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Verfahren am Rostocker Landgericht : Nur "Spaß" statt Meuterei

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Ein Bootsmann wird auf einem Schnellboot von Untergebenen mit Klebeband auf einem Tisch fixiert. War es nur ein Spaß unter Männern, die einen rauen Umgang miteinander pflegen - oder doch Meuterei gegenüber Vorgesetzten?

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erstellt am 24.Sep.2013 | 07:41 Uhr

Rostock | Eigentlich wollten sie nur spielen. Doch dann finden sie sich plötzlich in einem Prozess wieder, der bundesweit Aufsehen erregt - und in dem sie um ihre Zukunft im Traumberuf bangen müssen. Meuterei wird ihnen vorgeworfen - und das hat höchstens auf der "Bounty" etwas mit Abenteuer zu tun. Gestern fand unter großem Publikumsinteresse die Verhandlung gegen sechs junge Marinesoldaten aus Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern statt. Das Rostocker Amtsgericht ist extra für diesen einen Prozesstag in den großen Saal des frisch sanierten Landgerichts gezogen. Zwischen 24 und 32 Jahre sind die angeklagten Berufssoldaten alt, drei von ihnen tragen auch auf der Anklagbank ihre dunkelblaue Marineuniform. Der Ernst der Lage ist allen bewusst - schließlich drohen für Meuterei neben den beruflichen Konsequenzen auch Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren. Dennoch macht von Beginn an ein unerwartetes Wort die Runde: Spaß.

"Es war nur ein Spaß", sagte der 27-jährige Obermaat aus Schleswig-Holstein, der gestern als Erster ein umfangreiches Geständnis ablegte. Ein Denkzettel sollte dem 28-jährigen Bootsmann verpasst werden. In aller Freundschaft und rau, wie es üblich zu sein scheint an Bord. Ein Denkzettel allerdings, der einen Vorgesetzten betrifft - den ein Teil der Mannschaft aus dem Bett zerrt und mit fünf Zentimeter breitem Tapeband auf einem Tisch fixiert. Und ihm dann mit einem Stift "Hier wohnen die Mongos" aufs Bein schreibt. Ein Vorgesetzter mit thailändischen Wurzeln, der neu an Bord war und es offenbar auf allen Ebenen schwer hatte, sich durchzusetzen.

Der folgenreiche Vorfall spielte sich auf dem Schnellboot "Hermelin" ab, das im östlichen Mittelmeer im Einsatz war, um den Waffenschmuggel vor der libanesischen Küste zu unterbinden. An jenem 15. Februar 2013 lag das Schiff im Hafen von Beirut, die Besatzung versammelte sich, und da soll jener ungeschickte Satz gefallen sein, der schließlich die Aktion auslöste. Auf die Frage eines Oberleutnants, ob er denn nun endlich den Unterschied zwischen Deck und Kammer kenne, antwortete der Bootsmann: "Offiziere schlafen in der Kammer, an Deck schlafen die Mongos."

Das war der Satz, den die heutigen Angeklagten gar nicht lustig fanden. "Es gehört sich nicht, so etwas zu sagen, gerade wenn man neu an Bord ist", sagt der 27-Jährige. Die anderen Angeklagten äußern sich ähnlich. Das Fixieren mit Klebebändern scheint ein "Ritual" zu sein, die nicht unüblich ist bei der Marine. Jedenfalls berichten mehrere Angeklagte davon, dass sie schon mal eine ähnliche "Behandlung" durch Kameraden erfahren hätten. Und alle betonen: Eigentlich habe man ein kameradschaftliches Verhältnis zum Bootsmann gehabt. Deshalb wollte man ihm auch nicht wehtun, beteuern sie. Entschuldigt haben sie sich alle einen Tag später.

Was der Bootsmann im Zeugenstand bestätigt. Er selbst musste mit den "Mongos" in einem Deck schlafen, obwohl er Unteroffizier ist. Und sicher habe er sich anfangs erschrocken, als die Jungs ihn mehr oder weniger derb aus der Koje holten. Aber dann habe er sich gesagt: "Lass ihnen doch den Spaß". Ein Oberleutnant, durch den Krach aufgeschreckt, beendete die Sache. Er erstattete einen Tag später Meldung an den Kommandanten. So nahm das Verfahren seinen Lauf. Der Bootsmann selbst zeigte die Sache nicht an. Die Obermaate wurden umgehend nach Hause geschickt und durften seitdem an keinem Auslandseinsatz mehr teilnehmen.

Dass es sich lediglich um einen Spaß handelte, wollen nach langem Verhandlungstag weder Staatsanwalt noch Richter hinnehmen. Aber eine Meuterei sehen sie auch nicht. Das Verfahren wird eingestellt, wenn die sechs Männer Geldauflagen zwischen 1800 und 3600 Euro zahlen. Sie wirken erleichtert.

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