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Knacken von Schlössern : Nur vier Sekunden Sicherheit

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die „Sportfreunde der Sperrtechnik“ üben in Berlin das Knacken von Schlössern / Zur Gruppe gehören unter anderem Computerexperten, Ärzte und Physiker

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erstellt am 02.Apr.2014 | 11:25 Uhr

Möglichst schnell möglichst komplizierte Schlösser zu knacken – das ist das etwas ausgefallene Hobby der „Sportfreunde der Sperrtechnik“. Sie tragen darin Meisterschaften aus, helfen der Polizei und haben auch einen Ehrenkodex.

Ein Hangschloss liegt auf dem Tisch, Standardausführung mit hohem Bügel, sein Körper aus massivem Messing und mit Stiftzylinder. Man findet das Modell sonst an deutschen Kellertüren, es schützt Garagen oder Spinde. „Versuch es mal“, sagt Torsten Quast und nimmt zwei Werkzeuge in die Hand: einen Haken und die sogenannte Schlange. Der 43-Jährige weiß genau, wie es geht. Vier Sekunden zittert seine Hand, dann macht es klick. Der Bügel springt auf. Dann hantiere ich selbst mit den feinen Instrumenten, kratze in der Öffnung, soll die Stifte fühlen und mit dem Haken etwas Druck ausüben. Eine halbe Minute dauert es, dann klick. „Ein fantastisches Gefühl, oder?“ Quast blickt erwartungsvoll.

Sechs Männer und eine Frau sitzen am Tisch im Café Olé in Tempelhof. Die Schlösser haben sie mitgebracht, in Plastikboxen mit Schubfächern, als würden sie dort Münzen aufbewahren. An diesem Sonnabend trifft sich die Berliner Sportgruppe der Lockpicker. Sie ordern Bier, Wein und Suppe. Es geht ihnen um Geselligkeit, aber auch um Training.

„Offen“ rufen sie immer wieder. Dann wurde ein Schloss erfolgreich bearbeitet. Mehrere Minuten dauert dies mitunter, leise Kratzgeräusche sind zu hören, Metall auf Metall. Lockpicker lieben es, die Mechanik zu studieren, die Zylinderstifte auszutricksen, um irgendwann zu spüren, dass der Bügel aufschnappt.

Ulli Schütter leitet die Gruppe, zu der unter anderem Computerexperten, Ärzte, Physiker, Studenten und Ingenieure gehören. Um die Jahrtausendwende hat er das Schlossöffnen für sich entdeckt. „Geduld ist das Wesentliche, was man hier braucht“, sagt der Baufachmann. Doch es gebe viele Anfänger, die diese Tugend vermissen lassen.

Damit Beobachter keinen falschen Eindruck bekommen, haben sich die bundesweit 450 Mitglieder des Vereins „Sportfreunde der Sperrtechnik“ einen Ehrenkodex auferlegt. „Oberste Maxime“ ist demnach, „nur eigene Schlösser zu öffnen oder solche, bei denen der Besitzer eine Erlaubnis erteilt hat.“ Die Fähigkeiten dürfen niemals Kriminellen vermittelt werden. Zwar tauchen gelegentlich vermeintliche Kriminelle bei den Treffen auf, allerdings werden diese schnell enttarnt. „Sie wollen nur Informationen, fragen viel“, erzählt Schütter. „Freundlich bitten wir sie dann zu gehen.“ Das Werkzeug ist indes schnell im Internet bestellt. Selbst bei Amazon werden Lockpicker fündig.

Der Verein ist im Umfeld des Chaos Computer Clubs entstanden. „Die geistige Verwandtschaft ist vorhanden“, sagt der 55-jährige Schütter. Während die Computerfreaks versuchen, den Schutzgürtel von Rechnern zu knacken, geht es ihm um die alte Schule. Und ebenso um einen Wettbewerb mit Schlossherstellern. Die geben sich betont gelassen. Das Hobby sei ja rechtlich zulässig, sagt ein Sprecher der Firma ABUS. Generell habe man dem Thema Lockpicking gegenüber eine neutrale Haltung.

Als „exotisch und absolut schräg“ beschreibt Schütter seinen Sport. Allerdings könne man sich nicht über mangelndes Interesse beklagen, manche Vereinsmitglieder sind noch Jugendliche. Zu den Treffen kommen immer wieder Gäste, die es mal probieren wollen. Doch die Hälfte gibt schnell wieder auf, sagt der gebürtige Westfale.

„Offen“ ruft Frank Siegel, der das Schließsystem DPI des Herstellers EVVA geknackt hat. Zufrieden sinkt er in seinen Stuhl und zeigt den geöffneten Zylinder. Der Berliner ist selbstständiger EDV-Unternehmer, nebenbei betreibt er einen Versand für Lockpicking-Zubehör. Siegel zählte bei den alljährlichen Meisterschaften, die unter anderem in den Disziplinen „Blitzöffnung“, „Hangschlossöffnung“ oder „Freestyle“ ausgetragen werden, nie zu den Favoriten. Andere besäßen eine unglaubliche Motorik, dazu Geheimtechniken, sagt er und blickt zu seinem Nachbarn. Torsten Quast ist einer dieser Könner.

Der 43-Jährige hat sein Hobby zum Beruf gemacht, er arbeitet als Entwickler in der Schließbranche und hat mehrfach Titelkämpfe in Deutschland, Tschechien und gar Übersee gewonnen – tatsächlich tragen die Lockpicker auch eine US Open aus. Seine Expertise ist gefragt: „Wir haben es geschafft, als unabhängige Experten gehört zu werden“, so Quast. So gab es nach Aussagen von Schütter mehrfach Kontakte zum Berliner Landeskriminalamt, wo in einem forensischen Labor die Einbruchspuren ausgewertet werden. Der Verein stellte Ermittlern geknackte Zylinder zur Verfügung, die dort zerlegt werden. Dadurch könnten typische Spurenbilder dokumentiert werden.


Warten auf die Herausforderung


Schütter selbst hat hochwertige Türschlösser bei sich zu Hause eingebaut, ebenso bei seiner Mutter. Diebe würden daran verzweifeln, behauptet er. Wenn er seinen Schlüssel verloren habe, liegt spezielles Werkzeug versteckt auf dem Grundstück bereit. Schlüsseldienste sind tabu. „Um Gottes Willen, die machen alles kaputt“, sagt er.

Nebenan erklärt Quast, ein Mann mit Halbglatze und Dreitagebart, den anderen ein neues Exemplar. Eine neue Herausforderung. „Ein Schloss erstmals zu überwinden, das sind Höhepunkte“, meint Quast. Sein Haken gleitet über den Zylinder, dann tippt er auf eine detaillierte Zeichnung. Seine Nachbarn hören gebannt zu. Man müsse ein Schloss fühlen und verstehen können, sagt Quast und legt die Stirn in Falten. Irgendwann – wie beim Skifahren – habe man den Dreh raus.


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