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Mecklenburg-Vorpommern

24. September 2017 | 03:29 Uhr

Rostock : Nur noch Haut und Knochen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Neun Jahre leidet Laura Timm an Magersucht, fünfmal begibt sie sich in Therapie – nun gibt es auch Online-Kurse

von
erstellt am 21.Jul.2017 | 20:55 Uhr

Das Gesicht wirkt ausgezehrt, die Wangen sind von einem zarten Flaum überzogen, die Knochen ragen gefährlich spitz an Schultern und Hüften hervor, die Rippen zeichnen sich ab. Laura Timm* studiert das Foto in ihrer Hand. Es ist ein Schnappschuss aus dem Sommerurlaub. „Damals wog ich 35 Kilo.“ Wenn sie wieder einmal an sich zweifelt, weil die Waage 400 Gramm zu viel anzeigt, schaut sie sich die Aufnahme an. „Ich wollte nie, dass jemand Bilder von mir macht. Heute bin ich froh über dieses Foto. So möchte ich nicht mehr aussehen.“ zwölf Jahre lang war Laura „die Kranke“, „der Sonderling“. Zwölf Jahre lang war sie magersüchtig. „Alles begann mit einem Schulwechsel“, erzählt sie. „Ich war 14, verließ das Gymnasium und ging auf die Realschule. Dort wurde ich gehänselt. Normalerweise wäre mir das egal gewesen, aber es war eine neue Umgebung und ich bin zu der Zeit in die Pubertät gekommen. Es war alles fremd.“

Laura brachte damals 52 Kilo auf die Waage – bei einer Körpergröße von 1,59 Meter. „Ich weiß, das war Normalgewicht.“ Dennoch fing sie an zu hungern. Am Ende aß sie nur noch einen halben Kaugummi am Tag. „Meine Eltern haben das erst nicht mitbekommen. Ich habe frühzeitig angefangen zu erbrechen. Ich hatte also einen Mix aus Magersucht und Bulimie“, beschreibt sie.

Als sie 15 wurde, war sie nur noch Haut und Knochen. Laura ging zum Psychologen, kam in Therapie. Mehr als fünf Monate verbrachte sie in der Klinik in Rostock, zwei Monate komplett auf Station. „Ich durfte gar nicht raus. Ich wurde nach dem Essen bewacht. Ich sollte liegen, durfte mich nicht bewegen.“ Für das junge Mädchen eine Qual. „Wenn man zwischen einer Masse von Essgestörten sitzt, lernt man sich gegenseitig zu beeinflussen. Die anderen waren für mich Konkurrenz. Waren sie dünner, wollte ich auch dünner sein. “ Laura lernte ihre Therapeuten auszutricksen, vor dem wöchentlichen Wiegen trank sie zwei Liter Wasser, um die gewünschte Zunahme zu erreichen. Magersucht trifft vor allem junge Mädchen, sagt Dr. Karsten Hake, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. „Es kommt zu einem dramatischen Gewichtsverlust, der willentlich herbeigeführt wird, zum Beispiel durch Verzicht auf Essen, Sport oder Abführmittel“, erklärt er. „Die Betroffenen leiden unter einer Körperschemastörung. Wenn sie in den Spiegel schauen, sehen sie eine dicke Frau.“ Die Mangelernährung führe nicht nur zu Haarausfall und einem Ausbleiben der Regel, sondern auch zu einer extremen Elektrolytverschiebung. „Das Herz schlägt langsamer.“

Auch Lauras Herz schlug einmal langsamer. Damals, als sie mit 18 Jahren nur noch 32 Kilo wog. Die Magersucht trieb sie fast in den Tod. „Ich habe meinen Körper geschändet, Raubbau betrieben.“ Durch das Erbrechen seien ihre Zähne in Mitleidenschaft gezogen worden, die Magensäure hat die Speiseröhre angegriffen. „Meine Angst vor Krebs ist natürlich sehr groß jetzt. Der Zerfallsprozess setzt sehr schnell ein.“

Einen der Hauptgründe für das Hungern sieht Hake in dem Hinterherjagen nach gesellschaftlich definierten Schönheitsidealen. „Für Frauen spielt das Aussehen eine wichtige Rolle. In der Pubertät verändert sich der Körper. Doch die Mädchen wollen ihre kindliche Figur behalten. Gleichzeitig ist die Essensverweigerung ein Ausdruck von Autonomie, ein Wehren gegen elterliche Ansprüche“, beschreibt der Experte. „Wenn die Umwelt dann auch noch positiv auf die Gewichtsabnahme reagiert, wollen die Betroffenen mehr davon.“ Das Dünnsein wird zum Wettbewerb. Dass inzwischen bereits Grundschulkinder anfangen, ihr Gewicht zu vergleichen, löst in Hake Warnsignale aus. „Das ist eine Vorstufe der Anorexie“, warnt er.

Hilfe sollen Betroffene bereits auf Online-Portalen bekommen. Die Therapie im Netz wird zum Beispiel von „Selfapy“ angeboten. Kosten für den günstigsten Kurs: 14.95 Euro. Die Angebote seien von Psychologen entwickelt worden. Die Hilfesuchenden würden mittels Übungen, Textarbeiten und Gesprächen therapiert. Auf diesem Weg sollen sie das eigene Essverhalten analysieren und verstehen, was die Essstörung aufrechterhält. „Essstörungen gehören zu den Erkrankungen, die schambelastet sind und in unserer Gesellschaft oft geheim gehalten werden. Betroffenen fällt es schwer, sich jemandem anzuvertrauen“, sagt Selfapy-Gründerin Kati Bermbach. Das Portal wirbt nicht nur mit dem Wegfall von Wartezeiten, sondern auch mit vollständiger Anonymität. „Die Online-Kurse schaffen Raum, um über die Essstörung zu sprechen“, erläutert die Berliner Psychologin.

Die Therapie im Netz empfiehlt Karsten Hake lediglich als Unterstützung nach einer stationären Behandlung. „Psychotherapie ist Beziehungsarbeit. Wir müssen die Patienten live sehen, sonst sind die körperlichen Folgen nicht nachvollziehbar“, verdeutlicht er. „Als alleiniges therapeutisches Instrument funktionieren die Online-Kurse nicht.“

Laura ist essgestört – auch heute noch. Das Essen ist nicht mehr ihr Feind, aber sie verzichtet auf bestimmte Lebensmittel wie Pizza, Nudeln oder Döner. „Ich kontrolliere mein Gewicht sehr stark“, gibt sie zu. Sie treibt täglich Sport und macht sich große Gedanken, wenn sie zunimmt. „Aber ich kann mich nicht aufgeben. Ich hab damals eine Entscheidung getroffen: Entweder ich bleibe die kranke Laura, die immer eine Sonderstellung hat, oder ich übernehme Verantwortung. Ich habe das Abi gemacht und mich in das Leben zurückgearbeitet. Der Lohn ist, dass ich als Frau wahrgenommen werde, die ihren Weg geht.“ Inzwischen ist Laura glücklich in einer Beziehung, sie hat einen Sohn, einen Uniabschluss und einen Job gefunden. Manchmal träumt sie noch davon, dass sie in einem Restaurant sitzt und nicht weiß, wo sie ihr Abendbrot erbrechen soll. Manchmal hat sie auch noch Essanfälle. „Die neue Struktur in meinem Leben gibt mir Halt. Ich habe gelernt, dass ich nicht nur einen Körper habe, den ich bearbeiten kann, sondern auch einen Kopf. Ich habe zwölf Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Aber ich habe es verstanden.“ Laura Timm legt das Foto zur Seite, sie dreht es um. Für heute reicht ihr der Ausflug in die Vergangenheit.

* Name von der Redaktion geändert

 

Die drei häufigsten Formen von Essstörungen

Binge-Eating: Niemals satt

Regelmäßige Essattacken können auf die sogenannte Binge-Eating-Störung hindeuten. Betroffene können mit dem Essen weder aufhören noch es kontrollieren. Diese Anfälle können wenige Male in der Woche, aber auch mehrfach täglich auftreten. Anders als bei Bulimie ergreifen Menschen mit Binge-Eating-Störung aber in der Regel nach einem Essanfall keine Gegenmaßnahmen wie sich zu übergeben. Deshalb sind sie oft übergewichtig – was einen zusätzlichen Leidensdruck mit sich bringt. In Gesellschaft essen Betroffene oft normal oder vermeiden es. Um ihre Essstörung in den Griff zu bekommen, müssen Betroffene sich zunächst eingestehen, dass sie ein Problem haben und Hilfe brauchen. Vor allem Menschen, die einen ausgeprägten Schlankheitsdrang haben, unzufrieden mit ihrer Figur sind oder die äußere Erscheinung überbewerten, neigen zur Binge-Eating-Störung.

Magersucht: Ewiges Hungern

Magersucht ist eine schwere psychische Erkrankung, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Betroffene finden sich zu dick und haben häufig eine Körperbildstörung. Selbst bei starkem Untergewicht nehmen sie zum Beispiel Bauch, Oberschenkel oder die Hüften als zu üppig wahr. In der Folgen essen sie kaum noch oder gar nicht mehr. Häufig ist das Hungern für Betroffene außerdem eine Methode, um unangenehme Gefühle wie Stress oder Angst zu bewältigen. Kurzfristig stellt sich bei ihnen Erleichterung ein. Auf Dauer verselbstständigt sich das Verhalten, und Erkrankte entwickeln ein Suchtverhalten. Magen- und Darmbeschwerden, Herz-Kreislauf-Störungen, Osteoporose oder organische Schäden können die Folge sein.

Laut einer Studie des Bundesbildungsministeriums leiden 0,5 bis 1 Prozent der Mädchen im Alter von 15 bis 25 Jahren in Deutschland darunter.

Bulimie: Das Essen muss raus

Betroffene essen viel mehr als sie eigentlich müssten, sie essen weiter, obwohl der Körper längst satt ist. Anschließend setzen Schuldgefühle ein. Die Betroffenen wollen die zu sich genommenen Kalorien wieder loswerden, zum Beispiel durch Erbrechen oder exzessives Sporttreiben. Oft geht eine innere Leere voraus, die mit Essen gefüllt wird.

Menschen mit Bulimie ist ihre Krankheit häufig nicht anzusehen. Sie sehen eher schlank und sportlich aus, aber nicht dürr. Deshalb wird diese Form der Essstörung auch häufig als heimliche Schwester der Magersucht bezeichnet. Sichtbar wird die Bulimie oft durch Schwielen an den Fingern oder Schäden an den Zähnen.

Wer an Bulimie leidet, schämt sich oft und bleibt in der Defensive. Bulimie tritt häufig nach der Pubertät auf und begleitet die Frauen bisweilen bis in die Dreißiger.


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