Festspiele MV : Offen für die Gedanken anderer

<strong>Musikerfreunde beim Proben: Veronika Eberle (Violine)</strong>, Antoine Tamestit (Viola), Francesco Piemontesi (Klavier), Julian Steckel (Violonchello), v.l. <foto>Foto: Eberle</foto>
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Musikerfreunde beim Proben: Veronika Eberle (Violine), Antoine Tamestit (Viola), Francesco Piemontesi (Klavier), Julian Steckel (Violonchello), v.l. Foto: Eberle

Julian Steckel ist einer der drei Solisten, die Veronika Eberle, diesjährige Preisträgerin in Residence der Festspiele MV, zum "Friends"-Projekt eingeladen hat und die nun die Programme für die Konzerte einstudieren.

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11. Juli 2012, 08:25 Uhr

Hasenwinkel | "Unser Solist ist momentan unauffindbar", erklärt Dirigent Christoph Poppen dem Münchener Kammerorchester, "aber das Einfachste ist, wir fangen an, dann kommt er bestimmt sofort." Ein kurzer Fingerzeig, schon stimmen die Musiker den Kopfsatz von Haydns C-Dur-Cellokonzert an, und durch die geöffneten Fensterflügel des Schlosses Hasenwinkel wehen die inspirierten Klänge des Kopfsatzes voll feuriger Präzisionslust hinaus in den Schlosspark.

Und tatsächlich: Keine Minute ist vergangen, da eilt Julian Steckel bereits über den Kiesweg zur Probe - allein der nach unten gerichtete Blick auf sein Smartphone verrät, dass der Rostocker Cello-Professor gerade noch in ganz anderen, virtuellen Welten unterwegs war…

Der 30-Jährige ist einer der drei Solisten-Freunde, die Veronika Eberle, diesjährige Preisträgerin in Residence der Festspiele MV, zu ihrem "Friends"-Projekt eingeladen hat und die nun hier in der mecklenburgischen Idylle die Programme für die Konzerte am kommenden Wochenende einstudieren. Nicht, dass die Geigerin nicht mehr (Musiker)-Freunde hätte, aber da ihr vierter Freund Poppen gleich noch ein ganzes Orchester mitgebracht hat, bieten sich in dieser Ensemble-Solisten-Kombination bereits dramaturgische Möglichkeiten genug.

Mehr als genug, wie der Dirigent mit Blick auf die insgesamt neun Solokonzerte und Orchesterwerke bei der morgendlichen Begrüßung schmunzelnd angemerkt hat: "Ich habe mich nur darauf eingelassen, weil ich davon ausging, dass ihr die Stücke sowieso alle könnt und ich quasi nur Dekoration bin." Vielleicht ja aber auch, weil der gebürtige Münsteraner bis 2006 selbst ein Jahrzehnt lang die künstlerische Leitung des Münchner Kammerorchersters innehatte und nur zu gut weiß, dass das Ensemble in den Werken vergangener Jahrhunderte ebenso zu Hause ist wie in der Musik der Gegenwart.

Ja, vielleicht sogar aus eben diesem Kontrast die Spannung seiner Interpretationen schöpft: So wie der Cello-Klassiker ohne jede "Papa Haydn"-Zopfigkeit daherkommt, bestechen die Musiker in "Zipangu" des 1983 ermordeten Kanadiers Claude Vivier mit einer rhythmischen Phrasierungskunst, die ebenso unter die Haut geht wie die schönheitstrunkenen melodischen Passagen des Streicherwerkes. Und das schon in der ersten Probe, wo es doch vor allem darauf ankommt, dass das Orchester gute Laune hat, wie Poppen am Vormittag beim Besuch einer Kita-Gruppe augenzwinkernd erzählt hat.

In der Tat vermag der 56-Jährige mit seiner stets freundlichen, doch zugleich klaren Art beste Laune zu verbreiten: "Sehr schön", lobt er, um dann sogleich anzumerken, dass er "den letzten Ton nicht betonen" würde und seine Vorstellung kurz anzusingen. Dass die Suche nach dem rechten Einsatz für die Wiederholung sich etwas umständlich gestaltet - "keine Taktzahlen mehr ohne Brille…" - sorgt dabei ebenso für Heiterkeit wie manche Antwort im Fernseh-Interview.

Ja, fast ließe sich denken, der Dirigent gäbe den Ton an in Hasenwinkel, wo die Nordmetall-Stiftung als Hausherr ihr Seminarhotel dem Musikerteam für eine Woche überlassen hat - und doch drängt sich Poppen, der einst die kleine Veronika in München unter seine Fittiche nahm, bevor sie dann zur Geigenlehrerlegende Ana Chumachenco wechselte, keinen Moment lang in den Vordergrund. Vielmehr ist es die ruhige und zurückhaltende Art Eberles, die die herausragende Künstlerin dieser Saison selbst hier in "ihrer" Woche allenfalls eine "Prima inter Pares" sein lässt.

Denn auch am Nachmittag im Klavierquartett von Brahms hält sich die 23-jährige Bayerin mit Anmerkungen zurück, überlässt stattdessen Antoine Tamestit die Rolle des Primus. Ausgerechnet dem Bratscher, ist der Betrachter versucht zu sagen, wo das Instrument doch sonst nur für Musikerwitze taugt. Und doch ist es eben diese natürlich-unprätentiöse Art, die nicht nur Poppen an ihr so schätzt, diese Offenheit für die Gedanken anderer, die sich dann letztlich in ihrem ungemein intensiven Spiel und ihrer interpretatorischen Tiefsinnigkeit widerspiegeln.

Und dass die zierliche junge Frau durch diese Zurücknahme ganz nebenbei auch ein klein wenig mehr Freiraum für sich gewinnt, ist ihr sicher nicht unwillkommen: Schließlich wird sie so trotz aller Proben bestimmt zum Joggen kommen - "ich schöpfe unheimlich viel Kraft aus der Natur". Und vielleicht ja sogar zum Schwimmen: Den nahen Bibow-See hat Veronika Eberle auf jeden Fall schon mal in Augenschein genommen.

Konzerte des Friends-Projekts

13.7. Wismar: Heiligen-Geist-Kirche,

19.30 Uhr, Karten: 20-40 Euro

14.7. Ulrichshusen: Festspielscheune,

17 Uhr, Karten: 12-40 Euro

15.7. Stralsund: Theater, 16 Uhr,

Karten: 20-40 Euro

Kartentel: 0385/5918585

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