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Mecklenburg-Vorpommern

24. September 2017 | 21:35 Uhr

"Nun beginnt die Zeit des Daumendrückens"

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jun.2013 | 09:08 Uhr

Boizenburg | Bilder sagen manchmal mehr als Worte. Wer wissen will, wie es derzeit bei Boizenburg aussieht, der sollte sich dieses Foto der Polizei anschauen, das während eines Überwachungsfluges per Hubschrauber entstand. Die gute Nachricht: Das Wasser ist stärker gefallen als vorhergesagt, doch die Deiche müssen einem extremen Druck standhalten. Über die Rekordflut, ihre Auswirkungen und Erfahrungen, die aus ihr zu ziehen sind sprach SVZ-Redakteur Dietmar Kreiß mit dem Abteilungsleiter Naturschutz, Wasser und Boden im Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Westmecklenburg, Frank Müller.

Herr Müller, 732 Zentimeter am versunkenen Pegel Boizenburg, wo ist die absolute Schmerzgrenze erreicht?

Frank Müller: Die Schmerzgrenze liegt eigentlich nach wie vor bei der Bemessungsgrundlage für die Hochwasserschutzanlagen nach dem so genannten Bemessungshochwasser (BHW) von 1983 mit 680 Zentimeter am Pegel. Der Freibord von 100 cm sollte nur dem Schutz vor Wellenschlag dienen. Gleichwohl sind die heutigen Deiche nach der erfolgten Sanierung erheblich stabiler, so dass auch bei höheren Wasserständen wie jetzt eingetreten, die reale Chance der Verteidigung besteht, allerdings dann, wegen Überschreitung des angenommenen Belastungsfalls mit erheblichen zusätzlichen Risiken. Zu dem "versunkenen" Pegel ist zu sagen, dass ein Behelfslattenpegel installiert wurde, der die Wasserstände über 720 cm anzeigt.

Welche Vorbereitungen konnte das StALU vor der Rekordflut treffen?

Neben einer soliden Bauausführung bei der Sanierung der Deiche, kommt es auf einen stets zu erhaltenden guten Unterhaltungszustand der Hochwasserschutzanlagen an. Bei diesem Ereignis hat sich in besonderer Weise der Wert der regelmäßigen Deichschauen ausgezahlt, die für den Schaubereich Boizenburg gerade mal einen Monat vor Beginn des Ereignisses stattfand. Im Ergebnis wurde den Anlagen ein ausgezeichneter Zustand bescheinigt, so dass diesbezüglich mit einem sicheren Gefühl dem Hochwasser entgegengesehen werden konnte.

Zusätzlich war angesichts der prognostizierten Wasserstände über der Deichkronenhöhe die Aufkadung erforderlich. Mit einem bewundernswerten Kraftakt der zahlreichen Helfer konnte die zeitweilige Erhöhung der Deichkronen um 30 Zentimeter rechtzeitig komplett hergestellt werden.

Ist die Gefahr gebannt?

Der größten Gefahr, das Überströmen der Deiche und damit die sehr wahrscheinliche Zerstörung, sprich Deichbruch, wurde durch die Aufkadung begegnet. Dass diese letztlich nicht beansprucht wurde, weil der Wasserstand nicht so hoch gekommen ist, ist den Deichbrüchen bei den Oberliegern und der erfolgreichen Havelpolderflutung geschuldet. Die Gefahr eines zu hohen Scheitelwasserstandes ist gebannt. Mit Eintreten eines Wasserstandes von über bzw. um den Wert von 680 cm (BHW) begann nun die Zeit des "Daumendrückens", dass sich nicht mit zunehmender Durchfeuchtung der Deiche bisher nicht bekannte Schwachpunkte zeigen, die zur Gefahr werden können. Das Auftreten der bereits sichtbaren Qualmstellen, die teilweise verbaut werden müssen, war zu erwarten. Nun sind die Deichwachen das wichtigste Element der Hochwasserabwehr.

Die Flut kommt in immer kürzeren Abständen mit größeren Auswirkungen, woran liegt das?

Hierzu eine Aussage zu treffen, wäre rein spekulativ. Wir müssen im Nachhinein dieses Ereignis analysieren, in die Zeitreihen einordnen und Rückschlüsse ziehen. Dazu ist es jetzt zu früh. Die volle Konzentration aller Kräfte gilt weiterhin der erfolgreichen Kehrung der nach wie vor gefährlichen Wasserstände.

Ministerpräsident Erwin Sellering sprach in Boizenburg angesichts des vollen Hafenbeckens von Handlungsbedarf. Worin besteht dieser aus Ihrer Sicht?

Das Hauptaugenmerk ist auf die Ertüchtigung des Abfluss-profils der Elbe zu richten. Die dazu eingeleiteten Planungen sind zügig voranzutreiben.

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