Rostock : „Nussknacker“ zum Fest

Szene aus „Der Nussknacker“ im weltberühmten Bolschoi Theater in Moskau  Fotos: Damir Yusupov/Bolschoi Theater/dpa
1 von 2
Szene aus „Der Nussknacker“ im weltberühmten Bolschoi Theater in Moskau Fotos: Damir Yusupov/Bolschoi Theater/dpa

An vielen Bühnen machen russische Compagnien mit dem Ballettklassiker Kasse – aber nicht immer auch mit Klasse.

von
22. Dezember 2019, 05:00 Uhr

Ein „Nussknacker“ mit märchenhafter Musik von Peter Tschaikowsky gehört zur Weihnachts- und Neujahrszeit wie ein Festmahl. Am weltberühmten Bolschoi Theater in Moskau sind die 22 Aufführungen wie immer ausverkauft – schon seit Wochen, wie Generaldirektor Wladimir Urin sagt. „Die Nachfrage ist größer als das Angebot.“

Für deutsche Fans russischen Spitzenballetts ist die Lösung aber nah. In Baden-Baden gastiert in diesem Jahr das kaum weniger renommierte Ballett vom Mariinsky-Theater aus St. Petersburg. Viele Bühnen in Deutschland haben den Ballettklassiker nach dem Märchen von E.T.A. Hoffmann zum Jahreswechsel als umsatzsicheren Kassenschlager im Programm, so ist etwa heute Abend in der Rostocker Stadthalle das Russische Nationalballett mit seiner Inszenierung zu erleben.

Nicht überall ist aber bei Gastspielen „russischer“ Ballettcompagnien auch Qualität garantiert, wie Experten sagen. Dass sich Truppen mit Namen wie Bolschoi und Staatsballett schmücken, sei ihm bekannt – „leider“, sagt Urin in Moskau. „Wir sind besorgt deshalb. Aber wir können nicht mit Verboten handeln.“ Der Bolschoi-Chef rät dazu, beim Ticketkauf genau hinzuschauen, ob es wirklich um eine hochwertige Produktion mit Spitzentänzern, zauberhaften Kulissen und Kostümen gehe. Das Moskauer Bolschoi ist stolz auf seine Inszenierung als Visitenkarte für das russische Ballett. Gastspiele gibt es zwar nicht. Aber die Aufführung ist bisweilen auch in deutschen Kinosälen als Übertragung zu sehen. Schon jetzt macht Russlands größtes Theater Werbung für 2020, wenn es den 180. Geburtstag von Tschaikowsky groß feiert. Auch „Schwanensee“ und „Dornröschen“ gehören hier zu den Kassenschlagern.

Viele Russen sind überzeugt, dass es zur Weihnachts- und Neujahrszeit nichts Schöneres gibt als „Nussknacker“, der auch schon verfilmt wurde. Allein in Moskau gibt es viele verschiedene Aufführungen. Die Geschichte vom Mädchen, das einen Nussknacker geschenkt bekommt und ins Träumen gerät, gilt als universale Story über das Erwachsenwerden. Sie dreht sich um den Abschied von der Kindheit, um Ehre, Würde und Liebe – unabhängig von religiösen Überzeugungen.

Auch in Deutschland ist die Sehnsucht nach russischem Ballett groß. Am Festspielhaus in Baden-Baden erwartet Benedikt Stampa, seit dieser Saison Intendant, 14 000 Gäste bei insgesamt sieben Vorstellungen des Mariinsky-Balletts, darunter „Dornröschen“. Er sieht den „Nussknacker“ nicht nur als Ballettklassiker. „Es ist eine ewig gültige Parabel auf unser Älterwerden und die Sehnsucht nach der Weihnacht unserer Kindheit“, sagt er. Die Geschichte laufe bei allen Generationen gut. „Die Rollen des Werkes erfordern unterschiedliche Tanz-Charaktere bis hin zu Pantomimen, die meist von älteren Tänzerinnen und Tänzern gestaltet werden“, sagt Stampa.

Das aufwendige Mariinsky-Gastspiel konkurriert mit kleineren Truppen mit russischen Namen. 220 Mitglieder des Theaters, darunter das Live-Orchester und Techniker, sind mit Bühnenbildern angereist. Seit mehr als 125 Jahren führt das Mariinsky den Klassiker auf. „All dies zusammen macht das Original aus, das von kleineren Tournee-Compagnien nicht aufgeboten werden kann“, sagt Stampa. Zudem sei das Gastspiel eine „kulturelle Brücke in Zeiten, die politisch winterlicher sind, als sie sein müssten“, meint er mit Blick auf die Spannungen zwischen Deutschland und Russland.

Unabhängig von den russischen Gastspielen haben viele deutsche Bühnen mit festen Ensembles eigene beliebte „Nussknacker“-Produktionen im Programm. Das Staatsballett an der Deutschen Oper Berlin und das Leipziger Ballett etwa spielen ihn bis ins neue Jahr. Das Hamburger Ballett zeigt ihn in einer Fassung des dortigen Chefs John Neumeier.

Aber es muss auch nicht immer „Nussknacker“ sein. Das Stuttgarter Ballett hat seit Langem keinen klassischen „Nussknacker“ mehr aufgeführt. Dort gibt es Marcia Haydées Märchen „Dornröschen“ - „ein klassisches Ballett für die ganze Familie“, wie Intendant Tamas Detrich sagt. „Der ,Nussknacker’ ist aber in der Tat ein fantastisches Ballett, voller Magie und – wie ,Dornröschen’ – zur wundervollen, stimmungsvollen Musik von Tschaikowsky. Ein Ballett, das Kinder träumen, Erwachsene in Erinnerung an die eigene Kindheit schwelgen lässt.“ Detrich schließt nicht aus, dass es eines Tages einen „Stuttgarter Nussknacker“ als großes Erzählballett geben wird.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen