Streitbar : Nur der Ball ist rund

Nettes Beisammen statt kritische Analysen: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sitzt mit DFB-Spieler Lukas Podolski am Beckenrand eines Pools.
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Nettes Beisammen statt kritische Analysen: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sitzt mit DFB-Spieler Lukas Podolski am Beckenrand eines Pools.

ARD und ZDF haben viel Geld für die WM-Übertragung gezahlt. Also muss die Berichterstattung Erfolg haben, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
12. Juli 2014, 08:05 Uhr

Fangen wir mit dem Lichtblick an: Mehmet Scholl. Noch bevor die Wirbelbruch-Diagnose beim brasilianischen Superstar Neymar nach einem schweren Foul des kolumbianischen Abwehrspielers Juan Zúñiga im Viertelfinalspiel der WM bekannt wurde, fand Scholl die richtigen Worte. Scholl war in der ARD-Nachbereitung des Spiels „sauer, richtig sauer.“ Und zwar auf die FIFA: „Das kommt dabei raus, wenn die Schiedsrichter nicht in der Lage sind oder die Vorgabe haben, brutale Fouls nicht zu stoppen. Dann wird ein Neymar verschluckt, der wird vom Platz getragen.“

Wenn zugelassen würde, dass die Kleinen vernichtet werden, sei das nicht mehr unsere Sportart. Als „Gladiatorenkampf“ bezeichnete Scholl das Match Brasilien vs. Kolumbien. Und das war eine riesige Leistung. In seinem Wutausbruch hatte der nebenberufliche TV-Experte Scholl analysiert, zugespitzt und war dabei sogar noch unterhaltsam.



Gegenentwurf


Das Gegenteil von Scholl arbeitet fürs ZDF, ist hauptberuflich Moderatorin und setzte bei dieser Weltmeisterschaft neue Maßstäbe in den Disziplinen Ranschmeißen und Rumschleimen. Falls irgendwann mal das Buch über die Krise des Sportjournalismus' geschrieben wird, hätte das Bild von Katrin Müller-Hohenstein, die Lukas Podolski – nun ja: befragte – beste Chancen, auf dem Cover zu landen. Die beiden saßen auf einem Holzsteg und ließen die Beinchen ins Wasser baumeln. Hohenstein himmelte den Kicker an, dem Kicker sah man wiederum an, dass er sich ein wenig im falschen Film wähnte.

Per Mertesacker hätte dem ZDF-Team wahrscheinlich den Vogel gezeigt, wenn die Mainzelmännchen ihm die Idee vom Plausch auf dem Steg erzählt hätten. Lukas Podolski ist halt ein sehr höflicher Mensch und hat keinen Protest angemeldet.

Das Problem an dieser WM: Die Präsentation des Ereignis' war im Großen und Ganzen näher an der Performance von Müller-Hohenstein. Scholls klare Analyse war dagegen eine Ausnahme. Deswegen hat diese Fußball-Weltmeisterschaft das Zeug, eine Zäsur zu werden. Nicht nur wegen der bemerkenswerten Schiedsrichterdirektive, sondern auch wegen der über weite Strecken nur noch simulierten journalistischen Begleitung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es gelingt ARD und ZDF nicht mehr, in angemessener Form von der WM zu berichten. Die beiden Sender haben in Brasilien ein gefälliges, seichtes Rahmenprogramm geliefert. Sie haben sich aufgeführt wie PR-Firmen, die das Produkt ihres Auftraggebers ins rechte Licht setzen.



Verkehrte Verhältnisse


Dafür hätte die FIFA nach aller Logik eigentlich Geld bezahlen müssen. Doch bei großen Sportereignissen läuft es umgedreht: Die Sender zahlen für die Rechte. Wie bei ARD und ZDF üblich, schweigt man sich über die aus dem Rundfunkbeitrag bezahlte Summe aus. So viel Transparenz fordern die Anstalten nur in ihren Investigativ-Magazinen von anderen. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 150 und 180 Millionen Euro für die Rechte an allen 64 Spielen der Weltmeisterschaft in Brasilien bezahlt wurden.

Und diese gewaltige Summe ist das Problem: Warum sollte man sich diesen teuren Einkauf mit echtem Journalismus, mit kritischer Berichterstattung und harten Fakten versauen? So was kann man mit einem H&M-T-Shirt für 9,99 Euro beim ‚„Markencheck im Ersten“ machen, jedoch nicht mit dem Geschäftspartner FIFA in der „Sportschau“.

Journalisten, die für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten arbeiten, bezeichnen private Medienhäuser, egal ob RTL und Sat1 oder „Stuttgarter Zeitung“ und „Kölner Express“, gerne abschätzig als „Kommerzbuden“. Sich selbst sehen sie dagegen als Korrektiv und unabhängige Mahner. Wie jedoch diese WM noch kommerzlastiger präsentiert hätte werden können, bleibt ein Rätsel.

Und es geht hier nicht nur um die rosarote FIFA-Fußballwelt. Es geht auch um die gnadenlose Zentrierung rund um die Deutsche Nationalmannschaft. 32 Teams sind nach Brasilien gereist und ARD und ZDF beschäftigen sich gefühlt 120 Prozent ihrer Präsentationszeit mit einem Team. Geht es doch mal um eine andere Auswahl, wird sie auf ihre Gefahr für die Deutschen hin abgeklopft.


Peinlich am Mikrofon


Viele Sportjournalisten sind Fans, die es hinter die Absperrung geschafft haben. Dieser unter Medienkritikern weit verbreitete Satz ist so gut, dass man sich darüber ärgert, nicht selbst auf ihn gekommen zu sein. Katrin Müller-Hohenstein ist nur die peinlichste unter den zahlreichen Mikrofonhaltern, die den Sportlern dümmliche Fragen nach Spielschluss stellen oder aufmunternde Worte vor wichtigen Matches spenden. Stellen Sie sich mal ganz kurz vor, ein Politikkorrespondent würde vor dem Reichstag einen Minister abpassen und folgende Frage stellen: „Wie fühlen Sie sich nach dieser Debatte?“ Oder auch: „Sie haben gerade vier starke Argumente gegen Ihren Gegner gebracht. Darauf kann man doch aufbauen, oder?“

Insofern ist es nur folgerichtig, dass ARD und ZDF bei den Präsentatoren der großen FIFA-Show zunehmend auf Showmaster und Comedians wie Matthias Opdenhövel oder Oliver Welke zurückgreifen. Für die kritischen Anmerkungen ist dann das outgesourcte Expertenwissen der Herren Mehmet Scholl, Oliver Kahn, Giovanne Elber oder Urs Meier zuständig.

Am Ende stellt sich die Frage, ob dieses Showprogramm unbedingt öffentlich-rechtlich organisiert und finanziert werden muss. ARD und ZDF, die wegen ihrer garantierten Einnahmen aus der sogenannten „Haushaltsabgabe“ schmerzfrei und quasi ungedeckelt um die deutschen Übertragungsrechte mitbieten konnten, trieben RTL und SAT1 in den vergangenen vier Wochen in die Verzweiflung. Was nicht Fußball war, bedeutete Quotenkatastrophen und damit deutlich verminderte Werbeeinnahmen. Eine Präsentation wie die öffentlich-rechtlichen Anstalten hätten die Privatsender wahrscheinlich auch auf die Beine stellen können. Werbefrei war die WM bei ARD und ZDF sowieso zu keiner Sekunde. Und journalistisch hätte auch die „ran“-Redaktion bei Sat1 mit „Sportschau“ und „Sport Extra“ mitgehalten. Und dass der begnadete Fußballkommentator Wolff-C. Fuß, der in Diensten von Pro7 und Sat1 ist, dieser WM gut getan hätte, kann niemand ernsthaft bezweifeln, der nicht auf die anästhesierende Wirkung von Béla Réthy oder Gerd Gottlob angewiesen ist.


Versteckte Perlen


Die Politik hätte die Mittel und Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass große Sport-Show-Ereignisse und die ausrichtenden Verbände nicht zulasten der Gebührenzahler von ARD und ZDF gemästet werden. Die Medienpolitiker in den Bundesländern könnten diese WM zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken.

Bleibt am Schluss dieser Weltmeisterschaft noch ein kleiner Serviceblock. Eine völlig andere Perspektive auf den Fußball in Brasilien nahmen der Journalist Klaas Reese und der Schiedsrichter Alex Feuerherdt als „Collinas Erben“ ein. Zur WM waren die beiden im „Deutschlandradio Wissen“ regelmäßig als Kommentatoren strittiger Schiedsrichterentscheidungen zu hören. Darüber hinaus betreiben sie einen Podcast, der sich mit Fußball aus der Sicht der Schiedsrichter befasst. Rätselhaft, warum ARD und ZDF die beiden Fachleute nicht zur WM auf den Bildschirm geholt haben. Vielleicht, weil sie nicht aus dem Showgewerbe kommen.

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