Auktion in Rostock : NVA-Erbe unterm Hammer

Werkstätten und Unterkünfte wurden versteigert.
Winfried Wagner

Für 255 000 Euro wurden am Sonnabend Eggesiner Kasernen in Rostock versteigert

von
09. Dezember 2018, 20:00 Uhr

Wer im Osten Deutschlands den Namen Eggesin-Karpin hört, denkt bis heute unweigerlich an Nationale Volksarmee (NVA). Zehntausende junge Männer absolvierten in der DDR in den Kasernen der Kleinstadt Grundwehrdienst oder wurden zu Unteroffizieren ausgebildet. Sie mussten als „Mot-Schützen“ (motorisierte Schützen) stundenlange Märsche, Gasmaskenalarm und Exerziertraining erdulden - und erzählen davon bis heute. Vor allem in Karpin hatte die DDR mit 120 Hektar um 1956 eines der größten kasernierten Objekte aus dem Boden gestampft, die es je in Ostdeutschland gab. Nun endete diese Ära – unspektakulär mit einer Auktion am Sonnabend in Rostock. „Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) hat ein 24 Hektar großes Teilstück zur Versteigerung freigegeben“, sagte ein Sprecher der Bima. Es ist eigentlich das Kernstück: Der Technikteil mit Werkstatträumen, Fahrzeughallen, Lager und Unterkunftsgebäuden. Diese 24 Hektar – das sind fast 40 Fußballfelder – grenzen unmittelbar an den Truppenübungsplatz Jägerbrück, der vom Bundesverteidigungsministerium gerade wieder hochgestuft wurde und auf dem deutsche und polnische gepanzerte Einheiten derzeit Gefechtsschießen üben.

„Das waren tolle Zeiten damals“

Bis zuletzt hatten die Eggesiner noch gehofft, dass die geänderte Sicherheitslage in Osteuropa das Militär wieder nach Eggesin kommen lässt – wie zu Zeiten der 9. NVA-Panzerdivision. „Das waren tolle Zeiten damals“, sagt Stadtvertreter Gerhard Tewis. Die Maurerbetriebe hatten rund ums Jahr zu tun. Auch viele andere Firmen bis hin zum Bäcker profitierten von den Kasernen.

Auf solche Arbeit wartet Eggesin seit langem. Die Kleinstadt zwischen Torgelow und Ueckermünde, die um die 4000 Einwohner hatte, wuchs durch die NVA auf die doppelte Einwohnerzahl. Für viele Beschäftigte wurden Plattenbauten errichtet, die Offiziere wohnten in Eigenheimen in der Siedlung Karpin. Dort tragen die Straßen heute noch Namen wie „Wilhelm Pieck“. Nach dem Aus durch die Bundeswehr Anfang der 2000er Jahre sank die Einwohnerzahl wieder auf etwa 4500 Menschen. Statt Bundeswehr soll nun sanfter Tourismus locken, aber die Branche wächst nur langsam. „Die Region braucht dringend Arbeitsplätze“, erläuterte Sandra Kussat-Becker, die Pastorin. Eggesin habe mehr als alle anderen Gemeinden unter dem Strukturwandel zu leiden. „Gute und nachhaltige Ideen sind gefragt und die Leute müssen sich der natürlichen Schönheit der Gegend bewusster werden.“ Mit Uecker und Randow fließen zwei Flüsse in der Region, Wälder und Seen böten Erholung pur.

Zuschlag unter Vorbehalt

Nun kann die Kleinstadt wieder Hoffnung schöpfen. Nur etwa zehn Minuten dauerte die Auktion nach dem ersten Aufruf am Sonnabend, erklärte Kai Rocholl, Geschäftsführer der Norddeutschen Grundstücksauktionen. Sie begann mit dem Mindestgebot von 75 000 Euro. Dann ging es in 5000-Euro-Schritten zügig voran. Ein Geschäftsmann im Saal und zwei telefonische Bieter überboten sich gegenseitig. Am Ende standen 255 000 Euro auf dem Auktionszettel. Gewonnen hat der Geschäftsmann, der sich auf den Weg nach Rostock gemacht hat. Zu seinen Plänen will er noch nichts sagen.

Eine ungewöhnliche Hürde gibt es noch. „Die Bima hat sich vorbehalten zu prüfen, ob beim Erwerber rechts- oder linksradikale Tendenzen ausgemacht werden“, verliest der Auktionator aus den Verkaufsprospekt. Das würde einem Kauf entgegenstehen. Beobachter schließen das im vorliegenden Fall aber aus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen