Alarmierende Zahlen aus dem Land : Offiziell 72 Kinder Opfer von Misshandlungen

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Lea-Sophie, Kevin, Chantal - es sind die bekanntesten Namen in einer langen Liste von Kindern, die Opfer von Gewalt wurden. In MV sind letztes Jahr drei Kinder und Jugendliche Opfer von Tötungsdelikten geworden.

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08. Juni 2012, 10:15 Uhr

Neubrandenburg | Lea-Sophie, Kevin, Chantal - es sind die bekanntesten Namen in einer langen Liste von Kindern, die Opfer von Vernachlässigung oder Gewalt wurden. Auch im Nordosten ist die Leidensliste lang: In Mecklenburg-Vorpommern sind im vergangenen Jahr drei Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren Opfer von Tötungsdelikten geworden. Die Mädchen und Jungen waren ein, acht und zwölf Jahre alt. Zudem registrierte das Landeskriminalamt (LKA) drei versuchte Tötungsdelikte, teilte die LKA-Pressestelle auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Ein Mord wurde nicht verübt, vielmehr handele es sich um Pflichtverletzungen, beispielsweise bei der Aufsicht. In den Jahren 2008 bis 2011 waren 21 Kinder unter sechs Jahren Opfer eines Tötungsdeliktes. In acht Fällen habe es sich um einen Versuch gehandelt.

Ebenso erschreckend: Im vergangenen Jahr wurden 72 Fälle der Misshandlung von Kindern und Jugendlichen erfasst, bei denen die Opfer unter 14 Jahre alt waren. Das waren laut LKA 28 derartige Taten weniger als im Vorjahr. In fast der Hälfte der Fälle im Jahr 2011 waren Kinder unter sechs Jahren von den Misshandlungen betroffen.

Besonders in diesen Deliktbereichen ist aber die Dunkelziffer immens hoch, gibt der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in MV, Carsten Spies, zu bedenken. Bei den Gewaltdelikten handele es sich in der Regel um keine Affekthandlungen: "Einer Vielzahl der Fälle gehen sehr, sehr lange Prozesse voraus, häufig in Familien, in denen sich Belastungen häufen. Psychische Probleme, Sucht, finanzielle Belastungen, Dauerarbeitslosigkeit. Kinder sind dann oft das Ventil", sagt Spies. Allerdings sei in der so genannten Mittelschicht Gewalt ebenso anzutreffen. Begegnen könne man dem unter anderem, indem man die Familien entlaste, in Schulungsprogrammen oder auch direkt im Haushalt, um ihnen beizubringen, die Dinge besser zu organisieren.

Besonders wichtig für den Kinderschutzbund: "Wir müssen immer wieder klar machen, dass Gewalt gegen Kinder nicht zu akzeptieren ist, das gesellschaftliche Verständnis dafür verstärken", fordert Spies. Viele Eltern sähen eine Ohrfeige immer noch als Selbstverständlichkeit - was seit elf Jahren per Gesetz verboten ist. "Sicherlich schadet der eine Klaps nicht unbedingt - aber wo soll die Grenze gezogen werden?"

Nach den bekannt gewordenen Fällen werde zwar immer viel geredet, aber es komme leider kaum zu Konsequenzen, kritisiert Spies. In den Jugendämtern müsse die personelle Unterbesetzung beendet, auch die Qualifikation der Mitarbeiter verbessert werden. MV habe dabei zwei spezifische Probleme: Zum einen den Fachkräftemangel in den Kitas. Teilweise sei der Verdienst im benachbarten Schleswig-Holstein um ein Drittel höher. Das andere Problem sei die Kreisgebietsreform. "Wir haben inzwischen enorm große Strukturen, der Zugang zu den Jugendämtern durch die Wege viel schwieriger, die Zuständigkeitsbereiche der Mitarbeiter enorm", kritisiert der Geschäftsführer. "Ich frage mich, wann da überhaupt wieder alles in normalen Bahnen laufen kann."

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