Mord an Mehmet Turgut : NSU-Prozess: Die Spur führt nach Rostock

Die Namen der NSU-Mordopfer auf einer Gedenktafel am Halitplatz in Kassel in Hessen. Foto: Uwe Zucchi
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Die Namen der NSU-Mordopfer auf einer Gedenktafel am Halitplatz in Kassel in Hessen. Foto: Uwe Zucchi

Der Mord an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock wird Gegenstand des am Montag beginnenden Prozesses gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer der Terrorgruppe NSU sein.

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03. Mai 2013, 06:00 Uhr

Rostock | Vier Schüsse aus einer Ceska 83 mit Schalldämpfer. Drei treffen den Kopf und den Hals. Eine Kugel verfehlt ihr Ziel nur knapp. Der 26-jährige Mehmet Turgut liegt schwerverletzt im Dönerimbiss "Mister-Kebap-Grill". Die Täter verschwinden ungesehen.

Der hinterhältige Mord am 25. Februar 2004 wird Gegenstand des am Montag beginnenden Prozesses gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe sowie gegen vier mutmaßliche Helfer der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) sein. Ein detailliertes Bild vom Geschehen an jenem Vormittag im Neudierkower Weg im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel zeichnet ein 41-seitiger Bericht des Innenministeriums in Mecklenburg-Vorpommern an die Fraktionen im Schweriner Landtag.

Danach kommt nur wenige Minuten nachdem die Täter weg sind gegen 10.20 Uhr der Besitzer, ein entfernter Verwandter Turguts, in den Imbiss. Der Schwerverletzte lebt noch, ist aber nicht mehr ansprechbar, heißt es in dem Bericht, der unserer Redaktion vorliegt.
Verfassungsschutz gibt Hinweis auf Drogen

Turgut wird nach draußen getragen. Zwei hinzukommende Zeugen verständigen über Notruf die Einsatzleitstelle. In der Nähe ist zufällig eine Streifenwagenbesatzung unterwegs, die 10.25 Uhr am Tatort eintrifft. Noch einmal fünf Minuten vergehen bis eine Notärztin mit Rettungswagen da ist. "Trotz sofort eingeleiteter Rettungs- und Reanimierungsmaßnahmen verstarb Mehmet Turgut gegen 11.10 Uhr im Rettungswagen am Tatort", steht im Bericht.

Die im Imbiss gefundenen Munitionsteile wurden im Bundeskriminalamt (BKA) mit denen aus anderen Waffendelikten verglichen. Am 11. März 2004 stand fest, dass es sich bei der Tatwaffe in Rostock um jene Pistole der Marke Ceska, Modell 83, Kaliber 7,65 mm handelt, die bereits bei vier Serienmorden in Nürnberg, Hamburg und München in den Jahren 2000 und 2001 verwendet worden waren. Vier weitere Morde an drei Türken und einen Griechen werden nach der Bluttat von Rostock mit dieser Ceska bis zum Jahr 2006 noch begangen. Ein Zusammenhang mit dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn 2007 wurde bis 2011 nicht erkannt, weil die Täter in diesem letzten Mordfall zwei andere Waffen benutzten.

Die Untersuchungen zur Bluttat in Toitenwinkel übernahm die Rostocker Kriminalpolizei. Von 2006 an führte eine Sonderkommission "Kormoran" des Landeskriminalamtes (LKA) die Ermittlungen. Lange gingen Fahnder auch im Fall Turgut von der falschen Annahme aus, dass der Türke Opfer einer Auseinandersetzung in der Organisierten Kriminalität geworden war, weil Leute aus Turguts Umfeld mit Rauschgift gehandelt hätten.

Vom Verfassungsschutz erhielt das LKA am 2. September 2004 den Hinweis, dass Turgut selbst in Rostock für unbekannte Hintermänner Drogen verkauft aber das Geld nicht an seine Auftraggeber abgeführt hätte. Stattdessen habe er es an seine Familie weitergegeben. Die Ermittlungsrichtung war damit vorgegeben.

Einen rechtsextremen Hintergrund schloss die Polizei 2007 aus. Damals begründete ein leitender LKA-Beamter im Gespräch mit unserer Redaktion dieses so: "Aus den Taten kann kein politisches Kapital geschlagen werden." Er verwies darauf, dass es anders als sonst bei politisch motivierten Morden keine Bekennerschreiben gab.

Ermittlungen brachten keine Erkenntnisse

Tatsächlich hatten die LKA-Ermittler in diesem Mordfall zwei Hinweise auf einen rechtsextremen Hintergrund. Zum einen meldete sich eine Hinweisgeberin aus Mecklenburg-Vorpommern 2006, die eine Ähnlichkeit zwischen den in der Sendung "Aktenzeichen XY-ungelöst" gezeigten Nürnberger Phantombildern und zwei Jugendlichen aus ihrem persönlichen Umfeld zu erkennen glaubte. Die zwei Personen gehörten zur rechten Szene. Eine Überprüfung führte allerdings Anfang 2007 zu einem sicheren Ausschluss eines Tatzusammenhangs.

In einem anderen Fall rief ebenfalls 2006 ein Strafgefangener aus der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel beim Schweriner LKA an, der im Gefängnis gehört haben wollte, dass ein "Nazi hinter den Taten" stecken soll. Das LKA gab den Hinweis an die besondere Ermittlungsgruppe "Bosporus" in Nürnberg weiter, wo die Behauptung bereits bekannt war.

Auch andere Ermittlungen brachten keine Erkenntnisse, und so stellte die Staatsanwaltschaft Rostock das Ermittlungsverfahren am 7. November 2011 ein.

Nur zwei Monate später, am 11. November 2011 wurde das LKA darüber informiert, dass die gesuchte Pistole Ceska 83 in der Wohnung von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in Zwickau gefunden wurde - die Waffe, mit der auch Mehmet Turgut erschossen worden war.

Böhnhardt und Mundlos hatten sich am 4. November 2011 nach einem Banküberfall selbst in Eisenach getötet und ihren Wohnwagen in Brand gesetzt. Beate Zschäpe jagte anschließend die Wohnung in Zwickau in die Luft und meldete sich danach mit ihrem Anwalt bei der Polizei.

Im Schweriner LKA wurde nach Bekanntwerden der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" noch 2011 eine Ermittlungsgruppe mit zunächst 25 Beamten aus dem Staatsschutz aufgebaut. Der Personalstand der Gruppe wurde später auf 29 Ermittler aufgestockt. Sie sollten die Besondere Aufbauorganisation "Trio" des Bundeskriminalamtes (BKA) unterstützen, die bundesweit die Untersuchnungen zu den Taten und Hintergründen des NSU aufgenommen hatte.

Die Schweriner Ermittler bearbeiteten seit 2011 etwa 240 Einzelaufträge. "Im Ergebnis konnten, über das Tötungsdelikt in Rostck sowie die Banküberfälle hinaus, keine strafrechtlich relavanten Bezüge zum NSU festgestellt werden", schrieb das Innenministerium.

Hatte die Terrorzelle Helfer in MV?

Warum wurde Mehmet Turgut, der erst wenige Tage im Imbiss seines Onkels arbeitete, Opfer des NSU? Warum Rostock? Vieles von dem Verbrechen, das am 25. Februar 2004 die Hansestadt erschütterte, blieb bis heute im Dunkeln.

Nichts ist auch über die Hintergründe zu zwei Überfällen auf eine Stralsunder Sparkasse im November 2006 und Januar 2007 bekannt, die ebenfalls auf das Konto des NSU gehen sollen. Welche Beziehungen hatte die Terrorzelle zu Mecklenburg-Vorpommern?

Der am Montag beginnende Prozess gegen Beate Zschäpe und den mutmaßlichen Helfern soll auch im Fall Turgut die Wahrheit ans Licht bringen.

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