zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 02:55 Uhr

Hintergrund : Nützliche Spinnenseide

vom
Aus der Onlineredaktion

Die feinen Fäden könnten die Medizin einen großen Schritt voranbringen – vor allem, da man sie jetzt künstlich herstellen kann

Spinnennetze sind vielen ein Ärgernis. Anders sehen das Materialexperten der Universität Bayreuth. Spinnenseide ist für sie ein extrem spannendes und vielseitiges Material. Gemeinsam mit der Universitätsklinik Erlangen konnte der Bayreuther Professor Thomas Scheibel Ansätze zeigen, wonach Spinnenseide sich eignen könnte, um Herzgewebe für Infarkt-Patienten wiederherzustellen. Genauer gesagt geht es um die Proteine, die der Seide Struktur und Festigkeit verleihen.

Bis vor kurzem war es nicht möglich, das Protein in großer Menge und gleichbleibender Qualität herzustellen. Doch kürzlich war es soweit: „Uns ist es gelungen, ein rekombiniertes Seidenprotein der Gartenkreuzspinne in größeren Mengen und bei gleichbleibender hoher Qualität zu produzieren“, sagt Scheibel.

Am Thema Tissue Engineering, also Gewebekonstruktion oder -züchtung, werde intensiv gearbeitet, sagt Prof. Wolfram-Hubertus Zimmermann vom Deutschen Zentrum für Herzkreislaufforschung an der Universitätsmedizin Göttingen. Es werde mit vielen Materialien geforscht. Die Ergebnisse aus Bayreuth und Erlangen seien ein „sehr früher Ansatz“. Neu sei die Herstellung der Seide außerhalb des Spinnenkörpers. Es sei richtig, Spinnenseide in diesem Kontext weiter zu testen. Wie die Entwicklung weitergehe, sei jedoch noch offen.

Spinnenseide ist belastbarer als Nylon, Kevlar und alle anderen bekannten Fasermaterialien. Die Idee, sie als Werkstoff zu nutzen, gab es bereits in den 1980er Jahren. Doch namhafte Chemiekonzerne sind an der Großproduktion gescheitert. „Damals hat jeder gesagt, das schafft man nicht“, erinnert sich Scheibel. Spinnen in großer Schar zu züchten und diese zu melken sei unwirtschaftlich. Zudem nehme die Qualität der Seide von Spinnen in Gefangenschaft ab.

Verantwortlich für die mechanischen Eigenschaften von Spinnenseide sind ihre kleinsten Bausteine, die Proteine. Daher genügt es, diese in großer Menge zu produzieren. Nur ist Protein nicht gleich Protein. Und bei den Proteinen der Spinnenseide gibt es ein gravierendes Problem: Ein kleiner Anstoß von außen genügt, damit sie sich zu extrem festen Strukturen zusammenlagern. „Das ist essenziell für den Spinnprozess in der Natur, beim Rühren und Reinigen ist das eher hinderlich“, erklärt Scheibel.

Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern aus seiner damaligen Arbeitsgruppe an der TU München gründete er im Jahr 2008 das Start-up-Unternehmen AMSilk. Drei Jahre hat es gedauert, bis sie ein Protein aus der Dragline-Seide der Gartenkreuzspinne in einem
120 000 Liter großen Fermenter herstellen konnten. Dazu mussten die Forscher die Spinnenproteine über sogenanntes „protein engineering“ ein wenig verändern und einen besonderen Reinigungs- und Spinnprozess entwickeln. Auf diese Weise entsteht nun ein weißes Garn, das sich äußerlich kaum von anderen Fasermaterialien unterscheidet. Der große Unterschied zu synthetischen Polymeren ist allerdings, dass der biologische Werkstoff komplett recycelbar ist. „In der Natur frisst die Spinne ihre Netze auf“, so Scheibel.

Adriane Lochner

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen