Wer fährt noch zur Grünen Woche? : Nur ein Drittel sind Produzenten

<strong>'Alter Schwede'' im Reifekeller</strong> der Ostsee-Molkerei in Wismar. Das Unternehmen produziert 43 000 Tonnen Käse und ist auf  der Grünen Woche zu erleben. <foto>Jens Büttner</foto>
1 von 2
"Alter Schwede"" im Reifekeller der Ostsee-Molkerei in Wismar. Das Unternehmen produziert 43 000 Tonnen Käse und ist auf der Grünen Woche zu erleben. Jens Büttner

Nahrungsmittel aus MV und die Grüne Woche: Bislang war beides untrennbar miteinander verbunden. Doch langsam ändert sich das Bild. Diesmal zählen von knapp 60 Ausstellern nur noch 20 zur Lebensmittelbranche.

svz.de von
15. Januar 2013, 08:06 Uhr

Schwerin | Wenige Tage vor Beginn der Internationalen Grünen Woche muss sich Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) Kritik am Ausstellungskonzept gefallen lassen: Nur etwa 20 der rund 60 Aussteller in der Länderhalle sind Produzenten von Lebensmitteln und Spezialitäten. Das Gros der Messestände wird von Landkreisen, Verbänden, Vereinen, Hotels und Gaststätten betreut. Frank Röntgen, stellvertretender Verbandsvorsitzender des Agrarmarketing Mecklenburg-Vorpommern: "Das Ausstellungskonzept des Landes muss modernisiert werden", das Marketing stimme nicht mehr. Auch seien die Standkosten für Mittelständler zu hoch. Auch die Hansano-Molkerei Upahl (Nordwestmecklenburg) ist seit Jahren nicht mehr auf der Grünen Woche präsent, wie ein Sprecher bestätigte. Die Messe habe zunehmend einen touristischen Schwerpunkt bekommen und gebe Markenherstellern nicht den passenden Gestaltungsrahmen mehr für ihre Eigendarstellung, hieß es. Backhaus tat die Kritik als "typisch Provinz" ab. Auf der Berliner Verbrauchermesse solle das "ganze Land" in Kleinformat präsentiert werden, dazu gehörte dann auch der Tourismus. Außerdem, so der Agrarminister, gebe es Wartelisten für Unternehmen, die unbedingt an der Messe teilnehmen wollten.

Von Produzenten, die ab Freitag dabei sind, können die Besucher wortwörtlich ein blaues Wunder erwarten. Heraufbeschworen werden soll es in der landeseigenen Halle, in der Lebensmittel aus Lupinen die Geschmacksnerven kitzeln sollen. Ein renommierter Koch wird auf der weltweit größten Messe der Ernährungswirtschaft ein Lupinennudelrisotto kochen, um den Messebesuchern zu demonstrieren, wie schmackhaft die Hülsenfrucht in Lebensmittel eingearbeitet werden kann. Wenn dies gelingt, könnte es dem Anbau und der Verarbeitung der Lupine in Mecklenburg-Vorpommern zum Durchbruch verhelfen.

"Für den bewussten Verbraucher" schickt Walter Kienast von der Firma Greifen Fleisch in Greifswald seine Würstchen auf die Messe. "40 Prozent des tierischen Fettes haben wir herausgenommen und durch Lupinen-Proteine ersetzt", sagt der Unternehmer. Denn "der Verbraucher" wolle zwar nicht weniger, aber gesünder essen, was durch den Lupinen-Extrakt gewährleistet werde. Auch Aufschnitt und Leberwurst will Kienast auf den Markt bringen. Zudem sollen lupinenhaltiges Brot, Nudeln und Eis auf der Grünen Woche angeboten werden. Das Eis ist quasi milchfrei und deshalb für manche Allergiker geeignet. Manche andere Produkte könnten künftig vollkommen ohne tierische Zusatzstoffe hergestellt werden und so Vegetarier überzeugen. Mehr als sechs Millionen Euro bekommt der Verbund "PlantsProFood" (Pflanzen für Lebensmittel) vom Bund, in dem sich Forscher, Züchter und Unternehmer zusammengeschlossen haben, um der Lupine auf den Esstisch zu helfen. Genau genommen geht es um die Blaue Süßlupine. Nach der Ernte werden aus den Samen Bitterstoffe und andere Bestandteile herausgelöst, erläutert André Schlichting von der Universität Rostock. Die verbleibende Proteinmasse mit einer quarkähnlichen Konsistenz wird dann den Bedürfnissen der Kunden angepasst. Lupinenproteine können in der Wurst Fett und Fleisch ersetzen und in der Dosen-Nudelsuppe das Eiweiß, das dafür sorgt, dass die Nudeln nicht matschig werden. Lupinenproteine können auch Backwaren länger frisch halten. Selbst in Kosmetika könnten Lupinenbestandteile verarbeitet werden, so Forscher Schlichting. Auf dem Markt ist bislang allerdings erst ein Speiseeis auf Lupinenbasis, das dem Hersteller ProLupin als willkommener Werbeträger dient. Eine halbe Million Euro Umsatz erzielte der Nachtisch, so Firmensprecherin Katrin Petersen. Als Hauptgeschäft will die Neubrandenburger Firma indes jene Lupinen-Proteine anbieten, die die Lebensmittelindustrie braucht. Bislang lässt ProLupin bei Vertragslandwirten auf rund 1000 Hektar Lupinen anbauen, die in einer Pilotanlage verarbeitet werden. Noch in diesem Jahr will die Firma die Produktionsstätte deutlich vergrößern. ProLupin hat einige Landwirte unter Vertrag. Denn aus freien Stücken haben die Bauern bislang selten Lupinen angebaut. Zwar sind die Verarbeitungsmöglichkeiten seit langem bekannt, aber für andere Feldfrüchte bekommen die Landwirte bislang deutlich mehr Geld. Die Bauern sind auch wenig geneigt, Lupinen statt Soja an ihre Tiere zu verfüttern. Lupinen sind zu teuer, das Risiko eines Ernteausfalls hoch und ihr Nährstoffgehalt kann mit dem des Sojas nicht konkurrieren, sagt Ralf Benecke vom Landesbauernverband. Bis also blaue Lupinenschläge das Gelb der Rapsfelder im Frühjahr verdrängen, können noch Jahre vergehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen