Ein Dach für Kinder : „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft!“

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Psychosoziale Prozessbegleitung hilft Kindern, die Opfer von Gewalttaten geworden sind.

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29. November 2014, 16:00 Uhr

Sara* steht auf und erhebt ihren Zeigefinger. „Du lügst“, sagt sie mit fester Stimme. „Alles war so, wie ich es gesagt habe, und du darfst das nie wieder machen!“ Das Mädchen, das diese deutlichen Worte spricht, ist sieben Jahre alt und steht da, wo ein siebenjähriges Kind eigentlich nicht hingehört: im Saal des Landesgerichtes in Schwerin. Dort hat Sara gerade ihren ganzen Mut zusammengenommen, als sie den Richter gebeten hat, noch etwas sagen zu dürfen. Dabei blickt sie dem Angeklagten direkt ins Gesicht. Dem Mann, der dafür verantwortlich ist, dass sie ihren Mut fast verloren hätte. Dem Mann, der ihr vor einem Jahr die Kindheit gestohlen hat. Dem Mann, der sie schwer sexuell missbraucht hat.

Rückblende: Sara ist sechs Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf bei Schwerin. Hier kennt jeder jeden. Und so fällt es dem 55-jährigen Mann aus der Nachbarschaft auch nicht schwer, sich das Vertrauen des Kindes zu erschleichen. Für Sara der Anfang eines Martyriums. Der Missbrauch geht über Monate. So lange, bis sie es schließlich wagt, sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Die alarmiert sofort die Polizei. Die Beamten wissen genau, wie schwierig die Situation für das traumatisierte Mädchen ist und geben der Mutter die Kontaktdaten von Nadine Schomann. Die Sozialpädagogin ist Expertin für psychosoziale Prozessbegleitung im Landgerichtsbezirk Schwerin – und wird von nun an zu Saras wichtigster Stütze außerhalb der Familie bei ihrem Weg durch das anstehende Strafverfahren. „Ohne dich hätte ich das nicht geschafft“, wird Sara später sagen.

„Ziel ist es, die Belastung für die Kinder und Angehörigen zu verringern, eine erneute Traumatisierung zu vermeiden und den Betroffenen Sicherheit zu geben, damit sie gut durch das Strafverfahren kommen und eine verwertbare Aussage machen können“, fasst die Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes im Kreisverband Schwerin ihre Aufgabe zusammen. Die 36-Jährige kümmert sich seit zehn Jahren um Kinder, Jugendliche und Heranwachsende bis 21 Jahre, die Opfer von Gewalttaten geworden sind. In den meisten Fällen geht es um sexuellen Missbrauch. Damals hatte Nadine Schomann noch Neuland mit dem Zeugenbegleitprogramm betreten. 2010 folgte dann ein Modellprojekt des Justizministeriums in MV. Inzwischen gibt es ein landesweites Angebot mit vier Expertinnen – je eine pro Landgerichtsbezirk.

Wie ihre Kolleginnen begleitet Nadine Schomann die Kinder und Jugendlichen vor, während und nach einer Gerichtsverhandlung. Sie erklärt ihnen, was eine Strafanzeige bedeutet, wie ein Prozess abläuft und welche Rechte und Pflichten Zeugen haben – das alles in altersgerechter Sprache und mit Hilfe der Justiz. „Oft nutzen wir die Möglichkeit, vor einer Verhandlung den Saal anzuschauen und den Richter kennenzulernen. Das gibt den Kindern Sicherheit“, weiß Nadine Schomann. Die Erkenntnis, mitbestimmen zu können, helfe ihnen auch, die Opferrolle zu verlassen. Viele hätten zunächst falsche Vorstellungen, nicht zuletzt durch TV-Gerichtsserien, in denen sich alle anschreien und der Angeklagte fälschlicherweise das Opfer befragen darf.

Das kennt auch Andrea Wehmer. Die Mitarbeiterin beim Ortsverband Rostock des Kinderschutzbundes ist für die psychosoziale Prozessbegleitung im Landgerichtsbezirk Rostock zuständig. „Die Unwissenheit schürt Ängste, die wir den Opfern und ihren Familien nehmen können“, sagt sie. Auf Wunsch begleitet sie die Kinder und Jugendlichen auch zur Polizei und zu Gutachtern. Und sie vermittelt Kontakte zu Anwälten, Therapeuten oder Beratungsstellen. Denn sie selbst darf mit den Opfern nicht über die eigentliche Tat sprechen, damit sie die Aussage nicht beeinflusst oder selbst zur Zeugin wird. Das ist einfacher als es klingt. „In der Regel sind die Opfer froh, wenn sie ihre Geschichte nicht noch einmal einer weiteren Person erzählen müssen“, hat Andrea Wehmer festgestellt.

Zurzeit betreut sie 17 laufende Fälle. Wenn sie den Jüngsten ihrer Schützlinge erklären möchte, was im Gericht geschieht, nimmt sie ihren Koffer zur Hilfe: Öffnet sie die Klappe, kommt ein Gerichtssaal im Miniformat zum Vorschein, bestückt mit Playmobilfiguren, die Richter, Anwälte und Zeugen darstellen. Die winzigen schwarzen Roben hat die 41-Jährige selbst genäht.

Diese Mini-Richter haben auch Lea* geholfen. „Am Anfang war es schwer, mit dem Mädchen in Kontakt zu kommen“, erinnert sie Andrea Wehmer. Wie sich durch das Strafverfahren herausstellte, war die Fünfjährige vom Bruder ihrer Mutter sexuell missbraucht worden.

Die Mutter alleinerziehend und noch ein Baby im Haushalt – Lea ist zunächst froh über die Aufmerksamkeit, die ihr der Onkel schenkt. Doch zu den schönen Spielen kommen plötzlich auch Rollenspiele hinzu, die Lea nicht gefallen. Ihr Onkel schärft ihr jedoch ein, dass sie der Mutter nichts davon erzählen dürfe. Das offene Mädchen wird immer verschlossener. Das fällt in der Kita auf. Als Lea mit Puppen sexualisiertes Verhalten nachspielt, spricht die Erzieherin sie an. „Das macht mein Onkel mit mir auch immer“, sagt Lea. Die Erzieherin bringt den Fall zur Anzeige – und das Strafverfahren kommt ins Rollen.

Das verstörte Mädchen hat große Angst. Angst vor dem Gericht. Angst davor, dass ihr Onkel bestraft wird. Angst davor, was mit der Familie passiert. Andrea Wehmer weicht während des Verfahrens nicht von ihrer Seite, spendet Trost, hält ihre Hand. „Zum Glück war der Täter geständig“, sagt sie. Lea musste nicht noch einmal aussagen.

Besonders schlimm ist es, wenn sich die Verfahrensdauer in die Länge zieht, kritisiert Nadine Schomann. Eine Zerreißprobe für die Kinder und ihre Familien, die kaum Abstand zur Tat gewinnen können. Insgesamt betreut die Sozialpädagogin derzeit 21 Kinder und Jugendliche parallel. „Es scheint, dass die Fälle immer mehr werden“, sagt sie. Erschreckend sei vor allem die Entwicklung, dass inzwischen 30 Prozent der Sexualstraftäter selbst noch nicht volljährig seien. Lange Wartezeiten auf eine Therapie – das sei sowohl für die Opfer als auch für die Täter fatal.

Auch für Sara hat Nadine Schomann um einen Therapieplatz gekämpft. Zwar war das Mädchen froh, dass das Strafverfahren beendet war und sich der Verurteilte in Haft befand. Doch die Albträume und Schuldzuweisungen von den Dorfbewohnern hörten nicht auf. Seitdem sucht Sara einmal pro Woche eine Psychotherapeutin für Kinder auf. Hilfe anzunehmen – gemeinsam mit Nadine Schomann hat sie das geschafft.

*Namen der Kinder geändert

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