in meiner Tasche zu vibrieren. Nein, das kann ja gar nicht sein. Habe ich schon Wahnvorstellungen?

Mit dem Bus möchte ich weiterfahren, doch der nächste kommt erst in zehn Minuten. Eigentlich nutze ich solche Wartezeiten, um aufs Handy zu schauen, eine SMS an den Liebsten zu schreiben oder im Internet zu surfen. Vielleicht habe ich ganz viele Nachrichten von meinen Freunden auf Facebook erhalten? Doch mir bleibt nichts anderes übrig, als ohne Unterhaltung sehnsüchtig auf den Bus zu warten. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ich starre in die Leere. Der kalte Wind schlägt mir ins Gesicht. Vielleicht erging es Robinson Crusoe so ähnlich?

Ich bin auf dem Weg zur Wohnung meiner Mutti, ich möchte sie zum Abend mit einem leckeren Essen überraschen. Doch wann sie Feierabend hat, weiß ich nicht genau. Ein Anruf würde Gewissheit bringen. Würde. So koche ich in ihrer Wohnung und warte. Mal wieder. Die Zeit scheint kaum zu vergehen, allmählich knurrt mein Magen, ich esse alleine. Doofes Insel-Leben.

Zwei Stunden später kommt sie endlich nach Hause. "Ach, hätte ich das gewusst, wäre ich natürlich schon viel früher gekommen. Warum hast du mir denn nicht Bescheid gesagt?", fragt sie. Ich erkläre ihr meine kommunikative Auszeit, sie lacht erstaunt.

Wenig später fahre ich los, ich bin mit meinem Freund verabredet. Hoffe, dass nichts dazwischen kommt und wir uns zur vereinbarten Zeit treffen. Alles klappt. "Na Robinson?", begrüßt er mich. "Hallo Freitag!" antworte ich erleichtert. Und kann es kaum erwarten, um Mitternacht mein Handy wieder anzuschalten und von der einsamen Insel loszukommen.

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