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Flugplatz Schwerin-Görries 1913-1918 : Nur die besonders Guten überlebten

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In den Pioniertagen der Luftfahrt war das Fliegen ein extrem gefährliches Unterfangen. Seit dem Sommer 1913 wurden auch auf dem neuen Flugplatz Schwerin-Görries Flieger ausgebildet.

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erstellt am 30.Jan.2012 | 12:01 Uhr

In den Pioniertagen der Luftfahrt war das Fliegen ein extrem gefährliches Unterfangen. Die einmotorigen Flugmaschinen waren außerordentlich zerbrechlich und auf den Flugplätzen herrschte oft die blanke Anarchie. Jeder flog, wie er wollte. Es gab keinen Tower, keine Fluglotsen, keine Luftüberwachung. Nur die Mutigsten waren bereit, sich auf dieses Wagnis einzulassen, und reihenweise bezahlten sie ihre Abenteuerlust mit dem Leben.

Seit dem Sommer 1913 wurden auch auf dem neuen Flugplatz Schwerin-Görries Flieger ausgebildet. Der niederländische Flugzeugkonstrukteur Anthony Fokker baute in Schwerin nicht nur Flugzeuge, sondern brachte hier auch jungen Offizieren das Fliegen bei. Fokker selbst war ein begabter Lehrer, der nicht so schnell aufgab. Er meinte: "Manche stellten sich anfangs sehr dumm an und wurden schließlich doch ausgezeichnete Piloten, zu ihnen gehörte unter anderen Richthofen." Die testosterongesteuerten Offiziere mit ihrem juvenilen Imponiergehabe waren gleichwohl eine schwierige Klientel. Im Juni 1914 ereignete sich der erste tödliche Unfall in Görries. Oberleutnant Reinhard Kolbe hatte seine Kameraden bereits durch drei einwandfreie Loopings beeindruckt, als er sich entschloss, die braven Bewohner des Dorfes Görries dadurch zu erschrecken, dass er im Tiefflug über ihre Häuser hinwegbrauste. Damit hatte er aber die Belastungsfähigkeit seiner Maschine überreizt. Der Motor setzte aus, er machte eine Bruchlandung im Gemüsegarten eines Hauses, die er nicht überlebte. Kaum einen Monat später passierte bereits der nächste Unglücksfall. Leutnant Friedrich von der Lühe stieß beim Start mit der Maschine des Fluglehrers Karl Geigant zusammen. Beide Piloten wurden schwer verletzt und starben kurz darauf. Die Bevölkerung reagierte auf den Unfall mit großer Anteilnahme. Vor allem der erst 23 Jahre alte Fluglehrer Geigant war außerordentlich beliebt gewesen.

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges im August 1914 verlangte die Armeeführung, deutlich mehr Piloten als vorher auszubilden. Fokker war stolz darauf. Er war als Flieger ein Profi und auch ein gewiefter Geschäftsmann. Für jeden Offizier, der die Flugprüfung erfolgreich bestand, zahlte ihm das Kriegsdepartement 7000 Mark, für Tote zahlte sie nichts. Entsprechend sorgsam ging Fokker bei der Ausbildung zu Wege. Den Militärs aber ging das alles nicht schnell genug. Eine private, von einem holländischen Zivilisten geleitete Flugschule passte eben nicht mehr in die Zeit. 1916 übernahm das Heer die Ausbildung von Piloten und Flugbe obachtern in eigener Regie und legte in Görries einen eigenen Militärflugplatz an. Für die Flugschüler hatte dies katastrophale Folgen.

Flugzeuge in kurzer Zeit zu Kleinholz verarbeitet

Fokker schrieb in seinen Memoiren: "Die Heeresflugschule verarbeitete die 22 Flugzeuge, die wir ihr überließen, in weniger als einem Jahr zu Kleinholz, und seitdem das Heer selbst seine Flugzeugführer ausbildete, kamen im Lande mehr Flieger um als an der Front." Zu einer Zeit, in der der deutsche Generalstab vor Verdun täglich tausende Soldaten opferte, zählte das Leben eines einzelnen Flugschülers nicht viel. Nur die besonders Guten und die besonders Glücklichen überlebten die brutale Auslese in der Fliegerbeobachterschule Schwerin. Der Kommandeur Hauptmann Eberstein ging offenbar davon aus, dass die anderen später an der Front ohnehin keine Chance haben würden.

Im Juli 1917 schrieb er an den Oberkirchenrat und bat um Überlassung von etwa 50 Grabstätten auf dem Schweriner Friedhof: "Der Dienst der Fliegertruppe ist mit einer erhöhten Gefahr verknüpft. Diese jungen Flieger erleiden hier ebenso wie ihre Kameraden im Felde den Heldentod fürs Vaterland." Die Plätze blieben nicht lange leer. Obwohl die meisten abgestürzten Flieger in ihre Heimat überführt wurden, waren hier 1918 bereits 12 Flugschüler beerdigt. Da in Görries nicht nur Piloten, sondern auch Flugbeobachter ausgebildet wurden, erfolgte die Ausbildung in zweisitzigen Maschinen. Meist wurde die Rumpler C VIII genutzt. Bei Abstürzen gab es folglich unweigerlich nicht nur einen, sondern zwei Tote. An besonders schwarzen Tagen wie am 16. Mai 1918, als zwei Flugzeuge über Görries in der Luft zusammenstießen, fanden gleich vier junge Männer den Tod.

Heute erinnert in Schwerin-Görries fast nichts mehr an diese Ereignisse. Das Flugplatzgelände ist weitgehend bebaut, die wenigen Flughafengebäude, die noch stehen, wurden von der Luftwaffe in den dreißiger Jahren errichtet. Nur auf dem alten Schweriner Friedhof am Obotritenring legen noch einige Grabsteine Zeugnis ab davon, wie gefährlich das Fliegen in der Pionierzeit war.

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